Frau Prof. Dr. Rückert-John, was haben Sie heute bereits gegessen?

Rückert-John: Ich hatte nur Obst zum Frühstück und bin dann zur Arbeit gegangen.

 

Welche Bedeutung haben Essen und Ernährung für die Menschen heute in Deutschland?

Rückert-John: Es ist ganz klar: Du bist, was du isst. Über Essen kann man sich darstellen. Ich definiere mich durch das, was ich esse, wo ich esse und mit wem ich esse. Ich zeige so, zu welcher sozialen Gruppe ich gehöre. Über Essen ist somit ebenso eine Selbstbeschreibung möglich, wie über mein Haus, mein Auto oder mein Smartphone.

 

Ernährung ist also für viele ein Identitätsprojekt?

Rückert-John: Das kann man so sagen. Essen ist ein wichtiger Bereich bei der Persönlichkeitsfindung. Ich kann meine Identität durch Essen festigen, mich von anderen unterscheiden und abgrenzen. Natürlich kann ich meine Identität auch durch das bestimmen, was ich nicht esse.

 

Ist fleischloses Essen der derzeit wichtigste Ernährungstrend?

Rückert-John: Die vegetarische Ernährung ist besonders populär. Hierfür sprechen aktuelle Zahlen des Vegetarierbundes, wonach etwa neun Prozent aller Verbraucher Vegetarier sind. Hinzu kommen etwa ein Prozent Veganer. Was daraus ersichtlich wird: In der Gegenwart ist es nicht mehr unproblematisch, Fleisch zu essen. Gleichwohl gibt es eine Vielzahl von Ernährungstrends und es werden immer neue kreiert. Ein Beispiel sind die Flexitarier: Man isst zwar Fleisch, aber weniger und bewusster. Vor ein paar Jahren hätte man das Ganze vielleicht einfach als ausgewogene Ernährung bezeichnet.

 

Was die meisten aktuellen Ernährungstrends auszeichnet, sind Verbote: Anhänger von Low-Carb streichen Brot, Nudeln und Reis von ihrem Speiseplan. Wer sich paleo ernährt, für den sind Milch und Getreide tabu. Ist auf dem Höhepunkt des Überflusses Verzicht das neue Glaubensbekenntnis des Essens?

Rückert-John: Verzicht ist auf jeden Fall ein gemeinsamer Punkt dieser Ernährungsweisen. Weniger ist mehr. Gleichwohl muss man sagen, dass dieser Verzicht nicht negativ besetzt ist: Wenn ich mich beschränke, weniger konsumiere, gewinne ich dadurch Gestaltungsräume und Freiheiten. Heute stellt die überbordende Angebotsvielfalt eine große Herausforderung für jeden Einzelnen dar. Wenn ich mich in der Ernährung reduziere, ist das kein negativ besetzter Verzicht, es stellt vielmehr etwas Positives dar. Aber es macht natürlich auch deutlich, dass die ganze Ernährungsproduktion in einer Überflussgesellschaft mit gravierenden Problemen einhergeht.

 

Wir leben in einer Welt, die immer unsicherer wird, in der die Familie an Bedeutung einbüßt und der Arbeits- und Wohnort sich nur noch schwer beeinflussen lassen. Wird Ernährung zur Ersatzreligion?

Rückert-John: Es spricht einiges dafür. Ernährung gibt Orientierung und Halt. Die moderne Gesellschaft geht mit einer ständigen Komplexitätszunahme einher. Und die wiederum fördert Unsicherheit. Ernährungstrends und Diäten sind Antworten darauf und lassen sich als Komplexitätsreduktion begreifen. Der Mensch empfindet es als angenehm, sich durch Vorgaben eine gewisse Struktur im Leben zu geben. Ernährung kann außerdem Zusammenhalt in der Gruppe bieten. Man geht zum Beispiel ins vegane Café, trifft Gleichgesinnte, tauscht Ansichten, Ideen oder Tipps aus und fühlt sich so einer Gruppe zugehörig. Das ist ein ähnlicher Mechanismus wie in einer religiösen Gemeinde.

