Wenn Annegret Wagner in ihrem selbst umgebauten Bulli durch die Bayerischen Voralpen von Bauernhof zu Bauernhof fährt, hat die Tierärztin neben Medikamenten und Untersuchungsgeräten meistens auch noch ihr Mountainbike mit an Bord. Denn manchmal bleibt zwischen Euterentzündung und Kälber impfen noch ein wenig Zeit für eine Spritztour durch die herrliche Landschaft.

Das ist nur einer von vielen Vorteilen ihrer Wahlheimat – auch wenn die gebürtige Hessin eigentlich nie nach Bayern wollte. Ursprünglich, so war zumindest ihr Plan vor 25 Jahren, wollte die Reiterin und Bauerntochter nach ihrem Studium auf Pferde spezialisierte Tierärztin in Norddeutschland werden. Weil Stellen dort aber nur schwer zu kriegen und zudem auch noch schlecht bezahlt waren, entschied sich Annegret Wagner, dorthin zu gehen, wo die Uhren noch ein wenig anders ticken: Nach Samerberg im Landkreis Rosenheim.

Große Städte wie München und Salzburg sind von der kleinen Gemeinde zwar nur 60 Kilometer und die nächste Autobahnauffahrt gerade einmal drei Kilometer entfernt – doch Wagners Wohnort ist trotz dieser Nähe zur Großstadt so einsam und idyllisch wie die Bilder auf einer Biomilch-Packung. „Insel der Glückseligen“ nennt die Tierärztin ihren Wohnort gern, wenn sie derzeit aus ihrem Küchenfenster blickt. Dann sieht sie: nichts. Außer Schnee. 

Mit dem selbst umgebauten Bulli geht es von Hof zu Hof.

Mit dem selbst umgebauten Bulli geht es von Hof zu Hof. © QS Qualität und Sicherheit GmbH


Große Wertschätzung für Tiere

Nicht nur Annegret Wagner verdient in Samerberg mehr als in anderen Gegenden Deutschlands; auch ihrem Hauptkundenstamm, den Milchbauern, bleibt hier mehr zum Leben. Diese Tatsache wiederum wirkt sich spürbar auf Wagners Arbeit aus: „Ich habe das Gefühl, dass die Tiere hier wertgeschätzt werden. Deshalb werde ich auch öfter gerufen, wenn ein Tier krank ist“, so die 50-Jährige. Was für den Laien selbstverständlich klingt, ist im Alltag eines Milchbauern eine Frage der Wirtschaftlichkeit: In Zeiten von niedrigen Milchpreisen, in denen viele Landwirte inzwischen zum Teil unter 20 Cent pro Liter erhalten, sind schwarzbunte Bullenkälber – rein finanziell betrachtet – nicht viel wert. Weil sie sich nicht zur Mast eignen, bringen sie beim Verkauf einen Erlös von lediglich 30 bis 50 Euro ein. 


Fast immer im Dienst

In der Region um Samerberg ist das anders: Hier wird vielfach Fleckvieh gehalten – eine Zweinutzungsrasse, mit der Milch- und Fleischgewinnung gleichermaßen möglich sind. Ein Fleckvieh-Kalb ist etwa zehnmal so viel wert wie ein schwarzbuntes Bullenkalb, der Verkaufspreis liegt je nach Alter bei rund 500 Euro. Außerdem halten die Landwirte, die Annegret Wagner betreut, selten mehr als hundert Tiere. „Ich beobachte oft, dass sich die Landwirte sehr gut um ihre Tiere kümmern und sich auch um ihr Wohl bemühen“, so die Tierärztin. Für Annegret Wagner bedeutet das allerdings, dass auch mal mitten in der Nacht das Telefon klingelt, wenn es irgendwo in der Region einen vierbeinigen Notfallpatienten gibt. Denn während Kleintierpraxen nach Feierabend guten Gewissens den Anrufbeantworter einschalten können, der außerhalb der Sprechzeiten auf die nächste Klinik verweist, ist Annegret Wagner in Samerberg rund um die Uhr im Dienst. „Eine Kuh kann nicht einfach so auf einen Hänger verfrachtet werden. Daher muss ich immer selbst zu dem jeweiligen Betrieb rausfahren, wenn etwas passiert“, sagt die Frau, der die Milchkühe vertrauen.

