Auf den Blättern der Erdbeeren glitzern Regenperlen. Der kurze Sommerschauer hat die Luft angenehm abgekühlt und lässt die Hitze der vergangenen Tage für einen Moment vergessen. Am schlichten Kassenhäuschen, das im Licht der Wolken silbergrau schimmert, herrscht bereits kurz vor 10 Uhr geschäftiges Treiben. Körbe wiegen, bezahlen, der Nächste bitte! Eine Frau im schwarz-weiß gepunkteten Kleid wuchtet zwei bis zum Rand gefüllte Holzkörbe auf die Waage. Mehr als vier Kilogramm Erdbeeren hat sie geerntet. Zum Preis von 3,50 Euro pro Kilogramm. Sie bezahlt, packt das Obst in den Kofferraum und steigt ins Auto.

Wer zuerst kommt, sammelt zuerst

Wie sie haben sich rund 50 weitere Selbstpflücker*innen früh auf den Weg zu Pomona in Ahrensfelde gemacht, rund elf Kilometer vor den Toren Berlins. Pomona ist die römische Göttin der Baumfrüchte. Ihr Name leitet sich vom lateinischen Wort „pomum“ ab, das Baumfrucht bzw. Obstfrucht bedeutet.

„Wenn wir morgens um acht Uhr öffnen, wartet meist schon eine Autoschlange. Es ist die ideale Pflückzeit, da die Früchte durch die Nacht noch kalt sind und sich so gut ernten lassen“, sagt Nina Matthes. Die 26-Jährige hat schon vor einem Jahr die Leitung des Betriebes übernommen und ist seitdem verantwortlich für rund 35 Hektar Obstbauland, auf denen unter anderem Erdbeeren, Kirschen, Heidelbeeren, Johannisbeeren, Äpfel und Birnen wachsen. Die Bestäubung des Obstes übernehmen Bienen- und Hummelvölker, die der ortsansässige Imker vorbeibringt.

Geschmack ohne Kirmes

Selber pflücken ist die kürzeste Verbindung zum Obst – auch ohne eigenen Garten. Regional, saisonal, ohne Lieferkette. Das hat aber auch einen kleinen Nachteil: „Seit ich unsere Erdbeeren und unser anderes Obst probiert habe, möchte ich nicht mehr im Supermarkt kaufen. Man schmeckt einfach die Sonne“, sagt Nina Matthes. Purer Geschmack muss nicht durch zusätzliche Unterhaltungsangebote aufgewertet werden. „Für viele unserer Kundinnen und Kunden ist allein das Ernten pure Entspannung. Sie genießen die Ruhe.“ Irgendwann möchte sie nur ein kleines Café eröffnen, in dem sie ihren Gästen nach dem Pflücken selbst gebackenen Kuchen, Kaffee und frisch gepressten Apfelsaft anbieten kann. Noch ist dafür jedoch keine Zeit. In den Erntemonaten arbeitet sie sieben Tage in der Woche von 7 bis 19 Uhr. Von Juni bis September ist der Betrieb täglich für Gäste geöffnet.

Oma, wo kommen die Erdbeeren her?

Jetzt, im Juni ist Erdbeerzeit. Nina Matthes zeigt hinüber zu Feld 16, das durch rot-weißes Flatterband abgetrennt ist. Kleine und große Pflücker durchkämmen die Pflanzen nach den besten Früchten. Großeltern sammeln gemeinsam mit ihren Enkeln. „Viele Kinder aus der Stadt sehen durch den Besuch bei uns das erste Mal, dass Erdbeeren nicht im Supermarkt wachsen“, sagt Nina Matthes. „Sie sind dann ganz besonders stolz, wenn sie an der Kasse ihre Schale zeigen und berichten, dass sie die selbst ‚gejagt‘ haben.“ Ein zusätzlicher Anreiz dabei: Während des Sammelns darf so viel probiert werden, wie man möchte. Bezahlt wird nur, was in den Gefäßen mit nach Hause genommen wird. Und wenn wir schon dabei sind: Wie sieht es denn aus, das perfekte Behältnis? „Wir haben hier schon alles gesehen – von der Plastiktüte bis zum Wäschekorb“, sagt sie und lacht fröhlich. „Am besten sind die klassischen Holzkörbe. Hier lassen sich die Früchte in bis zu drei Reihen übereinander stapeln und werden so nicht gedrückt.“ 

