Langsam öffnet sich die orangefarbene Luke in der Außenwand der großen Industriehalle. Ein Lkw schiebt sich rückwärts an die scharf abfallende Wandkante heran, über die sich jetzt vom schräg gestellten Heck des Wagens herab ein brauner Haufen Dreck auf den Boden der Halle ergießt: Biomüll. Der Haufen riecht nicht gerade gut und ist auch recht unansehnlich, aber der Herr mit dem grau melierten Haar und der leuchtenden Schutzweste, der den Abladevorgang im Inneren der sogenannten Annahmehalle beobachtet, freut sich riesig: „Die Ladung hat ordentlich Umdrehungen, da ist viel Rasenschnitt drin“, erklärt Thomas Rücker. „Je mehr Kohlehydrate, Fette und Eiweiße im Biomüll enthalten sind, desto wertvoller ist er für die weitere Verwertung.“

 

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Fragen zur Anlage beantwortet Thomas Rücker gern und kompetent. ©Forum Moderne Landwirtschaft

 

Die Biovergärungsanlage Berlin – ein Leuchtturmprojekt

Der 57-Jährige spricht aus Erfahrung. Er ist Abteilungsleiter Biologische Abfallbehandlung bei der Berliner Stadtreinigung (BSR), dem größten kommunalen Entsorgungsunternehmen in Deutschland. Zugleich leitet er die einzige Biovergärungsanlage der Hauptstadt, die Anfang 2013 als Leuchtturmprojekt der BSR in Berlin-Spandau an den Start ging und seit Oktober 2013 regulär in Betrieb ist. Die bundesweit nach wie vor größte Anlage wird täglich von rund 30 BSR-Fahrzeugen angefahren. Pro Jahr sammelt die BSR-Flotte etwa 77.000 Tonnen Biomüll an, der von rund 3,6 Millionen Menschen in den insgesamt zwölf Berliner Bezirken produziert wird – von Spandau im Westen bis Marzahn-Hellersdorf im Osten, vom nördlichen Pankow bis ins südliche Steglitz-Zehlendorf.

„66.000 Tonnen Biomüll liefen allein 2016 durch unsere Anlage. Die weniger gut vergärbare Differenzmasse geht in die Kompostierung“, erläutert Thomas Rücker. Auch Biomüll kennt demnach Qualitätsunterschiede: „Energiearmes Laub oder Baum- und Strauchschnitt lassen sich nicht so gut in der Biogasanlage verwerten. Besonders aus den Küchenabfällen hingegen gewinnen wir Biogas für den Betrieb unserer Fahrzeuge sowie feste und flüssige Gärreste“, sagt Thomas Rücker. Letztere wiederum wandern auf Acker und Feld, denn Landwirte werten damit ihren Boden auf und verwenden sie zur Düngung. Gärreste aus Biomüll sind nämlich reich an Düngestoffen wie z. B. Stickstoff, Kalium und Phosphor. „Die Einbindung der Landwirtschaft als Abnehmerin für die Gärrückstände ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Konzepts. Ohne sie könnten wir unsere Ziele nicht erreichen“, betont Thomas Rücker. Und die lauten: Möglichst viele BSR-Fahrzeuge mit Biogas aus der Anlage zu betanken und gleichzeitig die Gärreste als organischen Dünger in den Kreislauf zurückzuführen. Zurzeit werden etwa 150 Lkw mit Biogas betrieben, das ist rund die Hälfte gesamten Abfallsammelflotte der BSR.

