Herr Dr. Schubert, laut Statistik gehen etwa 60 Prozent der rund 48 Millionen Tonnen Getreide, die jährlich in Deutschland geerntet werden, in die Fütterung von Nutztieren. Das klingt recht hoch. Ist das nicht Verschwendung?
Gewiss nicht. Zunächst einmal ist nicht alles Getreide, das jährlich geerntet wird, für die Lebensmittelproduktion geeignet. Manche Getreidearten, wie etwa die Weizen-Roggen-Kreuzung „Triticale“, Mais oder auch ein Großteil der Gerste, werden aufgrund ihres Futterwertes in erster Linie als Tierfutter angebaut. Manches Getreide erreicht auch nicht die erforderliche Lebensmittelverarbeitungsqualität und wandert in den Futtertrog. Und dann brauchen natürlich auch die vielen Nutztiere, die ja wiederum uns ernähren, ebenfalls hochwertiges Futter. In Deutschland gibt es beispielsweise rund 27 Millionen Schweine – und die werden vor allem mit heimischem Getreide gefüttert.
 

Was sind denn überhaupt Nutztiere – von den erwähnten Schweinen einmal abgesehen? Gehören Pferde auch dazu?
Ja, Pferde gehören dazu. In der Statistik werden sie vermutlich aus historischen Gründen dazugezählt; früher wurden Pferde ja mehr als Arbeitstiere genutzt. Nutztiere sind sämtliche Tiere, die unserer Ernährung dienen – also Schwein, Rind, Geflügel –, oder wie im eben genannten Beispiel das Pferd im Sport- und Freizeibereich. Alle anderen, wie beispielsweise Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Zwergkaninchen, Hamster oder Kanarienvögel fallen unter die Kategorie „Heimtiere“.

 

Tierfutter
 

Fressen Kanarienvögel und Hamster nicht auch Getreide?
Doch, natürlich. Das sind dann Futtermischungen, wie sie beispielsweise in Tierhandlungen angeboten werden. Der Anteil des Heimtierfutters ist im Vergleich zu dem des Nutztierfutters mengenmäßig allerdings gering, er fällt statistisch nicht ins Gewicht.
 

Die Statistik besagt auch, dass aktuell in Deutschland von den 29 Millionen Tonnen Getreide, die jährlich in die Tierfütterung gehen, rund 17 Millionen Tonnen auf den landwirtschaftlichen Betrieben direkt in die Getreidevermahlung gehen. Weitere 12 Millionen gehen in die Mischfutterindustrie. Wie lässt sich das interpretieren?
Vielleicht lässt es sich mit dem Backen eines Kuchens vergleichen: Verfügt der Bauer über genug Getreide und vermahlt er es selbst zu Tierfutter, nutzt er seine eigenen Zutaten und „backt den Kuchen“ mit seiner hofeigenen Mischung. Wenn er nicht genug Getreide selbst anbaut, um seine Tiere ernähren zu können, oder aber sein selbst erzeugtes Getreide aus der Ernte verkauft, kauft er industriell produziertes Mischfutter hinzu. Das ist dann so, als würde man beim Bäcker einen fertigen Kuchen kaufen. Vor allem größere Betriebe mit relativ viel Nutzvieh, aber wenig Getreideflächen kaufen in der Regel Mischfutter ein.
 

Knapp zehn Millionen Tonnen Getreide gehen jährlich in den Lebensmittelsektor. Wird davon auch etwas zu Tierfutter verarbeitet? 
Ja, vor allem in Form von sogenannten Mühlennachprodukten, wie beispielsweise Kleien aus den Mehlmühlen, die Backmehle herstellen. Ein Teil des nicht verkauften Brotes, zerbrochene Kekse oder Beschnitt, wie er etwa in der Waffelherstellung anfällt, wird zu Brot- und Keksmehl verarbeitet. Dieses geht dann in der Tat in die Tierfütterung. In gewisser Weise bleibt es so im Nahrungsmittelkreislauf.
 

Das wichtigste deutsche Getreide ist der Weizen. Er macht rund 50 Prozent des gesamten Ernteaufkommens aus. Woran liegt das?
Deutschland ist ein Weizenland. Die Anbaubedingungen für den sogenannten „Weichweizen“ sind hier einfach besonders gut. Dieses Getreide ist relativ anspruchsvoll. Und wir haben hierzulande in Bezug auf Wasserversorgung, Bodenqualität, Klima und Sonneneinstrahlung einfach Top-Voraussetzungen für den Weizenanbau. Das Gleiche gilt aber für andere Getreidearten wie Roggen, Gerste und Hafer. Für den ursprünglich tropischen Körnermais sind die Bedingungen hier nicht überall gut. Daher geht ein Großteil des angebauten Maises in Deutschland noch unausgereift als ganze Pflanze in die sogenannte Silage – und dient dann ebenfalls als Tierfutter. 
 

Wie unterscheiden sich die verschiedenen Getreidearten in ihren Eigenschaften?
Getreide ist grundsätzlich ein guter Energielieferant. Für Weizen gilt zudem: Er ist sehr eiweißreich und hat gute Backeigenschaften. Er besitzt einen großen Mehlkörper und enthält relativ wenig Ballaststoffe. Weizen ist somit in der Lebensmittel- wie in der Futtermittelindustrie gleichermaßen beliebt. Zu den deutschen Hauptgetreidearten gehören außerdem die Gerste, von der jährlich in Deutschland rund zehn Millionen Tonnen geerntet werden, und der Körnermais mit einem Anteil von rund fünf Millionen Tonnen. Roggen mit vier Millionen Tonnen, Hafer mit 0,7 Millionen Tonnen oder Triticale mit einem Gesamtanteil von 2,5 Millionen Tonnen, fallen in Bezug auf den Ernteanteil etwas weniger ins Gewicht. Weizen, Gerste, Mais und Triticale haben grundsätzlich die besten Fütterungseigenschaften. Gerste und Hafer haben aufgrund ihrer Spelzen einen hohen Rohfaser- und Ballaststoffanteil und sind sehr sättigend. Deswegen werden beispielsweise trächtige Tiere gern mit hohen Anteilen dieser beiden Arten gefüttert.

 

Getreidearten
 

Und was ist mit Raps?
In diesem Jahr werden in Deutschland voraussichtlich fünf Millionen Tonnen Körnerraps geerntet. Daraus wird vor allem Rapsöl als Lebensmittel gewonnen. Ein Nebenprodukt der Ölgewinnung ist das Rapsschrot. Dieses ist als Eiweißlieferant in der Futtermittelindustrie sehr beliebt.
 

Herr Schubert, jetzt haben wir viel über Getreide gesprochen. Welche Arten essen Sie denn am liebsten?
Ich liebe Haferflocken und esse sie regelmäßig pur oder im Müsli. Sie sind lecker, nahrhaft und – wie eben erwähnt – auch sehr sättigend.