Ein lautes Gackern schwillt an, als Michael Heitzmann die hohe Stalltür öffnet. Die Luft schwirrt. Erst beim genaueren Hinhören bemerkt man, dass es nicht ein einzelnes Geräusch ist, das den langgezogenen Raum erfüllt, sondern viele: das Gackern Tausender brauner Hühner. Heitzmann nennt das Geräusch „Singen“. Er erkenne daran, dass es seinen Tieren gut geht, erklärt er.

Die Hühner sitzen auf Stangen bis unter die Decke, flattern durch die Luft, scharren in trockener Streu, die den Boden bedeckt. Neugierig sammeln sie sich um Heitzmann, als er sich langsam an den großen Fenstern des Stalls vorbeibewegt, durch die an diesem Morgen hell die Sonne fällt. Der 29-Jährige trägt seine roten Haare kurz und stachlig, vorne auf seinem grauen Kapuzenpulli ist das Logo seines Familienbetriebs aufgedruckt. Es zeigt eine Henne, die gerade ein Ei gelegt hat. Darunter steht „Hühnerhof R. & M. Heitzmann“.

Vom Tabakanbau zu Huhn und Ei

Der Stall, ein niedriger Langbau mit Holzdach, der nur wenige hundert Meter vom Hof der Familie Heitzmann im baden-württembergischen Dorf Schutterzell entfernt liegt, ist neu. Erst 2017 haben sie ihn eingeweiht. Seitdem dreht sich bei ihnen alles um Henne und Ei.

Zuvor bewirtschaftete die Familie vor allem ihre rund 60 Hektar Ackerland, auf denen Michaels Vater, Reiner Heitzmann, wie viele andere Bauern im Ort jahrzehntelang Tabak anpflanzte. Hühner hätten sie damals nur zehn Stück gehabt, erzählt Michael heute, in einem Stall direkt auf dem Hof am Dorfrand. 2011 gaben sie den Tabakanbau auf, es lohnte sich nicht mehr. Doch der junge Mann wusste schon seit seiner Kindheit, dass er in der Landwirtschaft arbeiten wollte.

Deutschland hat einen hohen Bedarf an Eiern. In Baden-Württemberg, wie auch in ganz Deutschland, ist die Nachfrage nach regionalen Eiern größer als das Angebot. Und so kam Michael Heitzmann auf die Idee mit den Hühnern.

Der Code auf dem Ei zeigt, wo es herkommt

In einem Raum im vorderen Teil des Stalls der Familie Heitzmann fahren an diesem Frühlingsmorgen die letzten Eier des Tages über ein Förderband aus dem Stall nach draußen. Michael Heitzmann und sein Vater stehen am Ende des Bands, überprüfen die Qualität der Eier und legen sie vorsichtig in Paletten. Ein Drucker druckt die Kennziffern auf, die alle in Deutschland verkauften Eier haben müssen. Eine Ladung nach der anderen fährt unter den Druckköpfen durch, 1-DE-0817832 steht danach auf den hellbraunen Eiern. Der Zifferncode zeigt dem Verbraucher genau, woher die Eier stammen.

Manchmal, erzählt Michael Heitzmann, mache er sich einen Spaß und sehe im Supermarkt nach, ob die dort verkauften Eier von seinem Hof stammen. Das kann er leicht erkennen: Die hinteren Stellen des Codes belegen den Ort: DE steht, das erklärt sich von selbst, für Deutschland. 08 steht für Baden-Württemberg und die 17832 ist die individuelle Kennung des Hühnerhofs Heitzmann.

Auch wie die Hühner leben, zeigt der Code: Die erste Ziffer steht für die Haltungsart. 1 bedeutet Freilandhaltung, 2 Bodenhaltung und 3 steht für Käfighaltung. In Deutschland ist Letztere verboten, nur ausgestaltete Käfige in Kleingruppenhaltung sind bis 2025 noch erlaubt. Diese kam bei Michael Heitzmann nicht infrage. Fast alle seiner 14.000 Hühner leben in Freilandhaltung. Auch Bio könne er sich vorstellen, sagt er. Er passe sich da den Wünschen der Verbraucher an – und die bevorzugen im Moment Eier von Hühnern mit Freilauf.

