Der Flussregenpfeifer stolziert am schlammigen Ufer entlang, ein paar Brandgänse watscheln mit ihren Jungen durchs Schilf und hoch über dem Wasser fliegen aufgeregt zwitschernd ein paar Uferschwalben. Es ist ein warmer Sommertag im pfälzischen Offstein in der Nähe von Worms. Dr. Manfred Vogel – nein, das ist kein Künstlername – kümmert sich im Auftrag der unteren Naturschutzbehörde Bad Dürkheim um das Vogelschutzgebiet „Klärteich Offstein“ und bietet dort regelmäßig vogelkundliche Exkursionen an. So auch an diesem Tag. „Die Wasserlandschaft ist für die Tiere sehr wichtig und misst rund 65 Hektar, das entspricht der Größe von etwa 65 Fußballfeldern“, erklärt Manfred Vogel und zeigt dabei auf mehrere mit Schilf bewachsene Teiche.

Intelligentes System

Das Besondere an diesem seit 2005 offiziell anerkannten Vogelschutzgebiet: Es ist Teil einer Industrieanlage, und zwar der des Zuckerproduzenten Südzucker. Die Fabrik befindet sich direkt nebenan. Die beträchtlichen Mengen Wasser, die während der Produktion anfallen, stammen zu einem großen Teil aus den Rüben selbst. Schließlich besteht die Feldfrucht zu 75 Prozent aus Wasser. Während der Zuckerherstellung wird den Rüben das Wasser entzogen und dann im Prozess verwendet. Zum Beispiel zur Reinigung des Gemüses. Anschließend wird das Wasser in den Klärteichen recycelt und aufbereitet, bevor es in den Fluss eingeleitet wird. Dr. Manfred Vogel kennt das Verfahren dieses intelligent genutzten Wasserkreislaufs nur zu gut, schließlich arbeitete der promovierte Biochemiker bis zu seiner Pensionierung 2004 als Laborleiter bei Südzucker. Nun, da er seit einigen Jahren Rentner ist, hat er Zeit, sich dem zu widmen, was ihm besonders am Herzen liegt: dem Vogel-, Pflanzen- und Naturschutz. „Ich habe schon seit meiner Kindheit mit Federvieh zu tun“, berichtet er. Seit etlichen Jahren ist Manfred Vogel Mitglied beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND). Und bei sich zu Hause im Garten hat er sogar Brut- und Nistplätze für viele selten gewordene Vögel geschaffen. Für den 73-Jährigen ist es eine Selbstverständlichkeit, die kleinen fliegenden Zweibeiner zu schützen. Dass es in Südeuropa und Nordafrika noch immer üblich ist, aus Jux und Dollerei auf Vögel zu schießen, ärgert ihn maßlos.

Seltene Vögel im Schilf

„Sehen Sie mal, dort hinten“, sagt der Freizeit-Ornithologe leise, aber energisch. Er zeigt mit dem Finger in Richtung Schilf und zückt sein Fernglas. „Dort brütet ein Weißsterniges Blaukehlchen. Diese Vogelart gilt als bedroht, weil es ihr zunehmend an geeignetem Lebensraum mangelt“, erklärt er. Umso beeindruckender ist es, diesen kleinen, hübschen Piepmatz mit dem weißen Fleck auf der blaugefärbten Kehle durch das Fernglas zu beobachten. „Auch die Rohrweihe brütet hier. Sie legt ihre Eier in ein von hoher Vegetation umgebendes Bodennest“, erzählt Manfred Vogel weiter und schwenkt sein Fernglas langsam über das Schilf. Doch heute kann er den Greifvogel, der so groß wie ein Bussard ist, leider nicht entdecken.

Offstein Südzucker

Die Klärteiche des Südzucker-Werks in Offstein sind ein offiziell anerkanntes Vogelschutzgebiet. Auf dem etwa 65 Hektar großen Gebiet nisten, brüten und rasten rund 115 Vogelarten. © Südzucker

Wichtiges Brutgebiet

Etwa zwei Stunden dauert die Führung durch das Gelände, das rund 115 unterschiedlichen Vogelarten als Brut-, Nist- und Rastplatz dient. Vorbei an sogenannten Oxidations-, Stapel- und Schlammteichen führt der Weg schließlich über einen mit Stauden und Buschwerk bewachsenen Damm auf eine Steilwand zu. „Manchmal sieht man hier auch Rehe oder sogar Wildschweine“, berichtet der Vogelexperte, während sich die Gesänge der Stare mit dem schimpfenden Gezwitscher des Teichrohrsängers vermischen. Dr. Manfred Vogel zeigt auf die Steilwand. „Dort brüten die Feldsperlinge, das sind Höhlenbrüter.“ Im vergangenen Jahr hätte hier sogar ein Pärchen Bienenfresser sein Gelege gehabt. Letztgenannte seien aber sehr selten geworden, ergänzt der Vogelfreund. „In ganz Deutschland gibt es von ihnen keine 1.000 Paare mehr.“

Industrie hilft der Natur

Das von Südzucker geschaffene Vogelschutzgebiet zeigt, dass Industrie und Natur durchaus miteinander kooperieren, bestenfalls einander sogar helfen können. „In Rheinland-Pfalz sind die Äcker fruchtbar und die Bedingungen für den Weinanbau optimal. Dort, wo intensive Landwirtschaft betrieben wird, ist es allerdings umso wichtiger, Nahrungs- und Bruthabitate für Vögel zu schaffen“, betont der Vogelschützer. Dass sich Südzucker in Offstein vor gut zehn Jahren bereit erklärt hat, seine Klärteiche als Vogelschutzgebiet offiziell anzuerkennen, freut ihn. „Ich hatte mit der Entscheidung allerdings nichts zu tun, da war ich schon Rentner.“

Nach der Führung lauschen die Exkursionsteilnehmer noch eine Weile dem Gezwitscher und Geschnatter der gefiederten Bewohner und lassen die Wasserlandschaft auf sich wirken. „Na dann: im Gänseschritt Marsch!“, unterbricht Manfred Vogel schließlich scherzend die Stille und führt seine Besucher zurück zum Parkplatz der Fabrik von Südzucker, wo die Tour auch ihren Anfang nahm.

Südzucker

Beständiger Kreislauf: Das Südzucker-Werk in Offstein benötigt während der Zuckerrüben-Kampagne beträchtliche Mengen an Wasser. Dieses stammt zum großen Teil aus dem Gemüse selbst und wird in den umliegenden Klärteichen recycelt und biologisch gereinigt. © Forum Moderne Landwirtschaft