Frau Albersmeier, warum sind Beschäftigungsmöglichkeiten für Tiere im Stall wichtig?

Schweine sind von Natur aus neugierig und erkunden gern ihre Umgebung. In einem Maststall stoßen sie da schnell an Grenzen. Um den Tieren in diesem Bedürfnis entgegenzukommen, ist es wichtig, ihnen ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten.

 

Was ist das von Ihnen entworfene KA-Rondell?

Unser KA-Rondell ist im Kern eine Wassertränke, die es den Schweinen ermöglicht, von allen Seiten aus an einer offenen Wasserfläche artgerecht zu saufen. Dies kommt dem natürlichen Trinkverhalten der Schweine entgegen. Zusätzlich haben wir diese Tränke noch um organisches Spielmaterial wie zum Beispiel Sisalseile und einen Strohkorb zur Beschäftigung erweitert. Außerdem können sich die Tiere an einem Holzbalken scheuern. Das KA-Rondell wird mitten in eine Bucht gestellt. Das ist eine Besonderheit im Schweinestall.

 

Wie erkennt der Landwirt, was seine Tiere brauchen?

Um Landwirt zu sein, bedarf es einer guten und praxisorientierten Ausbildung. Diese erfolgt oftmals über Generationen hinweg. Die Tierbeobachtung steht ganz besonders im Vordergrund der landwirtschaftlichen Arbeit. Tägliche Kontrollen in den Ställen ermöglichen es dem Landwirt, anhand des Verhaltens der Tiere, ihres Aussehens, der Futter- und Wasseraufnahme sowie der Beschaffenheit von Kot und Urin zu erkennen, ob die Schweine gesund sind oder nicht. All das kann ein Automat nicht leisten. Der Mensch mit seinem Einfühlungs- und Beobachtungsvermögen ist durch Technik nicht zu ersetzen.

 

Ist der Einsatz von Tierspielzeug eher eine Maßnahme zur Profit- und Produktoptimierung – oder resultiert er aus der Nähe zum Tier?

Profit und Produktoptimierung und Nähe zum Tier müssen sich nicht zwangsläufig widersprechen. Dies hört sich allerdings nicht schön an. Die finanziellen Anreize im Rahmen der Förderung zu mehr Tierwohl im Rahmen der bundesweiten Initiative Tierwohl (ITW) haben dazu geführt, dass wir uns intensiver mit Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere befasst haben. Wir sind im Laufe der Zeit vom Prämienoptimierer zum Überzeugungstäter geworden. Heute sehen wir, dass es unseren Tieren mit dem KA-Rondell und seinen Möglichkeiten besser geht als früher.

 

Wie sieht der perfekte Schweinestall heute aus? Wie in 50 Jahren?

Den perfekten Schweinestall wird es nicht geben, dafür sind die Ansichten aus der Praxis eines Schweinemästers gegenüber denen der Verbraucher zu unterschiedlich. Mit unserem KA-Rondell sind wir meiner Meinung nach aber auf einem guten Weg. Hinzu kommen die erfolgreichen Versuche zu Außenausläufen auf Stroh, die wir mit unseren Schweinen seit einem Jahr durchführen. Sicherlich wird auch in 50 Jahren noch Fleisch gegessen werden, das bezahlbar ist. Bei dessen Erzeugung wird das Wohl der Tiere bzw. die Umsetzung der Kundenwünsche stärker im Mittelpunkt stehen. Da sind wir heute noch ziemlich am Anfang.

 

Unter welchen Voraussetzungen könnte sich das Tierwohl weiterentwickeln?

Um die Tierhaltung weiterzuentwickeln ist es wichtig, dass Projekte wie die Initiative Tierwohl oder das Ringelschwanz-Projekt, das unter Beteiligung des Landwirtschaftsministeriums Nordrhein-Westfalen durchgeführt wird, weiterlaufen. Die Landwirtschaft muss in ihrer Entwicklung in Richtung mehr Tierwohl finanziell so lange zwingend unterstützt werden, bis der Einzelhandel und damit auch die Verbraucher bereit sind, für Fleisch aus Tierwohlbetrieben entsprechend mehr zu bezahlen. Tierwohl gibt es für den Landwirt nämlich nicht zum Nulltarif.

Marianne Albersmeier stellt sich gern dem Dialog – nicht nur als AgrarScout. Sie lädt auch Pressevertreter in ihren Schweinestall ein. © Marianne Albersmeier