Drei Alpakas als Bodyguards

Um den Stall erstreckt sich eine weitläufige, eingezäunte Fläche. Jedes Freiland-Huhn, das ist so Vorschrift, braucht mindestens vier Quadratmeter Auslauf, auf denen es sich frei bewegen kann. Damit die Tiere sich auch sicher fühlen, leben auf der Grünfläche um den Stall außerdem drei Alpakas – Gerda, Willi und Bruno. Die sind nicht Vorschrift, schrecken aber Raubtiere wie Füchse und Greifvögel ab. Zur Beschäftigung der Hühner gibt es im Stall außerdem einen Wintergarten mit Sandbädern zum Gefieder putzen und Picksteinen. Diese liefern nicht nur wertvolle Mineralien, sondern fördern auch die natürliche Abnutzung der scharfen Schnäbel, sodass sich die Hühner nicht gegenseitig verletzen.

2000 seiner Hühner leben in Bodenhaltung. Dabei handelt es sich um weiße Hennen, die ein bisschen scheuer sind als ihre braunen Stallnachbarinnen. Sie haben zwar keinen Freilauf, dafür aber einen geräumigen Wintergarten mit Sandbad, viel Tageslicht und Frischluft.

Smarte Stall-Steuerung für das Tierwohl

Seine zerbrechliche Ware verkauft Michael Heitzmann über die bäuerliche Erzeugergemeinschaft „Zapf-Hof“, die die Eier mehrerer Familienbetriebe in Supermärkten der Region und auf Wochenmärkten anbietet. Die Höfe des Netzwerks haben sich selbst strengeren Regeln verschrieben, als sie das dem Gesetz nach müssten. So wollen sie nur regional erzeugtes Futter an ihre Hennen verfüttern – natürlich ohne Gentechnik. Darüber hinaus ist es allen im Netzwerk besonders wichtig, möglichst nichts wegzuwerfen. Eier mit gebrochener Schale werden in Nudeln, Spätzle und zu Flüssigei für die Großgastronomie verarbeitet. Und der Mist der Hühner geht an die benachbarte Biogasanlage.

Inzwischen ist es Mittag. Michael Heitzmann sitzt am großen Tisch im Esszimmer des Bauernhauses. Es gibt Spaghetti Bolognese, auch seine Freundin, seine Schwester und die Freundin seines Bruders sind an diesem Tag zum Mittagessen da. Sie alle arbeiten im Familienbetrieb mit. „Hühnerhaltung heißt 365 Tage Arbeit im Jahr“, sagt der junge Landwirt. Er klingt dabei, wie immer, wenn er über seinen Hof spricht, begeistert, fast elektrisiert. Man merkt ihm an, dass er voll in seiner Arbeit aufgeht.

Mehrmals am Tag geht er in den Stall, um zu checken, wie es seinen Tieren geht. Er kontrolliert dann Federn, Temperatur, Einstreu und ob der automatische Fütterungsmechanismus funktioniert. Ist das Huhn gesund und vital, legt es bis zu 300 Eier im Jahr – es macht also mindestens einen Tag Pause pro Woche. Bei der Kontrolle hilft auch die smarte Steuerungsanlage des modernen Stalls. Sie zeichnet alle relevanten Daten in Echtzeit auf, was auch wichtig ist, denn: Jedes Problem muss sofort gelöst werden – schließlich seien 14.000 Tiere davon abhängig, erklärt Michael Heitzmann.

Wenn man ihn fragt, wie viel Zeit am Tag er bei den Hühnern verbringe, antwortet er, dass es wohl so fünf Stunden seien. Die drei Frauen am Tisch lachen und protestieren lautstark. Mindestens sieben Stunden sei er täglich im Stall, da sind sie sich einig. Michael Heitzmann grinst. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, sich gut um seine Tiere zu kümmern. Er habe schließlich eine Verantwortung für sie, sagt er. Aber das Wohlbefinden der Hennen lohne sich auch finanziell für ihn, fügt er hinzu: „Geht es meinen Hühnern gut, merk ich das auch am Geldbeutel. Dann geht es auch mir gut.“