Tag und Nacht sind sie für ihre Landwirte erreichbar, wenn es irgendwo hakt. Sie behandeln entzündete Euter und lahme Beine und helfen bei Problemgeburten. Michael Schmaußer ist Spezialist für kranke Kühe. Doch eigentlich will er das gar nicht sein.

Vorsorge durch Bestandsbetreuung

Wenn es nach ihm ginge, würde ihn sein Diensthandy viel weniger oft auf Notfalleinsätze schicken. „Klar, ich bin Tierarzt geworden, um Tiere gesund zu machen – aber nicht nur. Ich will, dass sie gar nicht erst krank werden“, sagt er. Der beste Teil seines Jobs sei nicht das Heilen, sondern die Vorsorge, die in der Milchviehhaltung Bestandsbetreuung genannt wird. Bei der Bestandsbetreuung hilft Michael Schmaußer Landwirten, ihre Betriebe zu analysieren und so zu gestalten, dass ihre Milchkühe lange gesund bleiben und Milch geben. Die Betreuung ist momentan noch freiwillig, erst 2021 wird sie verpflichtend für alle Milchviehhalter. Doch schon heute besucht der Tierarzt zehn „seiner“ Landwirte ein- bis zweimal im Monat, um ihnen beratend zur Seite zu stehen.

 

Wie das im besten Fall laufen kann, zeigt Michael Schmaußer auf dem Hof von Stefan Stanglmayer, dessen Betrieb er bereits seit Jahrzehnten betreut: „Das ist eine gesunde Kuh“, sagt er und zeigt auf ein Tier, das in der Mitte des überdachten Freigeländes steht, umgeben von seinen Artgenossen. Das Fell glänzt, die Beine sind gerade, die Klauen gepflegt. Neugierig hält die Kuh ein wenig Abstand von dem Mann, der im dunkelgrünen Arbeitsanzug und Gummistiefeln vor ihr steht. In der Sonne schimmert ihr hellbraun geflecktes Fell leicht, kaum sichtbare Muster darauf erinnern ein klein wenig an das Fell eines Leoparden. Zufrieden und ein wenig stolz blickt der Tierarzt auf die Kuh. Mit ihr hat er keine Arbeit. Er hat seinen Job gut gemacht.
 

Wohlbefinden durch das Konzept der Kuhsignale


Im Mittelpunkt seiner Arbeit mit den Landwirten steht für Michael Schmaußer dabei immer eines: Das Wohlbefinden der Kühe. Um dieses zu verbessern, beobachtet er die Tiere ganz genau, immer auf der Suche nach Hinweisen auf ihren Zustand – er folgt damit dem Konzept der „Kuhsignale“. Dieses wurde Ende der 1990er-Jahre von den niederländischen Tierärzten Joep Driessen und Jan Hulsen entwickelt. Das Ziel der beiden war es damals, ein System zu schaffen, das Landwirten helfen sollte, ihre Tiere besser zu verstehen.

Zuallererst geht es bei den Kuhsignalen darum, genau und bewusst hinzusehen. Kühe, sagt Michael Schmaußer, geben kontinuierlich Hinweise darauf, wie es ihnen geht. So könne man an ihrem Verhalten und Aussehen jederzeit erkennen, ob alles in Ordnung sei. Probleme äußern sich beispielsweise durch schlechte Fellqualität und mangelnde Sauberkeit der Tiere, an Verletzungen, daran, dass die Kühe nicht genug fressen, oder an einer plötzlichen Veränderung des Verhaltens.

Doch Beobachten ist nur der erste Schritt der Methode, die Michael Schmaußer den Landwirten beibringt. Im zweiten Schritt geht es darum, zu überlegen, warum die beobachteten Probleme auftreten. Um die Gründe zu verstehen, davon ist der Tierarzt überzeugt, müssen Landwirte das Umfeld der Kühe mit deren Augen sehen. Schließlich seien die Tiere Experten für ihr eigenes Befinden.

Den Blick für Signale der Tiere schärfen

In Seminaren schärft der Tierarzt den Blick von Landwirten für sechs Aspekte, die Einfluss auf das Wohlbefinden der Kühe haben: Futter, Wasser, Licht, Luft, Ruhe und Raum bilden den sogenannten Kuhsignal-Diamant. Sind diese Punkte erfüllt, geht es den Kühen gut. Geht es ihnen schlecht, liegt der Fehler oft dort. So können geschwollene Sprunggelenke bei Kühen darauf hinweisen, dass der Untergrund im Stall zu hart ist. Beulen an den Schultern oder am Hals hingegen weisen darauf hin, dass vielleicht das Gestänge am Fressgitter zu niedrig oder zu eng ist oder das Futter zu weit von den Kühen entfernt liegt.

Im dritten Schritt arbeitet Michael Schmaußer gemeinsam mit seinen Landwirten daran, den Status quo zu verändern. Er berät sie darin, wie sie die Situation ihrer Tiere verbessern können, sei es durch einfache Interventionen wie eine bessere Verteilung des Futters oder gleich einen kompletten Stallneubau, maßgeschneidert auf die Bedürfnisse der Kühe.

Gesunde Kühe leben länger

Die Folgen dieser Zusammenarbeit sind weitreichend: Gesunde Kühe leben bis zu zwei Jahre länger – und geben so auch zwei Jahre länger Milch. Weil Landwirte und Veterinäre weniger zu den Tieren in die Boxen klettern müssen, um kranke Tiere zu versorgen, sind gesunde Herden weniger gestresst und damit resistenter – was dazu führt, dass sie weniger auf teure Antibiotika angewiesen sind. Der wichtigste Gewinn hat jedoch nichts mit Geld zu tun: Sind die Kühe gesund, haben Landwirte mehr Zeit, sich um das Wohlbefinden all ihrer Tiere zu kümmern – statt nur die zu versorgen, denen es gerade schlecht geht. Und weil das Notfallhandy von Michael Schmaußer weniger klingelt, wenn die Bedürfnisse der Kühe erfüllt werden, profitiert am Ende auch er: Schließlich hat er so mehr Zeit, das zu tun, warum er Tierarzt geworden ist: Sich darum zu kümmern, dass die Tiere gesund bleiben.