„Raps ist mein Beruf. Dass ich nun in der Rapszüchtung arbeite, ist aber reiner Zufall. Es hätte auch eine ganz andere Kulturpflanze sein können“, sagt Gertz und erzählt eine Episode aus seiner Schulzeit: In der fünften oder sechsten Klasse hätten er und seine Mitschüler im Biologie-Unterricht die Aufgabe erhalten, Pflanzen mitzubringen. Raps sei das Thema gewesen. Doch statt eines Triebes packte Gertz eine mannshohe, komplette Rapspflanze auf sein Fahrrad und nahm sie mit in den Unterricht. „Das war meine erste Erfahrung mit Raps“, erinnert er sich schmunzelnd. Die Entscheidung, in die Pflanzenzüchtung zu gehen, sei für ihn allerdings erst später gefallen.


KWS SAAT: ein Weltunternehmen

Gertz studierte Gartenbau in Hannover. Ein Teilbereich war die Pflanzenzüchtung. „Viel Natur und Mathematik, dazu zukunftsgerichtet – das hat mich fasziniert“, erzählt er. Gertz spezialisierte sich auf diesen Bereich und promovierte. Seit 2002 arbeitet er für KWS – ein Unternehmen mit einer langen Tradition.

Die Wurzeln von KWS reichen bis ins Jahr 1856 zurück. Gegründet wurde das Unternehmen vom Zuckerrübenzüchter Matthias Rabbethge in Klein Wanzleben bei Magdeburg. Heute sitzt KWS in Einbeck und beschäftigt weltweit rund 4.700 Mitarbeiter. Das im Kleinwerteindex SDAX börsennotierte Unternehmen erwirtschaftet rund eine Milliarde Euro im Geschäftsjahr und ist im Bereich Saatgut für die Landwirtschaft nach Umsatz weltweit die Nummer vier. Die Aktienmehrheit halten die Familien Büchting und die von Arend Oetker, einem Urenkel des Unternehmers August Oetker. KWS steht damit für Unabhängigkeit und Beständigkeit – es handelt für Generationen.


Raps: ertragsstabil und anpassungsfähig

Eine neue Rapssorte zu entwickeln, kann zehn bis zwölf Jahre dauern. „Da ist sehr viel Geduld gefragt“, sagt Gertz. Wenn es um seinen Beruf geht, kommt der Pflanzenzüchter regelrecht ins Schwärmen: „Raps ist eine wunderbare Nutzpflanze. Sie passt sich sehr gut an die Umweltbedingungen an und ist sehr flexibel. Außerdem ist Raps relativ ertragsstabil“, führt Gertz weiter aus. Das bringe den Landwirten Sicherheit und sei auch ein Grund für den in den vergangenen Jahren stetig zunehmenden Anbau in Deutschland. Die mögliche Anbaufläche für Winterraps in Europa erstrecke sich vom Süden Frankreichs bis nach Mittelschweden, Lettland und Litauen.

Raps steht in Deutschland als Winterraps elf Monate lang auf dem Feld. Ende August wird er gesät, im Herbst bildet er Blätter. Im Frühjahr ist die Pflanze dann bereits so weit entwickelt, dass sie Ende April, Anfang Mai zu blühen beginnt. Ende Juli wird dann geerntet – Rapskörner. Neben dem reinen Kornertrag erhält der Landwirt einen Bonus, der sich nach dem Ölgehalt des Korns richtet. Aus den Rapskörnern wird Rapsöl gewonnen, das wertvollste Produkt der Pflanze. Aber auch der Rest des Korns wird verwertet. „Der Rapsschrot oder auch Rapskuchen ist die wichtigste einheimische Eiweißquelle im Tierfutter“, erklärt Gertz und verweist auf einen weiteren Vorteil der Pflanze aus der Kohl-Gattung „Brassica“: „Raps ist nicht mit Getreide verwandt. Damit kommt ihm beim Thema Fruchtfolge eine Schlüsselrolle zu.“ Wird Raps auf einem Feld ausgebracht, auf dem anschließend Getreide angebaut wird, steigt dessen Ertrag zumeist deutlich an. „Raps steht somit für moderne, nachhaltige Landwirtschaft“, betont Gertz.

Raps

Zukunft säen

Damit sich die Erträge auch künftig steigern lassen, züchten Gertz und sein Team stetig weiter. „Bei Raps setzen wir seit Längerem auf die Verwendung von Hybridsorten. Dabei werden für eine neue Rapssorte nicht nur eine, sondern zwei verschiedene Rapslinien verwendet. Die eine ist die Mutter, die andere der Vater“, schildert Gertz. Bei der Kreuzung kann dann eine negative Eigenschaft der Mutterpflanze mit einer positiven der Vaterpflanze ausgeglichen werden – oder umgekehrt. „Solche Kreuzungen sind in der Regel robuster, leistungsfähiger, gesünder – und am Ende auch ertragreicher. Das ist unser Ziel“, sagt Gertz. 

Drei Dinge wollen Gertz und sein Team bei KWS künftig weiter verbessern: Die Rapssorten sollen zum einen krankheitsresistenter werden. Hier habe man bereits bei der Wurzelhals- und Stängelfäule (Phoma) in den vergangenen Jahrzehnten sehr große Fortschritte erzielt, sagt Gertz. Beim Rapskrebs (Sclerotinia) dagegen sei das noch nicht entscheidend gelungen. Außerdem sollen die Rapssorten widerstandsfähiger gegen Insektenbefall werden. „Es gibt jede Menge Käfer, die den Raps in allen möglichen Stadien angreifen und den Ernteertrag schmälern“, erläutert der Pflanzenzüchter. „Unser Ziel ist es aber, Pflanzen zu entwickeln, die mit weniger oder ganz ohne Insektizide auskommen. An diesem Zukunftsthema arbeiten wir heute schon“, so Gertz. Das dritte Ziel des Teams sei es, den Stickstoffverbrauch von Raps zu senken. „Bei all dem ist ein langer Atem gefragt.“

Raps

Den Zufall steuern

Gertz selbst hat den langen Atem: Büro- und Feldarbeit, dazu Besprechungen und Konferenzen in ganz Europa. Jetzt zur Hochsaison – in der Erntezeit und Neuausbringung des Rapses – sind zudem Überstunden keine Seltenheit. Auch an den Wochenenden wird gearbeitet. Abschalten können ist da eine wichtige und nützliche Eigenschaft. Gertz könne das am besten im heimischen Garten, wie er sagt.

Aber so ganz lässt ihn die Arbeit auch dort nicht los. „Da wächst zwar kein Raps“, sagt er und lacht, „aber ich kreuze und züchte auch dort ein bisschen.“ Erste Erfolge jedoch erhofft er sich erst, wenn er in Rente gegangen ist. Ob sie eintreten? Gertz lacht erneut: Das hänge natürlich auch vom Zufall ab. „Aber auch der lässt sich durch gezieltes Selektieren und geschicktes Kombinieren in die richtige Richtung steuern.“

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