Ein kleines Ladengeschäft im hippen Berliner Bergmann-Kiez: Die Wände hinter dem Verkaufstresen sind weiß gekachelt, in der Auslage verschiedene Wurstwaren appetitlich angerichtet. Auf der Arbeitsfläche thront eine glänzende Schneidemaschine, die von einer freundlichen jungen Dame mit Schürze bedient wird. Alles sieht aus, wie bei einem ganz gewöhnlichen Metzger. Und doch unterscheidet sich dieser Laden in der Bergmannstraße 1 von allen anderen Metzgern in Deutschland. Denn hier wird kein Fleisch verkauft und kein einziges Tier geschlachtet – höchstens Vorurteile. So heißt es jedenfalls auf der Homepage von „Der Vegetarische Metzger“. Vom Thunfisch über Speckwürfel bis hin zum Hackbällchen seien die Produkte so nah am Original, dass man kaum einen Unterschied schmecken könne, lautet das Versprechen, das selbst die internationale Presse aufmerksam werden ließ. Neben „The New York Times“ berichtete auch das britische Online-Magazin „The Independent“ über die vegetarischen und veganen Produkte des Kreuzberger Ladens und titelte sogar: „Ist dies das Ende vom Fleisch?“ Bei einem kleinen Testessen wollen wir uns unsere eigene Meinung bilden, doch dazu später mehr. Denn zunächst stellt sich die Frage: Was ist überhaupt drin in Würstchen und Co. – wenn es kein Fleisch ist?

 

Wie wird man vegetarischer Metzger?

Das Konzept und die Produkte von „Der Vegetarische Metzger“ stammen aus den Niederlanden: Hier zerbrach sich der Gründer Jaap Korteweg zehn Jahre lang den Kopf darüber, wie man mit vegetarischen und veganen Zutaten ein möglichst authentisches Fleischerlebnis erzeugen kann. Den Ausschlag für die erfolgreiche Geschäftsidee gab ein Ereignis, das geschmacklich wenig ansprechend war: Als Landwirt in neunter Generation verfolgte Jaap Korteweg sehr nah, wie Zehntausende von Tieren im Zuge der Schweinegrippe geschlachtet werden mussten. Ein prägendes Erlebnis, das zur Folge hatte, dass Korteweg Fleisch fortan von seinem Speiseplan verbannte. Weil er aber auf den Geschmack nicht verzichten wollte, begann er, Ersatzprodukte zu entwickeln. Dabei setzte er unter anderem auf Soja, Gemüse aus Europa und proteinreiche Lupinen, die aus biologischem Anbau in den Niederlanden stammen. So entstand eine ganze Produktpalette, die heute unter dem Label „The Vegetarian Butcher“ in über 3.000 Verkaufsstellen in 15 Ländern angeboten wird – und seit wenigen Wochen eben auch in Deutschland.

 

Der Geschmackstest

Dass nun auch die Berliner in den Genuss einer eigenen vegetarischen Metzgerei gekommen sind, haben sie Martin Koltermann, David Meyer und Florian Tenfelde zu verdanken. Die drei Sandkastenfreunde rochen den „Braten“ recht schnell und sicherten sich die exklusiven Vertriebsrechte für Deutschland und Österreich. Überzeugt von den Produkten, sind heute alle drei Geschäftsführer Vegetarier.

„Warum sollte ein Tier sterben müssen, wenn ich den Geschmack auch anders haben kann?“, fragt David Meyer, als wir ihn in seinem Konzeptstore in der Bergmannstraße treffen. Also wollen wir es jetzt auch wissen: Schmeckt das alles wirklich wie echtes Fleisch? Für unser kleines Testessen serviert uns Meyer ein paar Kostproben: Hähnchen-Geschnetzeltes, Thunfisch-Salat, Fleischbällchen und Rinderstreifen. Der erste Eindruck: Alles sieht wirklich sehr appetitlich aus – und vor allem „echt“. Auch der Geruch ist authentisch. Vom Geschmack her – der ja bekanntlich recht subjektiv ist – sind die Fleischbällchen und die Rinderstreifen lecker. Eine „Verwechslungsgefahr“ mit echtem Fleisch würden wir allerdings ausschließen.

Bei Hühnchen und Thunfisch sieht es da schon etwas anders aus: Neben dem Geschmack ist es vor allem die Textur, die verblüffend echt wirkt: Pflückt man das „Fleisch“ ein wenig auseinander, sind kleine Fasern erkennbar – und es fühlt sich zwischen den Fingern tatsächlich an wie Hähnchen oder Thunfisch. Und weil wir hier in Berlin sind, darf am Ende natürlich eines nicht fehlen: Eine (vegetarische) Currywurst!

 

Das fleischlose Fazit

Vielleicht fällt nicht jeder eingefleischte Würstchen-Fan auf die „Täuschung“ herein – aber darum muss es am Ende auch nicht gehen. „Wir haben nichts gegen Fleisch aus artgerechter Haltung“, sagt David Meyer. „Aber wir essen einfach alle viel zu viel Fleisch. Das ist schlecht für die Umwelt und natürlich auch für die Tiere.“ Wer mal auf Fleisch, aber nicht auf den Fleischgeschmack verzichten möchte, der findet bei „Der Vegetarische Metzger“ einen leckeren Ersatz.