 

Voralpenromantik und moderne Kommunikation – für die Tierärztin kein Widerspruch.

Voralpenromantik und moderne Kommunikation – für die Tierärztin kein Widerspruch. © QS Qualität und Sicherheit GmbH

Vier Stunden Mittagspause

Die Arbeitszeiten von Tierärzten sind schlecht planbar, das Privatleben steht in dringenden Fällen hintenan. Das ist auch einer der Gründe, warum die Arbeit in der Großtierpraxis bei vielen Kollegen unbeliebt ist. „Unser Tierarzt-Nachwuchs hat dazu häufig keine Lust mehr. Das ist nicht vereinbar mit einer guten Work-Life-Balance“, stellt Annegret Wagner fest. Trotzdem würde sie auf keinen Fall tauschen wollen. „Ich mache meinen Beruf mit Leidenschaft – jedes gesunde Tier trägt zu meiner persönlichen Zufriedenheit bei“, sagt die Tierärztin und ergänzt lachend: „Außerdem habe ich Mittagspause von 12 bis 16 Uhr!“ Das hat seinen guten Grund, denn Landwirte sind vor allem morgens und abends zum Melken im Stall und bemerken dann direkt, wenn eine Kuh krank ist. Tagsüber ist es hingegen – wie auch sonst hier im Dorf – eher ruhig. Eine willkommene Verschnaufpause für Annegret Wagner, die ihre Freizeit in den Bergen am liebsten sportlich ausfüllt. Neben dem Mountainbike- und Kanufahren bleibt ihr sogar noch Zeit für eine ganz andere Beschäftigung: das Bloggen. 
 

Bullig-süße Patienten warten auf die umtriebige Tierärztin Annegret Wagner

Bullig-süße Patienten warten auf die umtriebige Tierärztin Annegret Wagner. © QS Qualität und Sicherheit GmbH

 

Nach der Arbeit wird gebloggt

Denn auch wenn Annegret Wagners idyllischer Dorf-Alltag als tierisch gute „Bergdoktorin“ manchmal an Szenen auf Postkarten aus früheren Tagen erinnert, ist sie doch immer up to date: „Ich finde es wichtig, auch nach 25 Berufsjahren noch über den Tellerrand zu schauen und mich weiterzubilden“, so die Hobby-Bloggerin.

Seit drei Jahren betreut sie zusammen mit zwei Kollegen das Blog www.wir-sind-tierarzt.de und verfasst Beiträge, auf die sie im Internet und in der Berufspraxis aufmerksam wird. 2015 erhielt das engagierte Trio dafür sogar den Medienpreis der Bundestierärztekammer. „Auch wenn ich es nicht gelernt habe – mir macht das Schreiben richtig viel Spaß!“, freut sich die Tierärztin über ihren kreativen Ausgleich zur Arbeit im Kuhstall: „Ich fühle mich ein bisschen wie der britische Tierarzt und Autor James Herriot.“ 

Tierarzt und Landwirt – soll die Herde gesund bleiben, sind Beratung und Erfahrungsaustausch unerlässlich.

Tierarzt und Landwirt – soll die Herde gesund bleiben, sind Beratung und Erfahrungsaustausch unerlässlich. © QS Qualität und Sicherheit GmbH

Aktuell hat die vielseitige Frau, die selten Fleisch, aber sehr häufig Gummibärchen isst, noch einen weiteren Zeitvertreib. Dieser hat weder mit Tieren noch mit dem Bloggen zu tun: „Wir gehen mit Freunden oft Schlittenfahren“, sagt die Sportbegeisterte. Denn – auch das weiß die Tierärztin nach 15 Jahren Tätigkeit in einer Region, in die sie nie wollte, sich heute aber sehr zu Hause fühlt: „So macht man das hier eben.“


Neben ihrer Tätigkeit als Tierärztin schreibt Frau Wagner

Neben ihrer Tätigkeit als Tierärztin schreibt Frau Wagner für www.wir-sind-tierarzt.de. © QS Qualität und Sicherheit GmbH