Jede Sorte hat ihre Zeit

Auf dem Gelände von Pomona kommen Erdbeerfans noch voraussichtlich bis Ende Juli voll auf ihre Kosten. Die mehrmonatige Verfügbarkeit hängt mit den zwölf Sorten zusammen, die hier angepflanzt werden. Sie reifen zu unterschiedlichen Zeiten. „Clery“ ist die früheste Sorte, sie kann Anfang Juni geerntet werden. Später folgen „Darselect“ mit gut ausgewogenem Süß-sauer-Verhältnis und „Asia“, deren große Früchte besonders süß schmecken. Den krönenden Abschluss übernimmt „Malwina“, die im Juli reif ist. „Wir haben sogar Stammkundinnen und -kunden, die rufen an und fragen gezielt nach, ob etwa die ‚Asia‘ schon verfügbar ist. Mit einer anderen Sorte brauchen wir ihnen dann gar nicht zu kommen“, sagt Nina Matthes.

Pflück-News via Erntetelefon

Wer wissen möchte, welche Früchte gerade erntereif sind, ruft am besten an. Am Erntetelefon informiert Familie Matthes über aktuelle Neuigkeiten oder wenn der Hof doch einmal kurzfristig geschlossen hat. So gab es Mitte Mai dieses Jahres nichts Gutes zu berichten: Frostige Nächte hatten den Kirsch- und Apfelblüten derart zugesetzt, dass sie erfroren sind. Die bittere Folge: 2019 gibt es keine Kirschen und Äpfel zum Selberpflücken – ein Ernteausfall von über 40 Prozent. „Bei spätem Frost haben wir momentan noch keine Chance“, sagt Betriebsleiterin Nina Matthes. „Vielleicht können wir in Zukunft durch die sogenannte Eisberegnung einen Teil der Ernte retten. Dafür müssen wir unsere Bewässerungssysteme weiterentwickeln.“ Denn mit genügend Wasser ließe sich die Blüte gezielt „schockfrosten“ und dadurch retten. Aber das war in diesem Jahr leider noch nicht möglich.

Vom LPG-Betrieb zur familiengeführten Selbstpflücke

„Letztlich sind wir natürlich stark vom Wetter abhängig. Und da spüren wir auch eine Veränderung in den vergangenen Jahren. Der Vegetationsbeginn liegt jetzt deutlich früher. Daher ist die Gefahr durch plötzlichen Frost auch größer“, sagt Nina. Um wetterbedingte Ernteausfälle kompensieren zu können, müssten sie Rücklagen bilden. Im Obstbau sei es Tradition, in längeren Zeitintervallen zu planen. Heute genauso wie früher. 1960 wurde das Gelände als Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gegründet – zur Frischmarktversorgung Berlins. Einige der aktuellen Kundinnen und Kunden haben damals selbst als Kinder bei der Ernte geholfen. Viele kommen bis heute regelmäßig zur Selbstpflücke von Familie Matthes. Der Betrieb in seiner heutigen Form entstand 2011, als die Obstanlagen und die Gebäude der ehemaligen LPG zusammengeführt wurden.

Bald sind die Heidelbeeren reif

Es ist heiß geworden. Die Mittagssonne hat die letzten Regentropfen auf den Erdbeerblättern längst getrocknet. Stattdessen treibt sie nun Schweißperlen auf die Stirn der unermüdlichen Pflücker auf Feld 16. Ohne Pause werden Körbe mit Erdbeeren gefüllt, gewogen, bezahlt und nach Hause transportiert. Daraus entstehen in den kommenden Wochen unzählige Torten, Bowlen und Marmeladen. Was denn ihr Lieblingsobst ist, möchten wir zum Schluss noch von Nina Matthes wissen. Sie überlegt eine Weile: „Eigentlich alles, da kann ich mich wirklich nicht festlegen“, sagt sie und lacht wieder fröhlich. Zumindest aus geschmacklicher Sicht lässt sich also der diesjährige Ernteausfall von Kirschen, Äpfeln und Birnen einigermaßen verkraften. Immerhin: In zwei bis drei Wochen sind die Heidelbeeren reif. Ein weiterer süßer Grund, die Selbstpflücke von Familie Matthes vor den Toren Berlins zu besuchen.