Schon bei der Anfahrt durch den Ort sind die Kinder begeistert: Es gibt einen Reiterhof mit Camargue-Pferden und eine Mühle. Dann biegt der Wagen nach rechts in eine Einfahrt ein. In großen Lettern steht hier „Obstgut Müller“. Das Ziel ist erreicht. Der Parkplatz ist voll, denn ein Ausflug auf den landwirtschaftlichen Familienbetrieb lohnt sich besonders jetzt – in der goldenen Erntezeit für Äpfel. Und auf dem Obstgut Müller ist Selbstpflücken ausdrücklich erlaubt, ja sogar Teil des Konzepts. 

Obstgut mit Familientradition

 „Schon meinem Großvater, der unseren Obsthof 1994 aus dem Nichts heraus gründete, war es wichtig, dass Besucher bei uns selbst pflücken können und so auch an die Region herangeführt werden“, erzählt Cathleen Wollanik. Die 30-jährige Obstbäuerin steht in Jeans und T-Shirt vor dem kleinen Hofladen im Innenhof des Obstguts Müller und begrüßt die vier kleinen Ausflügler, die sogleich in Richtung Obstwiesen losstürmen. Gut gelaunt wirkt sie dabei, lebendig, mit funkelnden braunen Augen, das Haar zum praktischen Pferdeschwanz zurückgebunden.

Ständig wird sie angesprochen und gibt bereitwillig Auskunft. Denn wie an den meisten Wochenenden im Sommer herrscht auch an diesem sonnigen Samstagnachmittag reges Treiben auf dem Hof. Kinder spielen auf der „Familienwiese“ neben dem Bürogebäude, „ältere Herrschaften“ gönnen sich Kaffee und Kuchen auf dem Vorplatz des Hofladens und junge Familien schwärmen gemeinsam auf die Obstwiesen aus, die sich westlich des Gebäudes erstrecken, um Äpfel oder auch Pflaumen in Kartons, die sie auf dem Obstgut gekauft haben, oder in eigenen Kisten und Körben direkt vom Baum zu pflücken und erntefrisch mit nach Hause zu nehmen. 

Die Reife des Obstes bestimmt den Arbeitsrhythmus auf dem Gut. Anfang Oktober ist Erntezeit für Äpfel, Birnen – und auch noch Pflaumen. © Forum Moderne Landwirtschaft

Raus aus der Stadt – rein in das Pflückvergnügen

Doch es geht den Besuchern nicht nur um das Pflücken an sich: Auf dem Obstgut Müller finden alle ein ganz besonderes Land- und Naturerlebnis – und das nur eine halbe Autostunde von Berlin entfernt. „Viele, die zu uns kommen, machen gleich einen Familienausflug daraus“, bestätigt Cathleen Wollanik. Man sieht ihr an, dass sie sich ehrlich darüber freut. Denn das Obstgut der Familie ist ihr ans Herz gewachsen und ihren Beruf übt die Jungbäuerin mit Herzblut aus: „Meine Arbeit hier ist sehr abwechslungsreich und umfasst die unterschiedlichsten Tätigkeiten – vom Anbau über die Ernte bis hin zu Marketing und Verkauf. Ich sitze nicht nur am PC, sondern bin viel an der frischen Luft“, berichtet sie vergnügt und verschweigt dabei bescheiden, dass sie 2014 sogar zur ersten Wesendahler Apfelkönigin gekrönt wurde.

Nach der Schule zog es Cathleen Wollanik allerdings zunächst in die Stadt: In Berlin lernte sie Arzthelferin und übte den Beruf auch einige Jahre lang aus. Schnell kam aber die Sehnsucht nach dem Land. 2008 kehrte Cathleen Wollanik deshalb zurück auf das Obstgut und übernahm gemeinsam mit ihrer Mutter Anke die Geschäftsführung. Cathleens jüngere Schwester Carolin stieg im vergangenen Jahr ebenfalls in die Leitung des Familienbetriebs mit ein. Und auch Großmutter Jutta packt mit ihren 79 Jahren gern noch mit an. Ein echter Frauenbetrieb also, mit klarer Aufgabenteilung: Mutter Anke ist vorrangig für die Produktion zuständig, die Geschwister Cathleen und Carolin kümmern sich insbesondere um den Hofladen und den Vertrieb.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Ein wichtiger Eckpfeiler bei der Aufzucht und Ernte der regionalen Obstsorten auf dem Obstgut Müller, so betont Cathleen Wollanik, ist Nachhaltigkeit. Erfahrung und Wissen helfen ihr, ihrer Familie und den zehn fest angestellten Mitarbeitern des Obstguts dabei, den Anbau in das Ökosystem der Natur zu integrieren. „Schädlingsbekämpfungsmittel werden bei uns nur gespritzt, wenn es unbedingt notwendig ist – nach der Devise: ‚So wenig wie möglich, so viel wie nötig.‘ Anhand von Käferfallen etwa können wir erkennen, ob bestimmte ‚Warnschwellen‘ in Bezug auf den Schädlingsbefall überschritten werden“, erläutert Cathleen Wollanik. Auch das Wetter ist ein Indikator: Ist das Jahr eher feucht, wachsen schnell schädliche Pilze auf den Pflanzen. In eher trockenen Jahren, wie in diesem, muss weniger Pflanzenschutzmittel versprüht werden. „Wichtig ist uns, dass zum Zeitpunkt des Verzehrs keine Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in den Früchten mehr vorhanden sind“, so die Obstbäuerin.

