Manchmal, wenn Klaus Münchhoff über sein Land fährt, muss er anhalten. Dann stellt der 64-Jährige den Motor ab und macht Fotos von dem, was er gerade sieht: Mal sind es Störche, die durch abgemähte Felder staksen, mal Feldhasen, die nach der Ernte neugierig über den Acker lugen. Auch zwei seltene Wildkatzen habe er schon einmal gesehen, erzählt er und lacht. Er freut sich darüber, wenn er auf seinem Land solche Entdeckungen macht. Weil das bedeutet, dass seine Bemühungen, Natur und Umwelt zu fördern, Früchte tragen.

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Klaus Münchhoff als Landwirt auf seinem Gut Derenburg im Harzvorland. 1991 richtete er den Betrieb wieder ein. Denn dieser ist zwar seit 1820 im Besitz seiner Familie, war jedoch zu DDR-Zeiten in eine staatlich organisierte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, kurz LPG, übergegangen. Auf fast 1000 Hektar Ackerfläche baut Klaus Münchhoff nun Winterweizen, Winterraps, Wintergerste, Erbsen und Durum an – Hartweizen, der zum Beispiel zur Herstellung von Pasta verwendet wird.

Dass sich die Landwirtschaft für ihn auch lohnen muss, steht außer Frage. Trotzdem – oder gerade deswegen – hat er auch ein Auge für die Natur. Artenvielfalt, das weiß Klaus Münchhoff, behindert die Landwirtschaft nicht – im Gegenteil: Sie hilft ihr. Seiner Ansicht nach kann die Bewirtschaftung von Ackerland langfristig nur funktionieren, wenn sie auch nachhaltig ist. Und über die Jahre ist die Sorge um die Natur für ihn sogar so etwas wie eine Leidenschaft geworden. Deshalb verwendet er heute Zeit und Ressourcen darauf, dass auf seinem Land Platz für Wildnis bleibt.

 

Greening-Maßnahmen werden vom Staat vorgeschrieben

Ein Teil der Umweltschutzmaßnahmen, die Klaus Münchhoff in seinem Betrieb verfolgt, ist verpflichtend. Seit 2015 müssen landwirtschaftliche Betriebe ab einer bestimmten Größe Greening-Maßnahmen durchführen. Sie müssen verschiedene Kulturen anbauen, Schutzgebiete auf ihrem Land erhalten und bestimmte Flächen als „ökologische Vorrangflächen“ ausweisen. Auf diesen Flächen, beispielsweise auf Pufferstreifen, stillgelegten Arealen und innerhalb von Landschaftselementen wie Hecken und kleinen Dickichten, kann die Natur sich erholen und ausbreiten. Nur wenn Landwirte diese Regeln einhalten, können sie beim Staat Fördergelder beantragen.

Mehr Engagement als vorgeschrieben

 Dass er sich an diese verpflichtenden Maßnahmen hält, steht für Klaus Münchhoff außer Frage. Sein Engagement für Natur und Umwelt geht weit darüber hinaus. Umweltschutz ist ihm auch dann wichtig, wenn er dafür keine Förderung bekommt. Und so findet man überall auf seinem Land kleine Orte, an denen Wildtiere und Natur ungestört existieren dürfen.

Den ersten dieser Orte entdeckt man gleich, wenn man bei dem 1870 von Klaus Münchhoffs Ururgroßvater gebauten Hofs von außen unter das Dach des Fachwerkhauses schaut. Dort hängen – eins neben dem anderen – halbrunde, graue Gefäße. Sie sind ein wenig kleiner als Fußbälle. Der Landwirt hat diese Fertignester als Nisthilfen für Mehlschwalben aufgehängt. Die kleinen Vögel, die in Deutschland seit 2002 auf der Vorwarnliste für bedrohte Vogelarten stehen, finden so auf Gut Derenburg eine sichere Zuflucht.

Mehlschwalben sind nicht die einzigen Vögel, um deren Existenz sich Klaus Münchhoff sorgt. Auch Fasane und die stark gefährdeten Rebhühner versucht er zu schützen. An Fasanenschütten verteilt er für die Vögel unter niedrigen Holzdächern Futter. Und Grünbrachen – das sind Flächen, auf denen ausschließlich Gras wächst – lässt er nur teilweise mähen. Zwischen den hohen Halmen finden die dort lebenden Vögeln dann noch Unterschlupf, wenn die Felder ringsherum abgeerntet sind.

