Es ist ein strahlender Sommertag, einer jener wirklich heißen letzten Augusttage, in denen schon der Herbst mitschwingt, als wir auf dem Parkplatz vor dem Haus von Marianne und Klaus Albersmeier halten. Die gelbe Fassade ihres großen Wohnhauses leuchtet freundlich, eine kleine steinerne Treppe, die von fetten Putten bewacht wird, führt hinauf zum Eingang. Überall blüht etwas, grünt etwas, rankt etwas empor. Das alles erinnert sehr an ein englisches Herrenhaus – mit dem Wort „Schweinemast“ würde man es nie in Verbindung bringen.

Wir befinden uns im nordrhein-westfälischen Hüttinghausen, auf dem Hof, der der Familie von Klaus Albersmeier schon seit Generationen gehört und auf dem seit 1986 Schweinemast betrieben wird. Seitdem sich Marianne und Klaus ineinander verliebt haben, leben sie hier gemeinsam, und das, was sie hier geschaffen haben, verdient erzählt zu werden. Denn ihre Liebesgeschichte ist alles andere als gewöhnlich – unter anderem hat sie dazu geführt, dass sie Schweinemast komplett neu denken.
 

Leben, wohnen, arbeiten

Klaus Albersmeier ist ein großer, ruhiger Mann, der leise spricht. Er kommt uns im kühlen Halbdunkel des Eingangsflurs entgegen und lotst uns in ein Zimmer, das auf gemütliche Weise verkramt ist – aus den Schubladen  und vom Schreibtisch quellen Dokumente und Akten, der runde Tisch aus dunklem Holz ist mit einer Thermoskanne Kaffee gedeckt und mit weißen Tassen, auf denen „Café au lait“ steht. In diesem Wohn- und Arbeitszimmer spürt man, dass Arbeit und Leben bei den beiden auf organische Weise miteinander verbunden sind. Überall stehen kleine Figuren: Schweine, klar, aber auch jede Menge Hühner, ein Schaf und – ungewöhnlich – Alpakas. Was es mit denen auf sich hat, wird uns Marianne Albersmeier später noch erklären, vorerst nimmt sie   neben ihrem Mann am Tisch Platz. 

Die beiden sind gerade dabei, das Leben ihrer 3500 Mastschweine durch landwirtschaftliche Innovation zu verbessern – und dieses Projekt ist untrennbar mit ihrer Liebesgeschichte verbunden. Denn als Klaus Marianne kennenlernte, betrieb er konventionelle Schweinemast. Die Tiere standen im Stall auf Spalten, bekamen Futtermittel aus konventionellem Anbau, hatten keinen Auslauf. Sie, die sich immer schon für grüne Themen engagiert hat, gab den Anstoß, etwas zu verändern. Man merkt den beiden aber an, dass sie das hier zusammen stemmen – die Formel „konservativer Mann trifft grüne Frau und krempelt alles um“ geht so nicht auf. Obwohl: Er ist CDU-Wähler, sie hat „schon vor 25 Jahren am Kernkraftwerk Uentrop demonstriert“ – sie sagt das energisch, man kann sich gut vorstellen, wie sie dasteht und ein Transparent gegen Atomenergie hält. 
 

„Wenn man sich zusammentut, kommt etwas Gutes dabei raus“

Marianne und Klaus Albersmeier lernten sich 2009 kennen. Sie arbeitete als freie Journalistin für den „Soester Anzeiger“, er war Oberst des Brockhausener Schützenvereins. Sie interviewte ihn und löcherte ihn mit Fragen, richtig genervt sei er gewesen – sie erzählt es und lacht, wie alle glücklich in einer Beziehung Gelandeten lachen, wenn sie von den kleinen Turbulenzen der Anfangszeit erzählen.

Schnell war klar: Sie wollte mehr von ihm wissen. Also schlug sie ihm vor, sie könne ihm eine E-Mail mit ihren weiteren Fragen schicken. Da antwortete er, er habe es nicht so mit E-Mails, das hätte seine Frau immer gemacht, jetzt aber nicht mehr. Wie das Schicksal es wollte, hatte Marianne Albersmeier sich am gleichen Tag als PC-Beraterin selbstständig gemacht und schlug ihm vor, ihm die Grundlagen beizubringen. Sie verliebten sich und zogen zusammen nach Hüttinghausen, 2013 heirateten sie. Marianne Albersmeier sagt, sie habe schnell gemerkt, dass so ein Betrieb einen rund um die Uhr einspannt, also wurde die Quereinsteigerin zur Landwirtin. Und damit begannen die Veränderungen.
 

Pragmatismus, Neugier, Experimentierfreude

Mittlerweile haben die beiden ihren Hof im Sinne des Tierwohls umgebaut: keine Betonspalten mehr, Ausläufe für die Tiere, Strohhaltung. Dass sie 2018 die Baugenehmigung bekamen und endlich loslegen konnten, war das Ende eines längeren Prozesses – 2016 besuchten sie die Agrarpolitische Tagung im Haus Villigst in Schwerte, bei der die Ergebnisse eines Gutachtens des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik präsentiert wurden. Klaus Albersmeier erinnert sich: „Mir ist von diesem Vortrag vor allem eine Sache hängengeblieben: Die Nutztierhaltung, wie wir sie kennen, ist nicht zukunftsfähig.“ Er fügt hinzu: „Na ja, und wenn man damit sein Geld verdient, gibt einem das zu denken.“

Sie studierten Gutachten, Empfehlungen und Verordnungen, kurz: Sie überlegten, wie Marianne Albersmeier es sagt, wie man „dem Schwein etwas Gutes tun kann“. 
Bei den beiden vereinen sich Pragmatismus, Neugier und Geschäftssinn auf die produktivste Art und Weise – anders ginge es auch nicht, man beginnt im Gespräch zu erahnen, wie viel Mut und Experimentierfreude es braucht, um sich an solche Veränderungen heranzutasten. „Wir wollten gucken: Was passiert eigentlich, wenn man das macht? Also haben wir einen Stall umgebaut, die Spalten zugegossen mit Beton, ein Loch in die Wand gebohrt, eine Rampe gebaut, dass die Schweine auch mal rauskönnen.“ 

Die beiden nahmen am „Ringelschwanzprojekt“ teil, das in Nordrhein-Westfalen von REWE finanziert wird, mit 18 Euro pro Ferkel, das seinen Schwanz behalten darf. Mittlerweile liefern sie ca. 140 Schweine die Woche an REWE, zweimal die Woche um die 70 Tiere. Unter dem Namen „Strohwohlschwein“ beteiligen sich mittlerweile 60 ausgesuchte REWE-Märkte in ganz NRW an dem Projekt. Das Fleisch wird an der Frischfleischtheke für um die 12 Euro das Kilogramm verkauft – damit liegt es preislich im Mittelfeld zwischen „bio“ und „normal“. Ihre Schweine sind etwas schwerer und fetter, weil sie länger leben dürfen, das Fleisch ist dadurch dunkler und aromatischer. Oft, sagt Marianne Albersmeier, würden sie von Kunden hören: „Das schmeckt ja wie früher bei meiner Oma.“