Futter für ein Heer hungriger Bakterien

An dem Haufen Biomüll in der Annahmehalle macht sich währenddessen ein Radlader zu schaffen. Er transportiert das Biogut quer durch die Halle und schaufelt es portionsweise auf das Fließband einer automatischen Aufbereitungsanlage. Die unsortierte Müllmasse durchläuft dabei eine riesige Siebtrommel mit etwa sieben Zentimeter großen Löchern. Kleine Partikel fallen hindurch. Das Material, das nicht durch die Sieblöcher fällt, wird umgeleitet, zerkleinert und dann wieder durch die Siebtrommel gegeben. Dabei besteht die Möglichkeit, störende Reststoffe wie Metall, Glas, größere Steine oder Kunststoff auszusortieren. Metalle gehen in den Schrotthandel und die nicht verwertbaren Siebreste müssen verbrannt werden. Manchmal ist der Biomüll allerdings so verschmutzt, dass große Mengen Siebreste anfallen. Thomas Rücker ärgert diese Nachlässigkeit der Verbraucher: „Wir finden im Biomüll wirklich alles: von großen Steinen bis hin zum Laptop. Besonders schlimm ist das ganze Plastik.“

Die Biogutmasse, die das Sieb passiert, fällt auf ein anderes Fließband und wird weitertransportiert. Nächste Station ist ein großes grünes Rohr, die sogenannte Stopfschnecke. Über diese wird die Masse in die Fermenter der Anlage gedrückt. Hier wartet dann ein Heer von hungrigen Bakterien auf den Abfall. „Im luft- und wasserdichten Fermenter herrscht eine Temperatur von 53 bis 55 Grad Celsius. So fühlen sich die Mikroorganismen am wohlsten“, sagt Biogas-Fachmann Rücker. 21 Tage dauert es, bis der Abfall verzehrt ist. Zwischendurch mischen große Rührwerke die gärende Masse immer wieder auf, „um eine optimale Gasproduktion zu erreichen“. Die Rührer werden von außen mit Motoren betrieben. Das Rohbiogas wiederum steigt in den Fermentern hoch und wird über Leitungen auf dem Dach zur weiteren Verarbeitung abgeführt und entschwefelt. Danach wird ihm zunächst in der „Gaswäsche“ CO2 und anschließend Feuchtigkeit entzogen, bis es schließlich als reines Biomethan in das Berliner Gasnetz eingespeist werden kann. Pro Jahr erzeugt die Spandauer Anlage rund 2,7 Millionen Kubikmeter Biomethan. „Das entspricht einem Äquivalent von ca. 2,5 Millionen Liter Dieselkraftstoff“, sagt Thomas Rücker sichtlich stolz.

Einen gänzlich anderen Weg durchläuft die restliche Biomasse: Sie wird über eine „Vakuum-Druckentnahme“ von unten aus dem Fermenter geschlürft und durch eine Entwässerungspresse gedrückt. Die festen Gärreste gelangen anschließend über Förderbänder in die „Aerobisierungshalle“. Hier wird ihnen Luft zugeführt. Das stoppt einerseits den Gärprozess und vertreibt außerdem den beißenden Ammoniakgeruch, der einem beim Betreten der Halle fast den Atem nimmt. Denn wie Thomas Rücker ausdrücklich betont, legt die BSR viel Wert darauf, dass das Umfeld der Anlage nicht durch Gerüche belästigt wird. Die flüssigen Reste wiederum wandern in große Sammelbehälter. Und hier beginnt ihr Weg in die Landwirtschaft: Logistik-Dienstleister fahren die jährlich anfallenden rund 30.000 Tonnen nährstoffreiche Flüssigkeit zu fünf landwirtschaftlichen Betrieben in der Region, mit denen die BSR feste Abnahmeverträge geschlossen hat.

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Organischer Dünger für karge Böden

Einer davon ist der Hof von Lothar Bamberg im Brandenburgischen Örtchen Schünow. Auf rund 720 Hektar Ackerland baut er gemeinsam mit seinem Sohn Christian Weizen, Winterroggen, Sonnenblumen und Mais an. In Brandenburg ist das kein einfaches Unterfangen, denn es gibt wenig Tierhaltung, die Gülle zur Düngung liefern könnte und der Boden ist nicht besonders gut. „Rund 25 Kilometer vor Berlin verläuft ein Sandgürtel. Das bedeutet, dass der Boden hier wenig Wasser halten kann. Er ist trocken und enthält wenige Nährstoffe“, erläutert Lothar Bamberg, der wettergegerbt in grün gestreiftem Hemd und Arbeitshosen vor einem riesigen, runden Betonsilo auf seinem Gelände steht. Hier werden die flüssigen Gärreste gelagert, die die BSR regelmäßig anfährt. 11.000 Tonnen sind das pro Jahr. 6.000 Tonnen fasst der Behälter.

