Im Stall

Ja, wie kann man dem Schwein etwas Gutes tun? Klaus Albersmeier nimmt uns mit auf einen Rundgang über das Gelände. Zu unserer Linken erheben sich ein gelb getünchtes Gebäude und eines aus Backstein mit zwei Schornsteinen; früher waren das ein Bullenstall und eine Scheune, heute „wohnen“ dort Schweine. Geradeaus in einer Halle mit einer großen Mühle stellen die Albersmeiers eigenes Tierfutter aus frischem Getreide her, das sie fermentieren und zu einer Art Müsli anreichern. Auf dem Weg zum ersten Schweinestall kommen wir an einer Wiese mit einem flachen Gehege vorbei, ein bisschen wie ein Kaninchenauslauf, in dem sich schwarz- und braun-weiß gescheckte Welpen tummeln. Czarny, eine der beiden Hofhündinnen, hat Junge bekommen. Zum Glück sind sie schon alle verkauft – in dem Moment, in dem sie einem durch die schmalen Gitterstäbe des Gehegezauns hindurch am Finger knabbern, möchte man sie eigentlich sofort mit nach Hause nehmen. 

Wenn man Klaus Albersmeier zuhört, versteht man vor allem eines sehr schnell: Man macht sich als Laie keine Vorstellung davon, was es bedeutet, einen landwirtschaftlichen Betrieb von der Größe des Albersmeier’schen – ursprünglich 5.200 Mastplätze, 120 Hektar Ackerland – umzustellen. Viele Menschen haben die grausamen Bilder von Massentierhaltung und Tierelend vor Augen, daher möchten sie möglichst Bio-Fleisch kaufen oder zumindest korrekt erzeugte konventionelle Waren – sie sind oft verunsichert.   Wie so oft im Leben sind die Dinge auch bei der Fleischerzeugung nicht schwarz-weiß und Prozesse wie der Umbau der Ställe in Hüttinghausen erfordern sehr viel Zeit, Mut und Experimentiergeist. „Wir liebäugeln mit der Umstellung auf Bio“, sagt Klaus Albermeier. „Vorerst scheitert es aber noch daran, dass es nicht genug Bioferkel gibt.“ Die Albersmeiers beziehen ihre Ferkel von einem Erzeuger aus der direkten Nachbarschaft, auch das ist ungewöhnlich. Ihr Futter ist seit drei Jahren gentechnikfrei, es werden keine Antibiotika beigemengt. „Das war mal vor über 20 Jahren so, dass macht heute kein Schweinehalter mehr. Aber leider ist das in den Köpfen der Verbraucher immer noch als Vorurteil gespeichert“. Die Albersmeiers verabreichen auch keine Reserveantibiotika, behandeln ihre Tiere aber mit vom Tierarzt verschriebenen Medikamenten, wenn sie so krank sind, dass ihnen geholfen werden muss. 
 

Keine Spalten mehr

Uns kommen jetzt die ersten rosafarbenen Schweine mit schwarz gesprenkelten Rücken entgegen; neugierig stecken sie ihre feuchten Rüssel durch die metallenen Stäbe der Auslauf-Begrenzung und schauen aus ihren klaren Augen zu uns Besuchern hoch. Hier im lichtdurchfluteten Außenbereich ist ordentlich Platz; einige der Tiere faulenzen im Stroh, andere schubbern sich aneinander. Eins steht in der Ecke, wackelt mit den Ohren und mampft. Die Gruppe, die wir beobachten, wird noch acht Tage hier sein, dann geht es zur Schlachtung. Acht Einheiten   mit Innenställen und Auslauf gibt es auf dem Hof, die Tiere sind nach Alter und Gewicht getrennt. Die Ausläufe, in die die Tiere aus den Ställen über Rampen gelangen, sind neu. Das Halten der Schweine auf Spalten hat Klaus Albersmeier ganz aufgegeben. Auch Außenställe mit Spalten gibt es bei ihm nicht – die Schweine dürfen im Innen- wie im Außenbereich wild durcheinanderlaufen, Gitter gibt es nur noch, um sie zu sortieren, wenn es sein muss. „Wenn da mal eins krank ist, rennt man dem ganz schön hinterher“, schmunzelt er.

Außerdem ist hundertprozentige Strohhaltung angesagt, und das hat seine Herausforderungen. Marianne Albersmeier kommt hinzu und sagt: „Manchmal geht es darum, das Stroh nicht wie Scheiße aussehen zu lassen.“ Sie lacht. Als Verbraucher will man die Schweine, die man später verspeist, glücklich in gelbem Stroh tollen sehen – aber die Tiere nässen das Stroh gerne ein, um sich im Sommer abzukühlen. „Es ist auch nicht alles schlecht auf Spalten“, sagt Klaus Albersmeier. Er stehe dazu, dass er konventionelle Schweinemast betrieben habe – und auch in einem Außenstall zurzeit noch betreibe. Er würde konventionellen Landwirten nie einen Vorwurf machen: „Es gibt natürlich schwarze Schafe, aber die gibt es überall.“

Aufwendiger Genehmigungsprozess

Gerade dieser unideologische Pragmatismus ist es wohl, der die Albersmeiers das große Wagnis hat eingehen lassen: 1,5 Millionen Euro haben sie investiert. Allein der Umbau der Ställe hat 180.000 Euro gekostet. Es gibt kaum Vorbilder für das, was in Hüttinghausen passiert: Die Gutachter von der Genehmigungsbehörde wussten selbst teilweise nicht, was möglich ist und was nicht, mussten mehrmals anreisen, um den Hof zu inspizieren. „Die wollten natürlich auch nichts falsch machen“, sagt Marianne Albersmeier und zuckt verständnisvoll mit den Schultern.

Es gab einige Hürden zu überwinden: Die Albersmeier fanden keine Baufirma, also stellten sie kurzentschlossen Flüchtlinge an. Seid Kossaibati, ein Mann aus dem Libanon, arbeitet immer noch bei ihnen. Jeden Tag essen die Albersmeiers mit ihren Mitarbeitern am großen Tisch in der geräumigen Küche. Fünf feste Mitarbeiter und einen Auszubildenden gibt es derzeit. Jeden Tag um sechs wird beim „Morgenappell“ besprochen, was zu tun ist: Die Wochenenden werden aufgeteilt, die Tierbetreuung muss für sieben Tage die Woche und auch an Feiertagen gewährleistet sein. 
 

Vorbildfunktion?

Wir laufen über den Hof, von Stall zu Stall, von Auslauf zu Auslauf. „Wir könnten sogar Bioschweine halten“, sagt Klaus Albersmeier. „Wir haben jetzt 1,5 Quadratmeter Platz pro Tier. Das ist doppelgesetzlicher Standard.“ Bioverhältnisse hätten sie, wenn es 2,3 Quadratmeter wären – dafür müssten es etwa 20 bis 30 Prozent weniger Schweine werden. Die Albersmeiers haben die Anzahl ihrer Tiere schon erheblich reduziert. Ob sie auch Vorbild für andere sein wollten? „Wir befinden uns mitten in einem Strukturwandel“, so Klaus Albersmeier „Es gibt dadurch eine Phase der Ungewissheit. Viele Betriebe wollen etwas ändern und denken über Möglichkeiten nach. Aber sie haben keine Perspektive.“ Ein derart grundlegender Umbau, wie ihn die Albersmeiers gemacht haben, ist und bleibt ein Risiko: Man muss den Kredit abbezahlen, hat Schulden, weiß nicht, wie die Standards in Zukunft sein werden. Doch die beiden sind sich einig: „Aufgeben ist keine Alternative.“