Herr Schütthelm, Sie freuen sich über verregnete Sommermonate. Warum?

Das stimmt, denn der Regen im Sommer verspricht eine reiche Rübenernte. Für einen hohen Ertrag benötigt die Zuckerrübe nicht nur einen tiefgründigen und nährstoffreichen Boden, gemäßigte Temperaturen und viel Licht. Sie hat besonders im Juli und August auch einen hohen Wasserbedarf. In der Landwirtschaft nennen wir die Zuckerrübe deshalb auch „Königin der Feldfrüchte“, weil sie verwöhnt werden möchte und von allem nur das Beste will und braucht.

 

Was macht eigentlich ein Rohstoffleiter im Zuckerwerk?

Ich decke gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Industrie ab. Dieser Beruf ist mein absoluter Traumjob, weil er so abwechslungsreich ist. Vor der Ernte arbeite ich eng mit den hiesigen Landwirten zusammen: Ich biete ihnen Beratung und Hilfestellung an, wenn es um Züchtung, Anbau und Pflege der Rüben geht, ich kümmere mich um die Abwicklung des Saatgutgeschäfts und schließe mit den Bauern die Verträge für die kommende Ernte ab. Während der Kampagne hingegen – das ist der Zeitraum, in dem die geernteten Rüben verarbeitet werden – organisiere ich den Transport der Rüben vom Feld zum Südzucker Werk in Offstein.

 

Wenn die Rüben-Kampagne im September beginnt, sind Sie in ständiger Bereitschaft. Was genau steht dann an?

Es gilt, große Mengen Zuckerrüben vom Feld in die Zuckerfabrik transportieren zu lassen. Zum Anbaugebiet gehören das hessische Ried, der Odenwald, die Pfalz, Rheinhessen und große Teile der Wetterau. In der gesamten Region wirtschaften mehr als 2.000 Rübenbauern. Zwischen Montagmorgen um sechs Uhr und Samstagabend um 22 Uhr verlässt dann etwa alle zwei Minuten ein mit Rüben beladener LKW ein Feld. Die Fabrik läuft schließlich ohne Unterbrechung auf Hochtouren und braucht kontinuierlich neue Verarbeitungsmengen. Für den Fall, dass es Probleme gibt, liegt mein Handy nachts griffbereit auf meinem Nachttisch. 

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Transportiert wird während der Kampagne rund um die Uhr und bei jedem Wetter – es sei denn, die Feldwege sind wegen starker Regenfälle für die LKWs nicht befahrbar. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

Lassen Sie uns ins Detail gehen: Wie kommen die Rüben vom Feld auf die LKWs?

Sobald die Rüben reif sind, werden sie gerodet: In einzelnen Bahnen fährt der Landwirt mit dem Rübenroder über den Acker, entfernt Blätter und Blattstrunken der Rüben, zieht sie im Ganzen aus der Erde, transportiert sie zum Feldrand und legt sie dann zu sogenannten „Mieten” zusammen. Das sind zehn Meter breite und je nach Feldgröße bis zu 100 Meter lange Rübenhaufen. Um diese Mieten aufzuladen, kommt die „Rübenmaus“ ins Spiel. Das ist eine monströs wirkende, selbstfahrende Landmaschine, mit der die Rüben gereinigt und auf die LKWs befördert werden. Jeder LKW kann mit circa 25 Tonnen Rüben beladen werden.

 

Durchschnittlich beträgt die Distanz zwischen dem Rübenacker und dem Zuckerwerk in Offstein 50 Kilometer. Wie sorgen Sie dafür, dass jeder LKW zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist?

Die insgesamt 120 LKWs, die während der Kampagne gleichzeitig im Einsatz sind, nutzen neuerdings ein besonderes Navigationssystem. Wir haben es speziell für diesen Zweck entwickeln lassen. Das System funktioniert nämlich auch jenseits des öffentlichen Straßennetzes und bildet zusätzlich die kleinen Feldwege ab, die jeweils zum Acker führen. Das ist ein riesiger Fortschritt, weil wir so sichergehen können, dass die LKWs die Rübenmieten auf direktem Wege ansteuern können. Die Koordinaten jeder Rübenmiete sind bekannt und die jeweiligen Einsatzleiter draußen am Feld pflegen die Wegstrecke des Feldwegenetzes in das Navigationssystem ein.

Und Ihr Büro ist die Schaltzentrale?

Ganz genau, denn dort läuft alles zusammen: Mit meinem Team verfolge ich vom Computer aus sämtliche Abläufe. Mithilfe einer speziellen Software, die GPS-gesteuerte Daten verarbeitet, können wir genau sehen, wo sich jeder LKW und jede Rübenmaus befindet, und was wer gerade tut. Wenn beispielsweise ein LKW eine Reifenpanne hat oder im Stau steht, können wir sofort darauf reagieren und eventuell andere Fahrzeuge umleiten.

 

Was bereitet Ihnen während einer Rüben-Kampagne am meisten Kopfzerbrechen?

Ganz klar die Witterung, denn das Wetter kann ich nicht steuern oder vorhersehen. Vereiste Straßen oder verschneite Feldwege können uns einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen, weil es dadurch zu erheblichen Zeitverzögerungen kommen kann. Das Zuckerwerk erhält dann eventuell nicht die für die Produktion erforderlichen Verarbeitungsmengen. Laufen die Maschinen in der Fabrik erst einmal leer, kann das für Südzucker ziemlich teuer werden.

 

Die EU-Zuckerquote läuft in diesem Jahr aus. Wie wird sich das auf die nächste Rübenkampagne auswirken?

Durch die Aufhebung der EU-Quote kann Südzucker weitere 15 Prozent Zucker an die heimische Lebensmittelindustrie verkaufen und zusätzlich den Weltmarkt bedienen. Wir werden also von nun an mehr Rüben anbauen und den Zeitraum der Kampagne entsprechend verlängern. Bislang war die Rübenkampagne meist Mitte Dezember beendet, in Zukunft werden wir bis Mitte Januar damit beschäftigt sein. 

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Neueste Technik gehört heute zum Standard in der Modernen Landwirtschaft. Dieser Bordcomputer überwacht den Ernteprozess, die Füllmenge des sogenannten Bunkers und die Ablademengen. Der Landwirt hat so stets einen präzisen Überblick. © Forum Moderne Landwirtschaft