Es ist einer der kühlen Frühsommertage im Münsterland, die sich zunächst etwas bitten lassen. Graue Wolken und triefender Morgennebel hängen über den sattgrünen Feldern. Einzig der sonnengelbe Raps bemüht sich tapfer um Lichtblicke. Eine Toreinfahrt, ein junger Mann vor einem geklinkerten Fachwerkhaus: „Herzlich Willkommen auf dem Hof der Familie Selhorst“, ruft Christoph Selhorst. An seiner Seite: Jack-Russel-Dame Lilly, die die Neuankömmlinge mit aufgeregtem Gebell und Schwanzwedeln begrüßt.

 

Familienbetrieb in der 13. Generation

Der 30-Jährige bewirtschaftet den Hof, der seit 1650 in Familienbesitz ist, mit seinem Vater Dominik und seiner Mutter Regina. Die Selhorsts kümmern sich um 3.000 Schweine und 130 Hektar Ackerland, auf denen Getreide, Ackerbohnen und Mais wachsen. Als ältester von fünf Söhnen hat Christoph in den vergangenen Jahren mehr Verantwortung übernommen und geht dabei auch neue Wege. Er winkt mit dem Smartphone und deutet auf das Display: „Das ist unsere Fütterungs-App. Sie erlaubt mir, von überall auf den Computer zuzugreifen. So kann ich sofort reagieren, wenn es bei der automatischen Fütterung ein Problem gibt.“ Ein solches Problem könnte sein, dass in einem der Futtersilos nicht mehr genug Mais oder Weizen vorrätig ist. Dann wird Selhorst via SMS informiert und kann den Fehler beheben.

Birchermüsli für die Schweine

Beim Rundgang über das Gelände bleibt er vor einem silbernen Stahl-Koloss stehen. „Das ist eine Art Thermomix. Darin bereiten wir das Futter für unsere Tiere zu.“ Seine Finger fliegen erneut über das Smartphone. Zutaten fallen in den Topf, Wasser sprudelt hinein. Gurgelnd setzt sich ein Rührstab in Bewegung und nimmt Tempo auf. Nach drei Minuten stoppt die Maschine. Christoph schnappt sich eine Schippe, lädt aus dem Thermomix etwas von dem Brei darauf und präsentiert ihn stolz: „Probiert mal, das schmeckt wie Birchermüsli.“ Das süß-fruchtig-säuerliche Gemisch enthält Gerste, Weizen, CCM-Mais – also gemahlenen Körnermais – und Ackerbohnen. Rund 90 Prozent des benötigten Futters ernten die Selhorsts auf ihren eigenen Feldern.

Riechen, hören, sehen, wie es den Tieren geht

Nach dem Kochen wird gegessen: Der Jungbauer macht sich auf den Weg zu einem der sechs Schweineställe des Hofs. In vier Altersklassen unterteilt leben die Tiere hier in Gruppen von 8 bis 15 Tieren. Fütterungen finden dreimal am Tag statt – früh, mittags und abends. Wir kommen pünktlich zum Mittagessen. Das Zischgeräusch eines Luftventils ruft die Schweine zum Essen. Aus dem Stall steuert Selhorst via App den Computer an. Vom „Thermomix“ gelangt das Futter über Rohre in den Stall. Tierische Aufstellung an den Trögen 104 bis 111 – und „Birchermüsli marsch!“. Der Rest ist Schmatzen und Quieken. Mindestens zweimal pro Tag schauen Christoph und sein Vater nach ihren Schweinen. „Diese Tierbeobachtung ist für uns sehr wichtig. Wir riechen, hören und sehen genau, wie es unseren Tieren geht.“ Für die Beschäftigung liegen Spielzeuge wie ein gelber Ball bereit, der nun – gejagt von acht neugierigen Schnauzen – durch die Bucht rollt.

