Der Schornstein entlässt eine große Dampfwolke über dem riesigen Werkgelände von Südzucker in der pfälzischen Gemeinde Offstein. Bereits seit 1884 wird hier Zucker hergestellt. Ein karamellartiger Geruch liegt an diesem Tag in der Luft und die Maschinen in der Fabrik laufen auf Hochtouren. Klaus Schwab, Leiter im hiesigen Werk der Südzucker AG, läuft zügigen Schrittes in Richtung Fabrikgebäude zur allmorgendlichen Frühbesprechung. Zusammen mit seinen Mitarbeitern resümiert er, wie der vergangene Tag gelaufen ist.

Während der sogenannten „Kampagne“ – so wird Verarbeitung der Rüben nach der Ernte bezeichnet – steht die Zuckerfabrik nicht still. Innerhalb von knapp drei Monaten laufen die Maschinen 24 Stunden am Tag und mehrere 100 Mitarbeiter sind im Werk in drei unterschiedlichen Schichten beschäftigt. Aus den ca. 1,5 Millionen Tonnen Rüben werden in Offstein jährlich bis zu 250.000 Tonnen Zucker gewonnen. In Zukunft wird es sogar deutlich mehr sein, da in diesem Jahr die EU-Zuckerquote ausläuft, wonach bislang lediglich 85 Prozent des an die Lebensmittelindustrie verkauften Zuckers aus heimischer Produktion stammen durften. „Die Abschaffung der Zuckerquote wird den Wettbewerb deutlich verschärfen. Daher werden wir von nun an die Kampagne verlängern und größere Mengen Zuckerrüben verarbeiten, um mehr Zucker zu produzieren“, erklärt Klaus Schwab nach der Frühbesprechung. Der Werkleiter hat also alle Hände voll zu tun. Trotzdem hat er sich Zeit genommen, um seine Gäste über das Gelände zu führen.

Als Laie ist man von den Maschinen und der ausgeklügelten Technik im Zuckerwerk unweigerlich beeindruckt. Dass der Werkleiter viele Fachausdrücke verwendet, verstärkt dieses Gefühl noch. Klaus Schwab weiß, dass der Prozess der Zuckerproduktion für Außenstehende nicht einfach zu erfassen ist und verspricht: „Ich will versuchen, so einfach wie möglich zu erklären, wie wir aus der frisch geernteten Rübe den Kristallzucker generieren.” 

Von der Rübe zum Kristall

Die Tour über das Fabrikgelände beginnt draußen, dort, wo alle paar Minuten ein LKW ankommt, um die nächste Ladung frisch geernteter Rüben anzuliefern. Im Umkreis von 100 Kilometern bauen rund 2.100 Landwirte den Zuckerrohstoff für das Werk in Offstein an. Klaus Schwab begrüßt einen LKW-Fahrer mit einem Kopfnicken. „Jede LKW-Ladung wird verwogen und eine Probe entnommen, um den Zuckergehalt der Rüben zu prüfen”, erklärt er. Der Zuckergehalt schwanke abhängig von Sorte, Witterung und Standort zwischen 15 und 23 Prozent. Die Landwirte würden deshalb nicht für die Anzahl der Rüben bezahlt, sondern für die Menge des Zuckers, den sie liefern. Schwab zeigt auf einen kräftigen Wasserstrahl. Dieser spült die Rüben aus dem LKW heraus und befreit sie dabei von Steinen, Blättern und Erde. Ein Förderband transportiert die Rüben anschließend in das Fabrikgebäude, genauer gesagt, in den Rübenbunker, bevor sie in der Schneidestation zu sogenannten Rübenschnitzeln zerkleinert werden. „Diese Schnitzel werden dann weiter in die Extraktion befördert“, sagt Schwab und zeigt auf die Extraktionstürme – zwei weiße Türme gleich neben dem Gebäude am Ende des Förderbands. Dort wird den Rüben mit der Zugabe von Wasser bei rund 70 Grad Celsius der Zucker entzogen. Der dadurch gewonnene Rohsaft sieht wie eine trübe Brühe aus und muss anschließend durch gebrannten Kalk und CO2 gereinigt und danach so oft filtriert werden, bis daraus der sogenannte Dünnsaft wird.