Für Lothar Bamberg hat die dunkelbraune Flüssigkeit einen hohen Wert. „Die Gärreste helfen mir, teuren Mineralstoffdünger einzusparen. Derzeit können wir rund 30 Prozent des mineralischen Düngers durch organischen ersetzen. Langfristig möchten wir den Anteil der Gärreste auf 70 Prozent erhöhen“, so der Landwirt. Als Vorreiter seiner Zunft in der Region probiert der 62-Jährige im Ackerbau gern Neues aus. Aktuell experimentiert er mit dem sogenannten Strip-till-Verfahren, bei dem die Gärreste als Nährbett maschinell in einer Tiefe von 15 bis 30 Zentimetern unter der Bodenoberfläche abgelegt und anschließend wieder bedeckt werden. Beigegebene Nitrifikationshemmer vermindern zusätzlich die Auswaschung von Nitrat und halten wichtige Mineralien wie Stickstoff, Phosphor, Kupfer, Mangan und Zink länger im Boden. Doch das ist noch nicht alles: Zusätzlich siebt Lothar Bamberg auf seinem Hof von der BSR angefahrene feste Gärreste mit einer Maschine mehrfach durch, bis sie von Plastikschnipseln und weiterem gröberen Unrat befreit sind und ebenfalls auf dem Feld als Dünger ausgebracht werden können.

„Seit wir die Gärreste auf unseren Böden ausbringen, hat sich der Humusgehalt deutlich verbessert“, freut sich Landwirt Bamberg und lässt dabei eine Handvoll durchgesiebter Biomüll-Gärreste durch seine Finger rieseln. Gleichzeitig betont er, dass auch mit organischer Düngung keine Wunder zu erwarten seien: „Humus baut sich nur über Kontinuität auf“, so der Ackerbau-Experte. Das heißt im Klartext: Erfolge stellen sich erst über einen längeren Zeitraum ein.

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Deutlicher Vorher-Nachher-Effekt

Auf den kargen Böden von Lothar Bamberg vollbringen die flüssigen und festen Gärreste aus der Biogasanlage, die mit Schleppschlauch-Geräten auf dem Acker verteilt werden, bereits jetzt kleine Wunder: Auf einigen Feldern wächst neuerdings Körnermais, auf anderen gedeiht Wintergerste. Besonders deutlich wird der Erfolg der Gärrest-Düngung allerdings beim Anblick des großen Sonnenblumenfelds, auf das Lothar Bamberg jetzt mit ausladender Geste und voller Stolz zeigt. Auf der linken Hälfte ist der Pflanzenbestand eher löchrig. Braune Bodenflecken sind zwischen den Pflanzen zu erkennen und die Sonnenblumen wachsen vergleichsweise spärlich. Rechts hingegen schaut es ganz anders aus. Die Pflanzen stehen üppig und dicht. „Hier haben wir flüssige Gärreste ausgebracht. Der Boden hat die Nährstoffe und das Wasser offenbar besser gehalten, Humus hat sich aufgebaut “, freut sich Lothar Bamberg. Ein zufriedenes Lächeln liegt auf seinem Gesicht.

Und so sorgt denn Haushaltsmüll aus Berlin dafür, dass Sonnenblumenkerne und Getreide in Brandenburg eine höhere Qualität aufweisen. Und davon wiederum profitieren die Bewohner der Stadt. Ein perfekter Kreislauf.