 

Ruerckert John

Viele Ernährungstrends zielen auf Selbstoptimierung ab. Was halten Sie davon, mit einem Trainingsarmband jede Kalorie zu erfassen?

Rückert-John: Schrecklich! Diese ganzen Self-Tracking-Geschichten beobachte ich mit Sorge. Einerseits ist es positiv, dass es in der Gesellschaft zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung kommt. Lange war das Thema in der Wissenschaft und auch in der Öffentlichkeit eher randständig, jetzt erfährt es eine deutliche Aufwertung. Allerdings treten Genuss und Lust am Essen durch die starke und permanente Reflexion darüber, was und wie wir essen und was wir überhaupt noch essen dürfen, in den Hintergrund.

 

Das Thema Ernährung und Ernährungstrends ist medienseitig omnipräsent. Spiegelt dies auch die wirkliche Bedeutung in der Gesellschaft wider?

Rückert-John: Es ist schon offensichtlich, dass es um das Thema Ernährung und Ernährungstrends derzeit einen echten Medienhype gibt. Das wird an der Berichterstattung deutlich und auch daran, dass es Kontroversen in den Medien und der Öffentlichkeit hervorruft: Ist es ein Trend? Wie ernst muss man diesen Trend nehmen? Die Präsenz des Themas in den Medien spiegelt eine klare Dissonanz wider. Auch wenn man die marktwirtschaftlichen Umsätze betrachtet.

 

Rueckert-John

Verändert sich durch die aktuellen Ernährungstrends auch unser gemeinsames Esserlebnis?

Rückert-John: In jedem Fall. Das Unbekümmerte, sich einfach zu treffen und loszulegen, Spaß zu haben, Freude und Genuss damit zu verbinden, etwas gemeinsam in geselliger Runde zu sich zu nehmen – das leidet darunter.

 

Laktoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit sind Krankheiten, die zu Ernährungstrends gemacht werden. Was bedeutet das für die Betroffenen?

Rückert-John: Ganz klar eine Entlastung für die Betroffenen, weil sie beispielsweise auf eine größere Auswahl an verfügbaren Produkten zurückgreifen können. Sie profitieren auch von einer gestiegenen Sensibilität in der Gesellschaft: So müssen sie sich beispielsweise bei einem Restaurantbesuch nicht offenbaren, müssen sich mit ihrer Krankheit nicht ständig outen, weil die Gastronomie sich mit dieser Thematik intensiv beschäftigt und auseinandergesetzt hat. Allerdings: Die vielen Nichtbetroffenen, die meinen, sie müssten sich auf diese Weise ernähren, reduzieren ihren ganzen Ernährungsplan, obwohl das für sie aus medizinisch-pathologischer Sicht gar nicht notwendig wäre. Für tatsächlich Betroffene kann es außerdem einen bitteren Beigeschmack haben, wenn ihre Krankheit, die ja oft auch umständlich ist und Beschwerden verursacht, als Trend gehandelt wird.

 

Schaut man sich die Top-Ten-Gerichte in deutschen Betriebskantinen an, scheinen Ernährungstrends nicht mehrheitsfähig: Da finden sich auf den vorderen Plätzen Schnitzel, Currywurst und Pasta Gerichte. Woran liegt das?

Rückert-John: Die Ernährungstrends in dieser Ausdifferenzierung sind dort durchaus Nischen. Das muss man klar so sehen. Nichtsdestotrotz haben gerade vegetarische Produkte und Gerichte Einzug in die Kantinen gehalten. Das zeigt, dass so ein Ernährungstrend ankommt. Nach einer aktuellen Studie unter Gastronomen sind die Küchenchefs der Meinung, dass sich vegetarische Ernährung mittel- bis längerfristig durchsetzen wird. Vegane Ernährung eher nicht.

John