Schwab führt seine Gäste zurück ins Innere der Fabrik. Er schwenkt einen Becher mit Flüssigkeit in seinen Händen und erklärt: „Das ist der sogenannte Dünnsaft. Dieser ist ganz klar, besteht zu 80 Prozent aus Wasser und zu etwa 16 Prozent aus Zucker.“ Im nächsten Schritt gilt es, den Dünnsaft vom Wasser zu befreien. Das geschieht in der sechsstufigen Verdampfstation. In diesem Gebäudetrakt ist es besonders warm und ein süßlicher Geruch liegt schwer in der Luft. „Hier läuft der Saft als ganz dünner Film durch die Heizkammer, die einen Großteil des Wassers verdampfen lässt“, erklärt Schwab und beobachtet den Prozess durch das kleine Fenster in den Dampfkesseln. Heraus kommt schließlich der sogenannte Dicksaft, der etwas dunkler ist als der Dünnsaft. „Dieser Sirup wird bei erhöhter Temperatur und unter Vakuum weiter eingedickt, bis der Zucker kristallisiert“, sagt Schwab und öffnet einen der Tanks, um eine Probe zu entnehmen. Und tatsächlich: Die ersten Kristalle sind bereits zu erkennen.

Von hier aus geht es weiter zur Saftstation. Dort werden die Kristalle letztlich vom Sirup getrennt. „Der braune Saft wird in den Zentrifugen von den Kristallen abgeschleudert. Danach werden die Kristalle noch einmal mit Wasser gespült und anschließend im Silo getrocknet. Als der Werkleiter zur Demonstration eine Zentrifuge öffnet, umgibt ihn sogleich eine Dampfwolke.

Zuckerrübenproduktion ist besonders nachhaltig

Zuckerrüben liefern übrigens mehr als nur Zucker: Die Rübenschnitzel werden nach der Extraktion gepresst, getrocknet und als hochwertiges Tierfutter verkauft. Carbokalk, der bei der Saftreinigung entsteht, dient als wertvolles Düngemittel. Und Melasse, ein weiteres Nebenprodukt, das bei der Zuckerproduktion entsteht, wird beispielsweise in der Hefeindustrie geschätzt.

Mindestens ebenso beeindruckend wie die vielseitige Verarbeitung der Rübe ist die Nachhaltigkeit der Zuckerproduktion. „Zuckerrüben bestehen zu etwa 75 bis 78 Prozent aus Wasser, das machen wir uns zunutze”, verrät Schwab. Mittlerweile hat er mit seinen Gästen die Fabrik und das Gelände verlassen. Vor den Toren des Werks befinden sich nämlich die von Südzucker angelegten Klärteiche. Diese Wasserlandschaft ist mehr als doppelt so groß wie das gesamte Fabrikgelände und hat sich im Lauf der vergangenen Jahrzehnte zu einem wichtigen Vogelschutzgebiet entwickelt. Kiebitze, Schlickläufer und seltene Entenvögel nutzen die Klärteiche als Brut-, Rast- und Mauserplatz. „Das Wasser aus den Rüben fließt in unsere Wasseraufbereitungsanlage und wird hier in den Klärteichen gereinigt, bevor wir es wieder in der Fabrikation nutzen – zum Beispiel zur Reinigung oder Extraktion”, sagt Schwab. Die Sonne an diesem späten Herbsttag scheint ihm ins Gesicht. Gerne würde er noch eine Weile seinen Blick über das Wasser schweifen lassen. Doch er muss los, die Pflicht ruft. 

Während der Rübenverarbeitung erzeugt das Werk Strom

Klaus Schwab kehrt dem Vogelschutzgebiet den Rücken und nähert sich wieder dem Fabrikgebäude. Den Blick hat er auf den dampfenden Schornstein gerichtet. Die Energieerzeugung orientiert sich an dem thermischen Energiebedarf für die Rübenverarbeitung. Dieser liegt bei etwa 160 kWh/t Rüben für die Zuckererzeugung. Für die Schnitzeltrocknung werden 750 Kilowattstunden pro Tonne erzeugtes Futtermittel benötigt. Die Elektroenergie erzeugt das Werk selbst in einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage. Zur Energieversorgung der Fabrik wird Dampf mit einem Druck von 60 bar erzeugt. Dieser wird über eine Turbine geschickt. Dabei wird ein Teil der Energie in Strom umgewandelt. Die im Turbinenabdampf verbleibende Energie wird dann zur Safteindickung in die Verdampfstation geleitet. Den nicht verbrauchten Strom gibt Südzucker an das öffentliche Netz ab.

Schwab hat die Fabrik wieder erreicht. Er verabschiedet sich von den Besuchern und verschwindet hinter einer schweren Eisentür, denn der nächste Termin und viel Arbeit warten schon auf ihn. Seine Gäste verlassen das Gelände voller neuer Eindrücke – und mit deutlich mehr Wissen über die Herstellung von Zucker.