Jeder kennt sie. Sie braucht kein Instagram, Facebook und Twitter, um dennoch in aller Munde zu sein. Ihre schlichte Bescheidenheit trifft jeden Geschmack. Ein Leben ohne sie: kaum vorstellbar! 

 

„Solanum Tuberosum“ nennen Kenner sie. Für die breite Masse kommt sie lässig als „Kartoffel“ daher. Der Sommer ist ihre Zeit. Dann zeigt sie ihre zahlreichen Facetten, die allesamt melodische Frauennamen tragen. Sie nennt sich Annabelle, Arielle, Gloria, Heidi, Lolita oder Violetta. Das Bundessortenamt listet allein 391 verschiedene Kartoffelsorten – die für den internationalen Markt relevant sind. Ihr Zuhause: die ganze Welt. Dabei hat sie ihr Jetset-Leben längst hinter sich gelassen, ist sesshaft geworden. Jede einzelne Sorte hat sich angepasst und individuell entwickelt. Und jede von ihnen hat ihren ganz eigenen Charakter – und ihre Ansprüche. Wie Damen eben so sind: Die eine sonnt sich gerne, die andere mag es schattig; die eine liebt Höhen, die andere macht es sich lieber im Flachland gemütlich; die eine mag es heiß, die andere kalt; die eine ist frühreif, die andere ein Spätzünder.

Und doch haben alle eines gemeinsam: ihre inneren Werte. Der Kartoffel wird zu Unrecht nachgesagt, ein Dickmacher zu sein, besteht sie doch zum großen Teil aus Wasser – nämlich zu 80 Prozent. Fett besitzt sie zu 0,1 Prozent, dafür jede Menge Stärke: Ihr wichtigstes Kohlenhydrat macht die Knolle zum „Sattmacher“. Unter allen pflanzlichen Lebensmitteln, hat sie den höchsten Anteil an verwertbarem Eiweiß. Aber auch mit den Vitaminen C, B1 und B6 geizt sie nicht, genauso wenig wie mit Kalium, Magnesium und Eisen.

 

 

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Abenteuerliche Geschichte

Von den zahlreichen Vorzügen der Kartoffel profitierten die Menschen in den Anden bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. Dort – in Südamerika – begann auch ihre Karriere: Hier wurde die erste Kartoffel mit bloßen Händen kultiviert, einpflanzt und ausgegraben. Der Boden war arm an Nährstoffen, die Temperatur schwankte. Doch die Kartoffel gedieh. So etwas sprach sich herum. Und als die Spanier kamen, um das Land zu erobern, schaffte sie es schließlich auch, in Europa Wurzeln zu schlagen. Ob es nun der Sklavenhändler John Hawkins, der Abenteurer Sir Walter Raleigh oder englische Seeheld Sir Francis Drake war, der sie als Erster über den Ozean schipperte, bleibt ein Geheimnis. Es gibt zahlreiche Mythen. Fakt ist, dass irgendwann zwischen 1712 und 1746 auch ein Deutscher auf den Geschmack kam: kein Geringerer als König Friedrich II. von Preußen, der „Alte Fritz“. Und im Gegensatz zu einigen anderen Feinschmeckern, die die exotische Pflanze probierten und sich dabei selbst vergifteten, weil sie die Knolle roh oder gar die Blüten aßen, wusste der König bestens Bescheid: „Dießelbige wenn sie gekocht werdenn, seindt sie gar anmuthig zu eßenn.“ Er erkannte ihr Talent und wollte sie in Deutschland groß rausbringen. So engagierte er sich intensiv für den Kartoffelanbau. Doch weil „Gut-Zureden“ als Marketingstrategie scheiterte, ordnete er den Anbau einfach an, was wiederum als „Kartoffelbefehle“ in die Geschichtsbücher einging.

Von der Sättigungsbeilage zum Trendprodukt

Zu Lebzeiten hätte König Friedrich II. wohl nicht vermutet, welch riesigen Erfolg seine Aktion einmal haben würde: Heute werden in Deutschland auf rund 240.000 Hektar Ackerfläche Kartoffeln angebaut. Und obwohl die Anbaufläche jährlich sinkt, steigen die Ernteerträge kontinuierlich an. Allein in den letzten 60 Jahren verdoppelte sich die Ausbeute pro Hektar nahezu. Dafür verantwortlich: die Fortschritte in der Pflanzenzucht. Rund 80 Prozent der Sorten sind inzwischen resistent gegen Krankheiten und Schädlinge. Dazu kommt der Einsatz innovativer Technologien bei Anbau und Ernte.

Wurde die Kartoffel früher als reine Sättigungsbeilage geschätzt, geht sie heute voll mit dem Trend. So wird sie nur noch zu etwa 16 Prozent als Frischprodukt verwendet. Und wenn sie es als pure Knolle auf den Markt schafft, tritt sie stets formschön, prall und glatt poliert auf. Fast doppelt so häufig wird sie weiterverarbeitet. Das Ergebnis zeigt sich prachtvoll im Supermarkt: Sie kommt dünn gehobelt und frittiert in Form von Chips, in Spalten geschnitten und tiefgefroren als Pommes frites daher – gestampft, rund geformt als Kloßmasse, mit Sauce gemischt als Gratin oder hochprozentig als Wodka daher. Die Kartoffel ist eben mehr als nur eine einfache Knolle. Die Kartoffel ist ein Evergreen – mit jeder Menge versteckter Talente.