Einfach mal nichts machen. So rein gar nichts. Für die meisten von uns ist das eine traumhafte Vorstellung. Nicht so für Yannick Nagel. „Dass es so krass aussehen würde, hätte ich nicht erwartet. Ich war ziemlich geschockt“, sagt der 22-Jährige. Dabei kam das Ergebnis für den jungen Landwirt aus der hessischen Stadt Nidda nicht ganz unerwartet. Wie inzwischen rund 300 andere Bauern aus ganz Deutschland beteiligte sich Yannik Nagel an der Aktion „Schau ins Feld“, die der Industrieverband Agrar e. V. (IVA) 2015 erstmals ins Leben rief, um Landwirte und Bevölkerung miteinander ins Gespräch zu bringen. Die schlichte, aber äußerst eindrucksvolle Idee: Landwirte stecken auf einem bewirtschafteten Acker eine quadratische Fläche ab und behandeln diese – im Gegensatz zum umliegenden Feld – nicht mit Pflanzenschutzmitteln.

 

Bis hin zum Totalausfall

Auf Fotos macht sich die ungespritzte Parzelle gegenüber der behandelten und homogen bewachsenen Restfläche teilweise sogar recht hübsch: Wilde Pflanzen überwuchern das kleine Stück Testacker, unkontrolliert und bunt. Sogar Mohnpflanzen leuchten vereinzelt dazwischen. Doch schaut man genauer hin, erkennt man: die Nutzpflanzen dazwischen sind größtenteils verkümmert oder tot. Viele sind von Schädlingen oder Krankheiten befallen.

So auch auf dem Testfeld von Yannick Nagel. Er säte 2015 Mais auf der Fläche – und erntete: Unkraut. „Es war ein Totalausfall. Da kam kein Mais mehr hoch. Die Testfläche war völlig verwildert“, schildert er die für einen Landwirt katastrophale Situation. 2016 startete er einen zweiten Versuch: Auf der einen Testfläche säte Yannick Nagel erneut Mais an, auf einer zweiten Weizen. Und wiederum überraschte ihn das Ergebnis. „Der Mais entwickelte sich diesmal vollkommen unbeschadet. Der Weizen hingegen war extrem von Pilzen befallen.“ Warum, dafür hat der Landwirt eine einleuchtende Erklärung: das Wetter! „2015 war ein trockenes, warmes Jahr. Für den Mais sind das ungünstige Bedingungen; er hatte gegen das Unkraut keine Chance. 2016 hingegen war es warm und feucht. Das mag der Mais gern. Die Jungpflanzen entwickelten sich so schnell, dass sie das Unkraut gut in Schach hielten.“ Der Weizen auf dem zweiten Feld hingegen hatte Pech. Denn feucht-warmes Klima begünstigt das Wachstum von Pilzen.

Kompromiss zwischen Bodenbearbeitung und Pestiziden

Sind Pflanzenschutzmittel demnach überflüssig, wenn man das Wetter genau im Blick hat – und einfach pflanzt, was klimatisch bedingt besonders gut wächst? Yannick Nagel winkt ab: „Das Wetter ist nach wie vor unberechenbar. Man weiß nie genau, wie es kommt. Pflanzenschutz ist für uns Landwirte daher auch eine Ernteversicherungsmaßnahme.“ Trotzdem setzen er und sein Vater Thorsten auf dem familieneigenen Ackerbaubetrieb mit rund 80 Hektar Fläche Pflanzenschutzmittel sehr bedacht ein. „Wir versuchen beispielsweise immer, einen Kompromiss zwischen dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und intensiver Bodenbearbeitung zu finden“, so Yannick Nagel. Konkret heißt das: Wo es geht, setzen die beiden den Pflug ein, um des Unkrauts Herr zu werden. Denn einmal untergegraben, kommt dieses im Folgejahr nicht so schnell wieder hoch. Nachteil der intensiven Bodenbearbeitung: sie ist zeit- und arbeitsintensiv und fördert außerdem in Hanglagen die Bodenerosion. Aus diesem Grund nutzen viele Landwirte insbesondere in erosionsgefährdeten Gebieten lieber Pflanzenschutzmittel. Auch wenn diese – ebenso wie die Bodenbearbeitung – Geld kosten.