 

 

Totholzbäume und junges Dickicht

In den Waldstücken rund um Gut Derenburg findet man immer wieder beschädigte Bäume. Ertrag in der Forstwirtschaft bringen sie keinen. Klaus Münchhoff lässt sie trotzdem nicht entfernen. Als sogenanntes Totholz bieten sie Nistmöglichkeiten für Waldvögel. Insekten legen dort ihre Eier ab und ernähren sich vom abgestorbenen Holz. „Warum soll ich die Bäume nicht stehen lassen, wenn es hilft?“, fragt der Landwirt.

Doch nicht nur in bestehenden Waldstücken lässt Klaus Münchhoff der Wildnis ihren Raum, sondern auch in den sogenannte Kurzumtriebsplantagen, die er auf seinem Grund mit Pappeln bepflanzt hat. Diese werden alle vier bis fünf Jahre zur Holzgewinnung geerntet. In der Zwischenzeit bieten sie Rebhühnern, Hasen und sogar Rehen Unterschlupf. „Da sind so viele Tiere drin, das kann man sich gar nicht vorstellen!“, freut sich der Landwirt.

Auch Reptilien finden auf Gut Derenburg einen Rückzugsort. Steine, die beim Umpflügen der Äcker an die Oberfläche gelangen, lässt der 64-Jährige aufsammeln und neben den Feldern aufstapeln. Diese Haufen sind ein willkommener Lebensraum für wechselwarme Tiere wie Eidechsen, die sich gerne auf den warmen Steinen sonnen. 

Blühmischungen und Abbruchkanten ziehen Bienen an

 Statt nur Blühstreifen anzulegen, lässt Münchhoff ganze Flächen mit Blühmischung besäen. Im Sommer werden diese zu riesigen Blumenwiesen, auf denen Sonnenblumen, Klee und viele andere Pflanzen wachsen. „Das ist schön anzusehen für die Menschen, die dran vorbei gehen“, freut sich nicht nur der Landwirt.

 Natürlich sind diese Blühflächen keine rein ästhetische Sache. Sie sind Nahrungsquellen für viele verschiedene Insekten und fördern so die Artenvielfalt. 

Damit es auch Rückzugsorte für sie gibt, gräbt Klaus Münchhoff mit einem Bagger Abbruchkanten in die Erde, in denen Wildbienen und andere Insekten nisten können. Für den Landwirt bedeutet das Anlegen und die Pflege dieser künstlichen Steilwände Mehraufwand. Ein bis zwei Mal im Jahr müssen sie von Unkraut gesäubert werden. Trotzdem betrachtet der Landwirt sie als Gewinn. Von einem Forscher wisse er, dass 82 Wildbienenarten auf seinem Land leben, erzählt er – und klingt sehr stolz dabei.

Auch Honigbienen finden auf seinem Land Platz. Der Gutsbesitzer arbeitet eng mit Enrico Kretschmar zusammen, einem Imker aus dem Landkreis. Dieser stellt seine Bienenkästen an die Blühstreifen und erhält dafür Honig. Im Gegenzug bestäuben die Bienen Klaus Münchhoffs Raps.

 

 

Artenvielfalt und Landwirtschaft sind kein Widerspruch

 Auch auf seinen Feldern selbst ermöglicht Münchhoff der Natur Freiräume. Beim Aussähen des Getreides lässt er kleine Freiflächen stehen. In diesen „Lerchenfenstern“, in denen dann keine Kulturpflanzen wachsen, können Feldlerchen sicher landen, nisten und Futter finden.

Wenn man Klaus Münchhoff fragt, warum er das alles macht, stutzt er, fast ist er irritiert: Warum nicht? „Bei mir widersprechen sich Natur und Landwirtschaft nicht“ Als Landwirt, so betont Klaus Münchhoff, sei er auch ein Pfleger der Natur und trage ihr gegenüber Verantwortung. Für ihn geht die Rechnung auf: „Wir gehen pfleglich mit dem Land um, weil wir auch im nächsten Jahr noch etwas ernten möchten.“