Herr Prof. Hensel, Pestizidrückstände gehören für die Deutschen zu den größten Lebensmittelrisiken. Wie sicher sind Lebensmittel, die heute in Deutschland auf den Tisch kommen?

Wir wissen aus Umfragen zur Risikowahrnehmung, dass Verbraucher in Deutschland Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln als relativ großes gesundheitliches Risiko ansehen. Die Psychologie belegt, dass sich Menschen eher vor Dingen fürchten, die sie nicht kontrollieren können. Das gilt auch für öffentlich diskutierte Sachverhalte, die aus wissenschaftlicher Sicht ein geringes Risiko darstellen. Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Pflanzenschutzmittel sind bei Einhaltung der zulässigen Rückstandshöchstgehalte nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand unwahrscheinlich. Dem BfR liegen keine Meldungen vor, dass es durch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Lebensmitteln zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen gekommen wäre. Dagegen erleiden schätzungsweise eine Million Deutsche pro Jahr mindestens eine Lebensmittelvergiftung, entweder durch Viren, Bakterien, Parasiten oder bakterielle Gifte. Verantwortlich sind häufig bekannte Produkte: rohes Fleisch, vor allem Geflügel, Rohmilchprodukte sowie rohe Eier. Davor fürchten sich Verbraucher eher nicht, denn die meisten Menschen haben die Zubereitung in ihrer Hand. Wer auf Nummer sicher gehen will, achtet auf die richtige Küchenhygiene und erhitzt die Produkte ausreichend.

 

Wie sicher sind Lebensmittel, die aus dem Ausland importiert werden?

Grundsätzlich gilt, dass die Hersteller für die Sicherheit ihrer Waren verantwortlich sind. Importierte Lebensmittel müssen die in der EU und der Bundesrepublik Deutschland geltenden Gesetze und Grenzwerte einhalten. Die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder überprüfen dies. Halten die Lebensmittel nicht festgelegte Standards ein, sind sie nicht verkehrsfähig.

 

Können auch bei vorschriftsmäßiger Anwendung von Pflanzenschutzmitteln Rückstände in Lebensmitteln auftreten?

Viele Menschen gehen davon aus, dass in Lebensmitteln keine Rückstände von Pflanzenschutzmitteln enthalten sein dürfen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung, der deutschen Bevölkerung zur Thematik „Pflanzenschutzmittel-Rückstände in Lebensmitteln“, die im Auftrag des BfR durchgeführt wurde. Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln sind aber bis zum jeweils gesetzlich festgesetzten Rückstandshöchstgehalt erlaubt. Die Grenzwerte für Rückstandshöchstgehalte werden in einem gesonderten Verfahren auf EU-Ebene festgelegt. Im Rahmen der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln wird dann geprüft, ob die festgelegten Rückstandshöchstgehalte für die beantragten Anwendungen eingehalten werden.

 

Obst, Gemüse, Getreide: Welche Lebensmittel sind besonders häufig betroffen?

Zu den Lebensmitteln, bei denen häufiger mehrere Rückstände nachgewiesen werden, zählen u. a. Paprika, Weintrauben, Beerenobst und Salate. Wie viele Pflanzenschutzmittel in einer Kultur zum Einsatz kommen und letztlich zum Auftreten mehrerer Rückstände im Lebensmittel führen können, hängt davon ab, welche Schaderreger während der Vegetationsperiode auftreten. Bei feuchter Witterung treten z. B. vermehrt Pilzkrankheiten auf, die mit Fungiziden bekämpft werden. Damit die Schaderreger nicht resistent gegen ein bestimmtes Mittel werden, wird mit unterschiedlichen Fungiziden gearbeitet. Das kann dann zu verschiedenen Rückständen führen.

 

Die Spargelsaison hat gerade begonnen. Wie hoch sind hier die Belastungen?

Was für alle anderen Lebensmittel gilt, gilt auch für Spargel. Wenn die Rückstandhöchstgehalte eingehalten werden, besteht für Verbraucher kein gesundheitliches Risiko. Verbraucher können Spargel bedenkenlos genießen.

 

In Kürze geht die Erdbeer-Saison wieder los. Können wir unbedenklich zugreifen und direkt vom Feld naschen?

Äpfel, Karotten, Kartoffeln, also Lebensmittel, die sehr häufig gegessen werden, oder saisonales Obst wie Erdbeeren oder Heidelbeeren halten seit Jahren die Rückstandshöchstgehalte ein, das heißt, es kommt nur sehr selten zu Beanstandungen. Unsere Risikobewertung für frisches Obst und Gemüse beruht auf der Annahme, dass die Lebensmittel ungewaschen und – falls die Schale essbar ist – auch mit Schale gegessen werden. Nur wenn der Rückstand auch auf ungewaschenem Obst und Gemüse gesundheitlich unbedenklich ist, wird das Pflanzenschutzmittel zugelassen und darf dann auch angewendet werden. Aus Gründen der Lebensmittelhygiene ist allerdings zu empfehlen, Erdbeeren vor dem Verzehr zu waschen

 

Wie oft kommt es denn vor, dass Lebensmittel beanstandet werden und wie erfährt der Verbraucher davon?

