Auf Hof Neuhörn begrüßt Lexa die Gäste. Die Hundedame, eine Mischung aus Border Collie und Berner Sennenhund, liegt schwanzwedelnd in der Einfahrt. Ihre Skills: fröhlich umherspringen und sich streicheln lassen. Im Unterschied zur Sprachassistentin mit ähnlichem Namen funktioniert Lexa vollständig analog. Mit digitalen Features punkten hier auf dem Hof eher andere Tiere. Alle 420 Kühe besitzen ein Halsband, in das ein Sender integriert ist. Dieser ermöglicht mit der passenden Auswertungssoftware ein modernes Herdenmanagement: „Manche Verbraucher würden das vielleicht Massentierhaltung nennen“, sagt Hans-Eggert Rohwer, der Besitzer des Hofs. „Uns hilft die Digitalisierung, täglich die Bedürfnisse jedes einzelnen Tieres erkennen zu können. Dank der erfassten Daten wissen wir über jede Kuh bestens Bescheid und können direkt reagieren, wenn sie intensivere Betreuung benötigt.“

Kuhstall Hofhund Kühe

Hofhund Lexa begrüßt und verabschiedet alle Gäste persönlich.

Was nicht im Kopf ist, steht im Computer

Das digitale Gehirn des Hofs, in dem alle Informationen zusammenlaufen, ist ein Computer im modernen Hightech-Melkstand. Rohwer klickt mit der Maus erst auf den Button „Tierüberwachung“, dann auf „hohe Aktivität in den letzten zwölf Stunden“. Die Nummer 188 erscheint. „Viel Bewegung deutet auf die Brunst hin. Daher habe ich die Kuh heute Morgen zur Besamung zum Bullen gebracht“, sagt Rohwer. Um die Aktivität der Tiere zu messen, befindet sich in jedem Halsband eine kleine Kugel. Bewegt sich diese stärker als gewöhnlich, registriert das der Sender und schickt die Daten an den Computer. Gleiche Diagnose, andere Kuh: Die Nummer 243 war ebenfalls brünstig. Das Programm zeigt aber, dass ihre letzte Kalbung erst 32 Tage zurückliegt. Das wäre zu früh für eine Besamung. Daher vermerkt Rohwer heute den Zeitpunkt, um drei Wochen später bei der nächsten Brunst einen neuen Anlauf zu starten. Der Blick auf die Daten gehört für ihn zur Morgen-Routine, so ist er zum Start des Tages bestens über das Befinden seiner Tiere informiert.

 

Gesammeltes Kuh-Wissen auf einen Blick

Doch nicht nur für die Nachzuchtplanung sind die Daten relevant. Im Laufe der Zeit entsteht für jedes Tier eine Art individuelles Gesundheitstagebuch. Rohwer blickt auf den Bildschirm: „Hier sehe ich, wann sie nach der Geburt im ‚Special needs‘-Bereich war, wo sich die Kuh nach der Kalbung erholt oder wann die Klauen geschnitten wurden. 15 Tage später ist sie dann in die Hochleistungsgruppe gekommen.“ Er scrollt weiter und deutet auf einen anderen Wert auf dem Bildschirm: „Jetzt hat sie noch 230 Tage bis zum Kalben. Wenn hier 42 Tage stehen, wird sie trockengestellt. Das heißt, sie wird nicht mehr gemolken und die Futterration entsprechend angepasst. Dann scheidet sie aus der jetzigen Gruppe aus und hat vier Wochen ‚Urlaub‘.“ Die umfangreichen Kuh-Datensätze enthalten darüber hinaus weitere Informationen wie Milch- und Futtermenge oder Zeitpunkt und Art der letzten Schutzimpfung.

