Herr von der Decken, wovor genau schützen Sie Ihre Pflanzen?

Pflanzen sind Lebewesen, ähnlich wie wir Menschen. Jedes Lebewesen auf dieser Welt versucht, sich durch gute Ernährung zu fördern und sich vor Krankheiten und natürlichen Feinden zu schützen. Auf einem Teil unserer Felder bauen wir Weizen an, der zu Brot und Futter weiterverarbeitet wird. Je nach Witterung, zum Beispiel durch lange feuchte Perioden oder andere Wetterextreme, kann unser Weizen eine Pilzinfektion erleiden. Ist eine solche Wetterlage klar vorhersehbar, behandeln wir unsere Pflanzen vorbeugend „protektiv“. Ist sie es nicht und die Pflanzen sind bereits befallen, gibt es die Variante des kurativen, also heilenden Schutzes. Darüber hinaus haben wir stets ein Auge auf Schädlinge, die zusätzlich Pilze oder Viren übertragen und so die Pflanzen doppelt schädigen können. Wir Menschen lassen uns beispielsweise gegen Grippe impfen. Pflanzen zu impfen, ist hingegen nicht möglich; die Viren lassen sich auch nicht direkt bekämpfen. Neben Schädlingen müssen wir unseren Weizen auch vor Unkräutern schützen, da diese unter anderem mit dem Weizen um Sonne, Wasser und Nährstoffe konkurrieren.

 

Woher wissen Sie, wie und wann Sie Pflanzenschutz anwenden müssen?

Viele Maßnahmen beruhen auf jahrzehntelangen Studien der Landwirtschaftskammern, von Hochschulen, Unternehmen und uns Landwirten selbst. Die Wahl der richtigen Maßnahme und des Anwendungszeitpunkts ist dabei entscheidend. Unser Hof gehört einem Beratungsring an. Unter der Leitung eines Pflanzenbauberaters treffen wir uns in regelmäßigen Abständen im Verlauf der Vegetationsperiode und tauschen uns aus. In unserem Pool gibt es Flächen, die erfahrungsgemäß empfindlich zum Beispiel gegenüber Pilzbefall sind. Kommt es zum Befall, schlägt der Landwirt Alarm beim Berater, der dann die restlichen Landwirte zu besonderer Achtsamkeit auffordert.

Dieser Prozess kann jedoch nur als Hilfestellung angesehen werden. Im Frühjahr sind wir daher täglich selbst auf dem Feld, um den optimalen Termin für den Pflanzenschutz abzupassen und mit einer minimalen Dosis die maximale Wirkung zu erzielen. Die ökonomische Schadschwelle spielt hier eine wichtige Rolle. Sind nur vereinzelt Unkräuter, Schädlinge oder Infektionen zu erkennen, fahren wir nicht gleich mit der Pflanzenschutzspritze los. Sollte sich abzeichnen, dass unser Ertragsverlust durch die genannten Faktoren mehr kosten würde als die Schutzmaßnahme, ist die ökonomische Schadschwelle überschritten. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln lohnt sich dann für uns. Um einen solchen Zeitpunkte perfekt abzuschätzen, braucht es allerdings viel Erfahrung. Ich versuche außerdem, mich zusätzlich durch Fachmagazine und Lehrgänge fortzubilden.

 

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Agrarstudent Erik von der Decken auf dem elterlichen Hof in Schleswig-Holstein. © Kathrin-Iselt-Segert_Bauernblatt

 

 

Man hört immer nur „Pestizide“, warum nennen Sie es „Pflanzenschutz“?

Das Wort Pestizide ist meiner Meinung nach eine unglückliche Übersetzung des englischen Begriffs „pesticides“. Das Wort beinhaltet das Wort „Pest“, mit dem wir Negatives verbinden. Kein Landwirt möchte seinen Pflanzen eine Pest zuführen. Ganz im Gegenteil, er oder sie möchte die Pflanzen genau davor schützen. Daher trifft der Begriff „Pflanzenschutz“ das Thema deutlich besser. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich das Wort stärker in der Alltagssprache etablieren würde.

 

Nutzen Sie jedes Jahr auf jedem Feld die gleichen Pflanzenschutzmaßnahmen?

Wir lassen verschiedene Kulturen auf unseren Feldern rotieren. Das bedeutet, dass höchstens alle zwei Jahre die gleiche Kultur auf einem Feld wächst. Da für verschiedene Pflanzen verschiedenster Pflanzenschutz benötigt wird, nutzen wir immer auch andere Maßnahmen. Außerdem entspricht kein Jahr dem anderen, sodass oft verschiedene Mittel mit unterschiedlicher Wirkung zum Einsatz kommen. Die Frage ist jedoch absolut berechtigt, denn es wurden in der Vergangenheit nur allzu häufig die gleichen Mittel eingesetzt. Das hatte zur Folge, dass Unkräuter und Schaderreger gegenüber einigen Pflanzenschutzmitteln Resistenzen entwickelt haben. Wir arbeiten mit hohem Tempo an diesen Themen. Im Berufskreis höre ich oft, dass Kollegen vermehrt wieder auf mechanischen Pflanzenschutz zurückgreifen möchten. Sie nutzen dann beispielsweise häufiger als bisher den Pflug zur Unkrautbekämpfung. Das ist ein sehr schwieriger Kompromiss, auch gegenüber der Umwelt, da die mechanische Arbeit vermehrten CO2-Ausstoß mit sich bringt.

 

Haben Sie selbst keine Angst, von Rückständen krank zu werden?

Mich persönlich beängstigen die modernen Pflanzenschutzmittel nicht, da ich in die zulassenden und testenden Institutionen vertraue. Ein neues Mittel benötigt heute im Schnitt zehn Jahre, bis es vertrieben werden darf. Unsere Pflanzenschutzspritze muss alle drei Jahre zum TÜV. Dort wird untersucht, ob die Maschine absolut korrekt arbeitet, damit bei jeder Pflanze die gleiche, geplante Menge des Wirkstoffs ankommt. Sorgen mache ich mir vielmehr um importierte Produkte aus Ländern mit geringeren gesetzlichen Auflagen. Sobald in anderen Ländern nämlich geringere Standards beim Pflanzenschutz gelten als etwa in Deutschland, wachsen auch die Fragen nach damit möglicherweise verbundenen Gesundheitsrisiken.

 

Wie schützen Sie Nützlinge vor Pflanzenschutzmitteln?

Die Frage nach der Förderung und dem Schutz der Nützlinge bei der Prüfung zum Pflanzenschutz- Sachkundenachweis entspricht von der Wertigkeit her der Vorfahrtsfrage bei der Führerscheinprüfung. Es gibt absolut strikte Auflagen, wann und mit welcher Aufwandmenge Insektizide – also chemische Pflanzenschutzmittel, die schädliche Insekten bekämpfen – in der Blütezeit des Rapses benutzt werden dürfen. Beispielsweise darf eine solche Pflanzenschutzmaßnahme in Deutschland nur vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang durchgeführt werden. Dies soll sicherstellen, dass Bienen, die den Raps tagsüber bestäuben, ebenso wie weitere Nützlinge nicht gefährdet werden.