Die Belastung von Lebensmitteln mit Pflanzenschutzmittelrückständen nimmt immer weiter ab. Dies zeigen die Untersuchungen der Bundesländer. Demnach sind in Deutschland und in der EU erzeugte Lebensmittel sehr selten mit zu hohen Rückständen an Pflanzenschutzmitteln belastet. Nur bei 1,1 Prozent der untersuchten Erzeugnisse wurden im Jahr 2015 Überschreitungen der Rückstandshöchstgehalte festgestellt. Die Untersuchungsergebnisse der Bundesländer, die das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in der „Nationalen Berichterstattung Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln 2015“ veröffentlicht hat, bestätigen das seit Jahren niedrige Niveau.

 

Was passiert eigentlich, wenn ein Rückstandshöchstgehalt überschritten wird?

Die Überschreitung eines Rückstandshöchstgehalts stellt einen Verstoß gegen geltendes Recht dar. Die entsprechende Ware ist per se nicht verkehrsfähig. Dies muss aber nicht bedeuten, dass der nachgewiesene Rückstand auch ein gesundheitliches Risiko für Verbraucher darstellt, denn Rückstandshöchstgehalte sind keine toxikologisch begründeten Grenzwerte. In aller Regel werden erst bei sehr viel höheren Konzentrationen die toxikologischen Grenzwerte erreicht. Ein Grenzwert, oder präziser der Rückstandshöchstgehalt, ist somit nicht die Unterscheidungsgrenze zwischen „giftig“ und „nicht giftig“, sondern ein Handelsstandard.

 

Bedeuten Rückstände zwingend eine Gesundheitsgefährdung für Verbraucher?

Nein, denn die Rückstandshöchstgehalte dienen als verbindliche Handelsstandards zur Gewährleistung des freien Warenverkehrs. Sie sind keine toxikologisch begründeten Grenzwerte. Höchstgehalte werden nie höher festgesetzt als es nach guter landwirtschaftlicher Praxis erforderlich ist. Damit wird dem Minimierungsgebot für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln Rechnung getragen. Für die gesundheitliche Bewertung von Rückstandshöchstgehalten werden toxikologische Werte abgeleitet. Dies ist der ADI-Wert. ADI steht für „Acceptable Daily Intake“, also die duldbare tägliche Aufnahmemenge. Der ADI gibt die Menge eines Stoffes an, die ein Verbraucher täglich und ein Leben lang ohne erkennbares Gesundheitsrisiko aufnehmen kann. Der ADI-Wert wird zur Bewertung des chronischen Risikos verwendet. Dann gibt es noch den ARfD-Wert. Dieser steht für die „Akute Referenzdosis“. Dies ist die Substanzmenge, die ein Verbraucher im Verlauf eines Tages bei einer Mahlzeit oder bei mehreren Mahlzeiten ohne erkennbares Gesundheitsrisiko mit der Nahrung aufnehmen kann. Erst wenn die festgestellte Überschreitung des Rückstandshöchstgehalts den ARfDWert überschreitet, besteht für den Verbraucher ein Gesundheitsrisiko. Um das aufzuklären, wird bei einer festgestellten Überschreitung der Rückstandshöchstgehalte geprüft, ob der ARfD- oder der ADI-Wert überschritten sind. Unabhängig davon ist das Lebensmittel sowieso grundsätzlich nicht verkehrsfähig und darf nicht in den Handel gelangen.

 

Wie lassen sich mögliche Rückstände von Pflanzenschutzmitteln am besten entfernen?

Werden die gesetzlich festgelegten Rückstandshöchstgehalte auf Obst und Gemüse eingehalten, dann sind die Produkte – auch ohne Waschen und Schälen – gesundheitlich unbedenklich, sonst dürften sie nicht verkauft werden. Wer dennoch den Rückstandsgehalt verringern möchte, kann dies teilweise durch Waschen und Schälen erreichen. Dies gilt übrigens auch für ökologisch produzierte Lebensmittel, denn auch hier werden Pflanzenschutzmittel eingesetzt. In den meisten Fällen wird dadurch der Rückstandsgehalt von Pflanzenschutzmitteln verringert, aber nicht immer. Das hängt von den Eigenschaften der Wirkstoffe ab, z. B. von deren Wasserlöslichkeit, von ihrer Stabilität und auch davon, wie intensiv und schnell sie sich innerhalb der Pflanze und im Lebensmittel verteilen.

Ich rate Verbrauchern aber vor allem aus hygienischen Gründen dazu, Obst und Gemüse vor dem Verzehr zu waschen, um sich vor Lebensmittelinfektionen zu schützen. Rohe pflanzliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse, frische Kräuter, Sprossen und Blattsalate können mit Krankheitserregern verunreinigt sein. Deshalb sollten diese Lebensmittel bei der Zubereitung oder vor dem Verzehr sorgfältig gewaschen werden, am besten unter fließendem Wasser. Wer sich vor Erkrankungen schützen will, sollte außerdem rohe Sprossen und tiefgekühlte Beeren vor dem Verzehr intensiv und vollständig erhitzten.