Datenauswertung zum Wohle der Kuh

Wichtig ist für den Landwirt, welche praktischen Entscheidungen auf Basis der Daten getroffen werden: „Wir haben beispielsweise die Möglichkeit, die Kühe mit GPS auszustatten. So können wir nachverfolgen, wie sie sich bewegen und welche Plätze im Stall sie eventuell meiden oder besonders gerne aufsuchen.“ Auf Basis dieser Daten ließen sich Optimierungen im Stall vornehmen. So sind auf Hof Neuhörn Futter und Wasser an mehreren Seiten der Ställe verfügbar. „Dadurch haben die Tiere eine Alternative, wenn ein Futterplatz zum Beispiel durch eine dominante Alpha-Kuh besetzt ist. Sie nutzen dann einfach die Futterstelle auf der anderen Seite“, sagt Rohwer. Erkenntnisse wie diese sorgen dafür, dass die Tiere sich wohlfühlen und innerhalb der Herde weniger Konflikte entstehen.

 

Individuelle Futtermischung für die Heranwachsenden

Auch bei den Jungtieren gibt es technischen Support. Insgesamt zwölf Kälber werden derzeit auf dem Hof in Einzelboxen aufgezogen. Das ermöglicht eine individuelle Betreuung der Tiere in den ersten zwei Wochen. Sie erhalten zunächst aus einem Eimer die erste Milch ihrer Mütter. Nach dieser Zeit ziehen sie in einen anderen Stall, indem sich ein Fütterungsroboter um ihr leibliches Wohl kümmert. Durch den Chip am Halsband erkennt die Maschine, welches Kalb vor ihm steht und macht ihm zweimal am Tag eine ganz eigene Milchmischung zugänglich. Beim Fressen befinden sich die Vorderbeine der Tiere auf einer Waage, die das Gewicht bestimmt. Davon hängt die verabreichte Futtermenge ab. Bis die Jungtiere ein Gewicht von rund 80 Kilogramm erreicht haben, wird der Anteil der flüssigen Nahrung immer weiter reduziert und schließlich ganz durch festes Futter abgelöst, also Gras- und Maissilage.

Kommunikation und Kontrollunterlagen online

Gerade in den vergangenen Jahren habe die Digitalisierung zu zahlreichen Veränderungen auf dem Hof geführt: „Unsere Kommunikation läuft heute, wie bei jedem anderen auch, hauptsächlich via E-Mail oder Internet. Wir tauschen mit Behörden online Daten aus und werden auch über das Internet kontrolliert. Via GPS wird beispielsweise geschaut, was wir auf dem Acker anbauen und wie groß die Flächen sind“, erklärt Rohwer. Auch Unterlagen, zum Beispiel die Milchmenge der Kühe, würden einmal pro Monat an den Landeskontrollverband gegeben und dort weiterverarbeitet. Daraus entstünden züchterische Hinweise oder Fütterungsempfehlungen. Die bereitgestellten Daten ermöglichen somit nützliche Impulse für die eigene Arbeit – und neue Ideen für die Zukunft.

Persönliche Beziehung die „Nummer eins“

Trotz aller Informationen, die erfasst werden und die insgesamt zu einer besseren Betreuung der Kühe führen, ist dem Bauern eine Sache sehr wichtig: „Die Daten sind immer nur so gut, wie der Mensch sie verarbeitet“, sagt Rohwer. „Und sie sind natürlich längst nicht alles.“ Er brauche beispielsweise immer auch die persönliche Beziehung zu seinen Tieren. Ein Beispiel dafür sei die Kuh mit der Nummer eins, die auf dem Hof viele Jahre die „Oma-Kuh“ gewesen sei. Mit 16 Jahren, dann schon grau und fast weiß, musste sie im vergangenen Jahr eingeschläfert werden. Das sei für alle ein sehr bewegender Moment gewesen. „Bis dahin hatte ich mich abends mit ihr immer noch über den Tag unterhalten und bei Besichtigungen stand sie immer am Zaun, um die Gäste zu begrüßen“, erinnert sich Rohwer. Ein Job, den jetzt vertretungsweise Lexa übernimmt. Zumindest so lange, bis für die „Oma-Kuh“ eine adäquate Nachfolgerin gefunden ist. Vielleicht hilft bei Familie Rohwer bei diesem Casting ja auch ein Blick auf die gesammelten Daten weiter?

Landwirt Kühe

Seit die „1“ nicht mehr auf Hof Neuhörn ist, hat Kuh 6 das Herz von Hans-Eggert Rohwer erobert. Sie möchte besonders viel Zuneigung.