Ein Hanfseil, auf dem die Tiere kauen können, sorgt für Beschäftigung im Stall

Ein Hanfseil, auf dem die Tiere kauen können, sorgt für Beschäftigung im Stall

Schweinezucht mit mehr Platz


Doch wie funktioniert die Schweinemast auf Hof Selhorst eigentlich? Im Alter von zehn bis zwölf Wochen kommen die jungen Schweine in den Stall – und verbringen dann rund drei Monate hier. Dann werden sie mit einem Gewicht von etwa 120 Kilogramm an einen Schlachthof verkauft. „Zur Wahrheit gehört, dass alle unsere Schweine Nutztiere sind. Die stehen hier, um sie später als Schnitzel oder als Steak auf dem Teller zu haben“, sagt Selhorst. „Unsere Aufgabe und Verantwortung ist es, den Zeitraum der Tiere bei uns so angenehm wie möglich zu gestalten.“ So haben die Schweine in ihren Buchten mehr Platz zur Verfügung als gesetzlich vorgeschrieben. Für die Familie ein wichtiger Aspekt des Tierwohls. Grundsätzlich sei es enorm wichtig, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen sehr hohem Tierwohl und Wirtschaftlichkeit zu erzielen. „Wir sind stolz darauf, dass uns das auf unserem Hof so gut gelungen ist.“

moderne Schweinehaltung

Bio oder konventionell? Hauptsache gekennzeichnet!

Über den „Selhorst-Way“ offen zu informieren, darin sieht Christoph eine seiner Hauptaufgaben. Gerade bei der oft erhitzt geführten Debatte über die richtigen Haltungsformen. Aus seiner Sicht hat alles seinen Platz – konventionelle Haltung ebenso wie biologische. Nach Meinung des Jungbauern ist nicht das eine schlecht und das andere gut. Es sind schlicht zwei unterschiedliche Haltungssysteme, die sich nur schwer miteinander vergleichen lassen. „Wenn der Markt mehr Bio-Schweinefleisch fordern würde, gäbe es auch mehr Landwirte, die auf Bio umstellen würden“, sagt Christoph. „Momentan liegt der Marktanteil von Bio-Schweinefleisch im niedrigen einstelligen Prozentbereich.“ Viel wichtiger sei eine verpflichtende Haltungskennzeichnung, die für die gesamte Branche des Schweinefleischverzehrs gilt – vom Restaurant über die Fleischtheke bis hin zur Kantine. So ließe sich auf den ersten Blick sehen, wie ein Tier aufgewachsen sei. Durch einen Zahlen-Code von null bis vier wäre beispielsweise nachvollziehbar, ob das Tier „außerhalb von EU-Standard“ (0), nach gesetzlichen Standard (1), mit mehr Platz (2), Zugang zu Außenklima (3) oder nach Bio-Standard (4) produziert worden wäre. „Wenn sich alle daran beteiligen müssten, wäre das die ehrlichste Kennzeichnung“, so der Jungbauer.

Wissensaustausch, Pilgerweg und GPS

Aber statt übergreifende Regeln zu fordern, kehrt der 30-Jährige lieber auf seinem eigenen Hof und hinterfragt bestehende Haltungsmethoden. In einem Netzwerk tauscht er sich mit anderen Landwirten über die gewonnenen Erkenntnisse aus. „Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln und voneinander zu lernen, um das zu bewahren, wovon wir seit Generationen leben.“ Für ihn sind dieser Wissensaustausch und die kontinuierliche Weiterentwicklung wichtiger Bestandteil seiner Arbeit als moderner Landwirt. Er wünscht sich einen fairen Dialog darüber, wie die Prozesse der heutigen Landwirtschaft gestaltet und bewertet werden. Auch die große Gastfreundschaft der Selhorsts ist Ausdruck dieser Offenheit: „Wir freuen uns über jeden Besucher“, sagt Christoph. „An unserem Hof vorbei führt ein Pilgerweg – da laden wir häufig Leute auf einen Kaffee oder ein Butterbrot ein und erzählen, was wir hier so machen.“ In den Gesprächen spielt natürlich auch das Thema Fortschritt eine große Rolle. Dieser hat längst Einzug gehalten auf dem Hof der Selhorsts, wie die GPS-gesteuerten Traktoren, eine stromeffiziente Mühle oder digital verarbeitete Anträge für EU-Förderungen zeigen. Wo die Entwicklung in den kommenden Jahren noch hinführt? Gerade im Tierbereich ist sich Christoph nicht sicher, inwieweit es ratsam wäre, sich da zu stark nur auf die Technik zu verlassen: „Das Auge des Herrn mästet das Vieh – sagt man ja so schön.“