 

50 Prozent weniger Ernte, doppelt so hoher Preis

Doch geht es bei intensiver Bodenbearbeitung dann nicht auch ganz ohne chemisch-synthetischen Pflanzenschutz? „Natürlich geht das. Die Ökobauern machen es vor. Aber das bedeutet natürlich auch, dass der Verbraucher bereit sein muss, mehr zu zahlen“, sagt Yannick Nagel. Vater Thorsten Nagel musste Anfang der 1990er Jahre die bittere Erfahrung machen, dass dies  nicht immer möglich ist. „Mein Vater startete damals den Versuch, auf die ökologische Landwirtschaft umzustellen. Seine Überlegung: den rund 50-prozentigen Ernteausfall, der sich daraus grob geschätzt ergab, durch einen doppelt so hohen Preis zu kompensieren“, erläutert Sohn Yannick. Doch die Rechnung ging nicht auf. Thorsten Nagel konnte den doppelten Preis für die Ernte nicht erzielen, Abnahmeverträge wurden nicht eingehalten. Er kehrte zur konventionellen Landwirtschaft zurück. 

 

Dennoch geht Yannick Nagel davon aus, dass sich die Anbaupraxis weiter ändern wird. „Die Verbraucher haben inzwischen ein sehr viel stärkeres Bewusstsein für ihre Ernährung entwickelt und werden künftig sicherlich auch bereit sein, mehr dafür zu zahlen.“ Außerdem, so der Jungbauer, stoße der chemische Pflanzenschutz auch an Grenzen. „Ein Beispiel ist der Acker-Fuchsschwanz. Das Unkraut macht inzwischen vor allem dem Wintergetreide in manchen Gegenden Deutschlands ernsthaft zu schaffen, weil es resistent gegen Herbizide geworden ist“, erläutert Yannick Nagel. Doch die Forschung entwickle sich weiter – ebenso wie die Technik in der Modernen Landwirtschaft. Landmaschinen pflügen und grubbern immer präziser und effizienter, Landwirte werfen mit Drohnen natürliche Feinde der Schädlinge gezielt über befallenen Beständen ab und bekämpfen diese damit biologisch. „Aber eines gilt eben auch: Wer meint, dauerhaft Anbaufehler mit chemischem Pflanzenschutz ‚reparieren‘ zu können, setzt dieses Werkzeug nicht verantwortungsvoll ein. Den gesamten Werkzeugkasten des Integrierten Pflanzenschutzes richtig zu nutzen – das ist die hohe Kunst des Ackerbaus“, ist Yannick Nagel überzeugt.

 

Pilzbefall schadet auch dem Menschen

„Da wird in Zukunft sicherlich noch einiges passieren. Vielleicht arbeiten demnächst sogar Roboter auf dem Feld und zupfen das Unkraut“, meint Yannick Nagel. Derzeit allerdings könnten Landwirte auf chemischen Pflanzenschutz nur schwerlich komplett verzichten. Schon aus Gründen der Lebensmittelqualität: „Pilzbefall im Getreide macht nicht nur den Bäckern zu schaffen, da das Brot dadurch leichter schimmelt. Ein zu hoher Anteil an in den Pilzen enthaltenen Giftstoffen im Getreide schadet auch dem Menschen“, so der junge Pflanzenbauer und ergänzt: „Reste von Pflanzenschutzmitteln sollten im Getreide allerdings auch nicht enthalten sein  Da beißt sich die Katze gewissermaßen in den Schwanz. Bei jeder Form des Pflanzenschutzes gilt deshalb: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“ Darüber hinaus minimierten neben strengen Zulassungsverfahren insbesondere Anwendungsvorschriften, Wartezeiten und vorgebene Höchstwerte das Risiko von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln.

Auch 2017 wird Yannick Nagel wieder bei der Aktion „Schau ins Feld“ mitmachen. Dieses Mal werden Winterraps und Winterweizen auf seinen Testfeldern wachsen. Oder auch nicht. Der Versuch bleibt spannend. Die Resonanz auf sein Engagement war für den 22-Jährigen bisher jedenfalls durchweg positiv. 2016 wurde Yannick Nagel im Rahmen von „Schau ins Feld“ als „Pflanzenschützer des Jahres“ ausgezeichnet. Und im Umfeld kam sein Einsatz ebenfalls ausgesprochen gut an: „Passanten haben mich direkt am Testfeld oder auf der Straße angesprochen, manche haben auch angerufen. So haben sich einige interessante Gespräche ergeben“, freut sich Yannick Nagel und fügt hinzu: „Die meisten waren sehr erstaunt darüber, dass ein unbehandeltes Feld so schnell verwildert.“