 

Rundum nachhaltige Bewirtschaftung

Die Nachhaltigkeit in der Bewirtschaftung der Flächen greift auf dem Obstgut Müller allerdings noch weiter: Insektenhotels und Nistkästen zwischen den Obstbäumen sorgen dafür, dass es auf den Feldern summt und brummt und dass die Blüten emsig bestäubt werden. „Sitzkrücken“ bieten größeren Vögeln bequeme Rastgelegenheiten. Und damit die bewirtschafteten Flächen sich gut erholen können, wird auf ihnen zwischendurch Tagetes angebaut, auch „Studentenblume“ genannt. Diese schreckt mit ihren Duftstoffen Insekten ab und gilt als natürlicher Fitmacher für den Boden.

Auch soziale Aspekte spielen in die nachhaltige Bewirtschaftung des Obstguts mit hinein. „Vor ein paar Jahren noch haben unsere Mitarbeiter, insbesondere die rund 30 Saisonarbeiter, die wir jedes Jahr beschäftigen, die Äpfel in große Taschen gepflückt. 15 Kilo passten da rein. Die vollen Taschen wurden vor dem Bauch zu Kisten getragen und gebeugt entleert. Heute hilft hier eine Maschine zwischen den Baumreihen. Auf deren Förderbänder legen die Pflücker die Äpfel – und diese werden dann automatisch in Großkisten transportiert. Auch die Sortierung der Äpfel in der Lagerhalle geschieht größtenteils maschinell. Das ist körperlich für die Leute sehr entlastend“, so Cathleen Wollanik. 

 

Erntezeit von Mai bis Ende Oktober

Im Hofladen des Obstguts wird das ganze Jahr hindurch in großen Holzkisten und Holzregalen Selbstproduziertes angeboten, etwa von Jutta Müller selbst gekochte Marmeladen und Gelees. Auch frisches Obst und Gemüse aus der Umgebung sowie regionale Produkte und Spezialitäten wie Eier, Wildfleisch, Liköre, Säfte und Biohonig gehören zum Sortiment. Den Pflückrhythmus auf dem Obstgut bestimmen allerdings die Reifezeiten der verschiedenen Obstsorten: „Von Mitte Mai bis Mitte Juli ist Erdbeersaison, Sauerkirschen gibt’s von Anfang bis Ende Juli, Pflaumen werden im August und September geerntet, Äpfel von Anfang September bis Ende Oktober“, so Cathleen Wollanik.

Die Äpfel von den mehr als 120.000 Apfelbäumen auf dem Gelände werden in insgesamt acht Lagerhallen neben und hinter dem Hofladen in großen Kisten bei ein bis zwei Grad Celsius und geringem Sauerstoffanteil in der Luft gelagert, um ihren Reifeprozess zu verlangsamen. Knackfrisch werden die Früchte dann – vom süß-herben „Braeburn“ bis hin zum auch für Allergiker verträglichen „Santana“ – an Supermärkte oder Einzelhandelsläden in der Region geliefert. Hier, ebenso wie an den steigenden Zahlen der Selbstpflücker auf dem Hof, lässt sich ablesen, dass Regionales bei den Konsumenten Konjunktur hat. Cathleen Wollanik bestätigt das: „Die Nachfrage nach Regionalem ist deutlich gestiegen. Vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus.“

Drohne
Obstfelder, wohin das Auge blickt. Über 70 Hektar erstreckt sich das Gelände des Obstguts Müller. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

Stolz wie die Apfelkönige

Über den Apfelwiesen des Obstguts Müller senkt sich langsam die Sonne. Noch scheint sie golden und spiegelt sich in den glänzen Früchten an den Bäumen. Cathleen Wollanik verabschiedet sich, um im Hofladen noch ein wenig nach dem Rechten zu sehen. Auf dem Weg dorthin plaudert sie kurz mit einem jungen Paar, das sie anspricht. In der langen, dichten Hecke, die sich durch die gesamte Anlage des Obstguts zieht, picken derweil Singvögel nach Insekten. Sie scheinen sich hier recht heimisch zu fühlen – ebenso wie die vier kleinen Besucher aus Berlin Zwei große Kartons mit Äpfeln und eine Tüte mit Pflaumen ist die Ausbeute des Tages. Stolz und rotwangig wie die Apfelkönige tragen die vier den selbst gepflückten Schatz, den ihre Eltern vorher noch an der Wiegestation bezahlt haben, in Richtung Auto. Den aufregenden Nachmittag auf dem Obstgut Müller werden sie so schnell nicht vergessen.