Herr Dr. Holtschulte, warum müssen Pflanzen geschützt werden – bekommen sie das nicht allein hin?

Doch. Es gibt ja viele Pflanzen, die von Natur aus Resistenzen gegen Krankheitserreger aufweisen. Allerdings gelingt es vielen Erregern wie Pilzen, Bakterien, Viren oder Insekten dank ihrer hohen Anpassungsfähigkeit und ihres großen Vermehrungspotenzials, den Schutz der Pflanzen zu überwinden. Einige von ihnen können dem Menschen gefährlich werden, zum Beispiel der Mutterkornpilz. Er kann Roggen, Weizen, Gerste, Hafer oder Dinkel befallen. Durchblutungsstörungen, Darmkrämpfe oder Halluzinationen können die Folge sein.

 

Wie kann Ihre Arbeit an dieser Stelle helfen?

Die Züchtung auf hohe Widerstandsfähigkeit – wir sprechen von Resistenzzüchtung – verfolgt das Ziel, Pflanzen im praktischen Anbau vor Schaderregern zu schützen. Eine besonders wichtige Rolle kommt der Resistenzzüchtung zu, wenn es gegen einen Erreger keine anderen Schutzmaßnahmen mehr gibt. Das ist bei einigen Viruserkrankungen oder Pilzen der Fall. Pflanzenschutz funktioniert also nicht allein über chemische Substanzen, sondern auch über die Züchtung.

Inwiefern spielt der Klimawandel bei der Züchtung eine Rolle?

Der Klimawandel spielt bei der Planung unserer Arbeit eine große Rolle. Die zu erwartenden milden und feuchten Winter und warme, trockene Sommer mögen für uns Menschen angenehm klingen. Für Pflanzen bedeutet es, dass verstärkt Schaderreger aus dem Süden auftreten und sich ausbreiten werden. Darauf muss die Pflanzenzüchtung schon heute reagieren, denn das Züchten neuer Sorten kann, je nach Fruchtart, zehn bis zwölf Jahre dauern.

 

Warum dauert das so lange?

Die Resistenzzüchtung bringt Eigenschaften in Kulturpflanzen ein, die in der Natur zum Beispiel in den Wildformen der Pflanzen vorhanden sind. Das geschieht häufig durch Kreuzung. Mit den so gewonnenen neuen Eigenschaften sind die Pflanzen in der Lage, Pilze, Bakterien oder Viren abzuwehren. In der Natur gibt es viele Mechanismen für Widerstandsfähigkeit. Einige sind bereits vorhanden, andere entwickeln die Pflanzen zum Beispiel nach einer Infektion, um sich zukünftig besser zu schützen.

 

Warum ist die Resistenzzüchtung heute weltweit so wichtig?

Die Weltbevölkerung wird bis zum Jahr 2050 auf voraussichtlich 9,7 Milliarden Menschen anwachsen. Die Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist hingegen begrenzt. Das bedeutet: Auf tendenziell schrumpfender Nutzfläche muss der Ertrag wachsen. Schon heute trägt die Pflanzenzüchtung dazu bei, Verluste durch Krankheiten und Schädlinge zu verringern und die Ernteerträge um etwa 1,5 Prozent im Jahr zu steigern.

Und das ganz ohne Chemie?

Richtig. Resistenzzüchtung wird künftig sogar noch wichtiger werden. Denn der Gesetzgeber möchte, dass Landwirte den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel weiter reduzieren. Damit leistet die Resistenzzüchtung auch einen wichtigen Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit. Die Rechnung ist einfach: Pflanzen mit mehr Widerstandskraft benötigen weniger chemischen Pflanzenschutz.

 

Gibt es Produkte oder Nutzpflanzen, die von der Resistenzzüchtung besonders profitieren?

Die Zuckerrübe ist ein gutes Beispiel. Es gibt Pflanzenkrankheiten wie die sogenannte Rizomania, die weder mit chemischen, biologischen noch ackerbaulichen Maßnahmen zu kontrollieren sind. Bei der Rizomania-Krankheit ist es ein im Boden lebender Pilz, der ein krankheitsauslösendes Virus in die Pflanzenwurzel überträgt. Dort kann es sich vermehren und Schäden verursachen, die den Ertrag erheblich mindern. Die Züchtung Rizomania-resistenter Sorten ist in vielen Ländern der einzige Weg, den Anbau von Zuckerrüben zu ermöglichen. Resistenzzüchtung spielt darüber hinaus aber bei fast allen Nutzpflanzen eine wichtige Rolle.

 

Warum werden dann überhaupt noch chemische Wirkstoffe eingesetzt?

Die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung über hohe Flächenerträge kann derzeit nur über eine möglichst gute Kombination aus Pflanzenzüchtung und abgestimmten Pflanzenschutz erzielt werden. Pflanzen müssen in der frühen Phase ihrer Entwicklung über eine Saatgutbehandlung geschützt werden, weil die natürliche Widerstandsfähigkeit dann noch nicht ausreicht. Oder weil die Resistenzeigenschaften sich erst in einer späteren Phase der Pflanzenentwicklung ausprägen.

 

Sie verändern mit Ihrer Arbeit die DNA einer Pflanze, indem Sie andere Pflanzen einkreuzen. Ist das für den Menschen in irgendeiner Weise ungesund oder gar gefährlich?

Die Pflanzenzüchtung hat eine lange Tradition und Erfahrung. Anfangs haben Pflanzenzüchter mit Kreuzung und Selektion, später mit verschiedenen, immer wieder neuen Verfahren Pflanzen gezüchtet und an die Bedürfnisse der Landwirte und der Konsumenten, aber auch an äußere Bedingungen angepasst. Aus dieser langen Erfahrung, aus sorgfältiger Beobachtung wie auch durch neue wissenschaftliche Untersuchungen weiß man: Ein besonderes Risiko, das sich allein aus der Anwendung eines bestimmten Züchtungsverfahrens ableitet, gibt es nicht.