Wenn Enrico Kretschmar von seiner Arbeit spricht, wird der drahtige, grauhaarige 57-Jährige ein wenig emotional. „Es geht beim Imkern um die Natur und die Umwelt“, sagt er. Der freiberufliche Versicherungsmakler und Hobbyimker betreut in seiner Erlebnis- und Wanderimkerei im Harzvorland in Sachsen-Anhalt 27 Bienenvölker.

Enrico Kretschmars Bienenstöcke stehen an verschiedensten Orten im Landkreis Harz. Auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei, in den Halberstadtwerken und auf dem Wernigeroder Campus der Hochschule Harz summt es. Mehrmals im Jahr erntet der Imker seinen naturbelassenen Honig, gesammelt von rund 1,3 Millionen Bienen. Im Frühjahr verkauft er Obstblüten- und Löwenzahnhonig, später Weißdorn-, Akazien- und Lindenhonig. Kurz vor dem Herbst schließlich erntet er seinen besten Honig, die Spätsommertracht.

 

Enrico Kretschmar ist Imker in dritter Generation

Mit Bienen habe er zu tun, seit er laufen könne, erzählt Enrico Kretschmar. 1946 begann seine Großmutter gemeinsam mit seiner Mutter zu imkern, mit einem Bienenschwarm, den sie selbst eingefangen hatten. Kurz nach dem Krieg war Honig eine inoffizielle Währung. Ein Tauschmittel für alles, was man brauchte in einer Zeit, in der es nicht viel gab.

Irgendwann waren aus dem eingefangenen Schwarm mehr als 50 Völker geworden. Mit Bienenkästen wanderten die Kretschmars übers Land, von einem blühenden Feld zum nächsten: Obstplantagen, Raps, „Bienenfreund“ (Phacelia), Rotklee. Imker lebten in der DDR nicht in erster Linie vom Verkauf des Honigs. Jedes Jahr im Herbst schlossen die damaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, kurz LPGs, sogenannte Bestäubungsverträge mit den Imkern. Zwischen 35 und 55 Mark bekam man damals pro Volk, erinnert sich Enrico Kretschmar.

Damit die Zusammenarbeit zwischen den Imkern und LPGs funktionierte, galten klare Regeln: So herrschte während der Blüte eine allgemeine Karenzzeit, während deren keine Pflanzenschutzmittel auf den Feldern ausgebracht werden durfte – zum Schutz der Bienen.

Miteinander reden ist wichtig

Seit 2013 führt Enrico Kretschmar die Imkerei im Harzvorland. Pläne wie damals zu DDR-Zeiten gibt es heute nicht mehr. Deshalb ist die individuelle Zusammenarbeit mit den Landwirten für Enrico Kretschmar besonders wichtig. Kurz nachdem er die Imkerei von seiner Mutter übernommen hatte, begann er, die Bauern in der Umgebung zu kontaktieren. Bei der Suche nach Standorten für seine Bienenvölker war er auf Brachflächen aufmerksam geworden, die es hier zuhauf gab – die wollte er bepflanzen und so für die Imkerei nutzen. Das Saatgut dafür, so bot er Landwirten an, würde er aus eigener Tasche bezahlen.

Auf seiner Suche traf Enrico Kretschmar irgendwann, per Zufall eigentlich, Klaus Münchhoff. Den 64-jährigen Besitzer von Gut Derenburg, das östlich von Wernigerode liegt, musste Kretschmar nicht lange überzeugen. Klaus Münchhoff erzählte dem Imker von den Blühflächen, die er auf seinem Land bereits angelegt hatte, und bot ihm an, dort seine Bienen unterzubringen. Vorbildlich nennt das Enrico Kretschmar heute: „Klaus Münchhoff hat die Zeichen der Zeit erkannt. Wir müssen endlich anfangen, der Natur etwas zurückzugeben.“

Gegenseitig Rücksicht nehmen

Inzwischen arbeiten der Imker und der Landwirt seit fast zwei Jahren zusammen. Vier große Bienenvölker stehen in Bienenkästen neben Klaus Münchhoffs Blühflächen, auf denen verschiedenste Pflanzen wachsen. Malven und Sonnenblumen gedeihen dort neben Phacelia und mehreren Kleesorten. „Eine schöne bunte Mischung“, nennt es Enrico Kretschmar. Diese sei gut für die Bienen, weil sie hier genug Pollen finden. Sie brauchen ihn dringend, um ihre Brut zu füttern und so über den Winter zu kommen. Der Landwirt und der Imker stehen in regem Kontakt: Wenn Klaus Münchhoff neue Blühflächen anlegt, informiert er Enrico Kretschmar, damit dieser seine Bienenstöcke dort aufstellen kann.

Doch nicht nur Enrico Kretschmars Bienen profitieren von der Zusammenarbeit mit dem Landwirt. Rund 80 Prozent aller Wild- und Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Diese wichtige Arbeit erledigen Honig- und Wildbienen gemeinsam. Schwebfliegen, Schmetterlinge und Käfer unterstützen sie dabei. Vor allem in landwirtschaftlichen Kulturen wie bestimmten Rapssorten oder zum Beispiel bei Äpfeln und Erdbeeren bringt die Bestäubung durch Bienen bessere Erträge und eine höhere Produktqualität. Deshalb nimmt der Landwirt bei seiner Arbeit große Rücksicht auf die Völker. Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln achtet er genau auf die Dosierung. Außerdem bringt er sie nur nachts auf seinen Feldern aus, außerhalb der Flugzeiten der Bienen. Dadurch werden diese nur wenig beeinträchtigt.

Für Enrico Kretschmar ist die Partnerschaft mit Klaus Münchhoff ein Glücksfall. Er hofft, mehr Landwirte darauf aufmerksam machen zu können. „Jedes Mal, wenn ich auf landwirtschaftlichen Veranstaltungen bin, erzähle ich davon“, sagt er. Seine Bemühungen scheinen Erfolg zu haben. In den vergangenen Jahren ist die Partnerschaft von Imkern und Landwirten mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Das Land Hessen hat eine eigene Kampagne mit dem Titel „Bienenfreundliches Hessen“ gestartet und auch der Konzern Bayer setzt sich mit seiner Kampagne „Bee Care“ für mehr Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Imkern ein.

Für Enrico Kretschmar geht es vor allem darum, einen Konsens zu finden. Nur so könnten alle davon profitieren: Imker, Landwirte – und die Bienen.