Bereitwillig trotten die rotbunten Rinder im Video die hölzerne Rampe hinauf – aus dem Transportwagen heraus in den „Wartebereich“ des Schlachthofs. Dann gehen sie weiter. Zunächst in eine größere, eingegitterte Stallanlage. Hier sollen sich die Tiere nach der langen Fahrt an die neue Umgebung gewöhnen. Danach werden sie einzeln der „Schlachtung zugetrieben“, wie es im Fachjargon heißt. Ein Rind nach dem anderen beschreitet die Betäubungsbox, wird dort in der „Betäubungsfalle“ fixiert, von einem Mitarbeiter per Bolzenschuss betäubt, anschließend fachmännisch „entblutet“ und damit getötet.

Der Ablauf ist eng getaktet: jede Minute mindestens ein Rind. Das macht ca. 600 bis 650 Tiere pro Tag. Danach wird den Schlachtkörpern das Fell abgezogen, die Organe werden entnommen und das Fleisch wird fachgerecht zersägt, zerlegt, abgehangen und gekühlt. Schnell ist dem Betrachter klar: Der Übergang vom Lebewesen zum Lebensmittel ist in der industriellen Rinderschlachtung Bestandteil einer klar durchdeklinierten, vollständig überwachten, medizinisch kontrollierten Produktionskette, die strengen Hygienevorschriften unterliegt.

 

Keine gestressten Tiere, keine blutigen Kittel

Auf den ersten Blick erstaunlich ehrlich, aber auch verstörend wirken die Videos und Bilder, die der internationale Fleischkonzern Vion Anfang November im Rahmen seiner Transparenzinitiative ins Netz stellte. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch: Hier gibt es keine gestressten Tiere, keine blutigen Kittel, kein unnötiges Leiden vor und während des Schlachtens. Denn dem Tierschutz kommt in den 17 deutschen Schlacht- und Zerlegebetrieben von Vion große Bedeutung zu. Das ist nicht zuletzt gesetzlich verankert.

 

„Mit der Transparenzinitiative möchten wir interessierten Verbrauchern einen digitalen Einblick in die Produktionsprozesse an unseren deutschen Standorten geben und die Qualität der Arbeit ebenso wie die Qualität des Fleisches nachvollziehbar machen“, erklärt Dr. Anne Hiller. Die Veterinärin arbeitet seit 2011 als Fachtierärztin für Fleischhygiene in der Qualitätssicherung von Vion Deutschland. Tierschutz ist einer ihrer Tätigkeitsschwerpunkte. Sie schult daher nicht nur die Tierschutzbeauftragten in den Vion-Niederlassungen, sondern berät die einzelnen Standorte auch in Fragen der baulichen Gestaltung. „Unser Ziel ist es, die Tiere im Schlachthof so ruhig wie möglich zu halten. Je ruhiger sie sind, desto entspannter gehen sie vorwärts“, erläutert Anne Hiller. Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass die Rinder nach dem Entladen in Gruppen zusammenbleiben. Um die Tiere nicht zu beunruhigen oder sie gar in Panik zu versetzen, sind die Gänge in den Vion-Schlachthöfen breit. Auch dürfen keine großen Pfützen in den Gängen stehen, denn diese werden von den Tieren leicht für Löcher gehalten und sie erschrecken. Grelles Licht und Schatten können Rinder ebenfalls irritieren. „Die Wände sollten im Schlachthof möglichst blickdicht gestaltet sein“, so Anne Hiller.

 

Doch wie sieht es mit dem Tierschutz bei der Tötung des Tieres aus? Beim Betrachten des Videos fragt man sich unweigerlich, ob mit dem Bolzenschussgerät betäubte Rinder vor dem Entbluten aufwachen können. Laut Anne Hiller kommt dies so gut wie nie vor. Und wenn, werde sofort eingeschritten. „Unsere Mitarbeiter sind sehr gut ausgebildet und testen nach der Betäubung mehrfach die Reflexe des Schlachttieres. Sollte das Tier reagieren, wird sofort nachbetäubt“, so die Fachtierärztin.

 

Umfassende Qualitätskontrolle durch Tierärzte

Ein weiterer Fokus von Anne Hillers Tätigkeit bei Vion liegt auf der Lebensmittelsicherheit. Auch zu diesem Thema schult sie Mitarbeiter und führt interne Audits durch. Und sie steht den externen Amtstierärzten als Ansprechpartnerin zur Verfügung, die jeden Schlachtprozess begleiten und überwachen. „Der Amtstierarzt begutachtet den Gesundheitszustand der Tiere direkt nach dem Entladen. Er untersucht beispielsweise, ob die Rinder eine gleichmäßige Atemfrequenz haben und keine erhöhte Körpertemperatur“, erklärt Anne Hiller. Nur Tiere, die diese erste „Inaugenscheinnahme“ bestehen, werden für die Schlachtung freigegeben. Eine zweite sorgfältige Qualitätskontrolle führen die amtlichen Tierärzte am geschlachteten Tier nach dem Ausnehmen durch. Nur Fleisch, das sicher für den menschlichen Verzehr ist, erhält ein amtliches Genusstauglichkeitskennzeichen und darf weiterverarbeitet werden. Im dritten Quartal 2016, das lässt sich der Dokumentation der Kontrollergebnisse entnehmen, die Vion ebenfalls regelmäßig auf vion-transparenz.de veröffentlicht, wurden 2,55 Prozent des untersuchten Rindfleischs für nicht tauglich befunden. Auch die Organe der Tiere werden amtlich kontrolliert.

 

Klare Vorgaben zur Untersuchung auf Antibiotika

Zu Antibiotika-Rückständen im Rindfleisch listet die Website einen Befund von lediglich 0,041 Prozent im kontrollierten Fleisch. Allerdings werden auch nur 0,5 Prozent aller bei Vion geschlachteten Rinder einer amtlichen Untersuchung auf Antibiotika-Rückstände unterzogen. Eine für den Laien eher gering anmutende Stichprobe. Laut Anne Hiller reicht sie vollkommen aus: „Die amtliche Fleischkontrolle durch Amtstierärzte ist nicht darauf ausgerichtet, jedes Tier zu untersuchen“, erläutert die Fachtierärztin: „Es existieren in Europa klare und sorgfältig dokumentierte, vorgeschaltete Regelungen, wann Antibiotika vom Landwirt verabreicht werden dürfen. Definiert ist beispielsweise, ab wann eine aufgrund einer Erkrankung behandelte Milchkuh nach der Verabreichung von Antibiotika Milch geben und wann sie geschlachtet werden darf. Der Landwirt unterschreibt vor der Abgabe der Tiere auch, dass er die gesetzlich geforderte Wartezeit eingehalten hat.“ Grundsätzlich, so Anne Hiller, sei die Fütterung von Antibiotika in Deutschland verboten und das Monitoring sehr gut.

 

Positive Resonanz

Die Offenheit, mit der Vion seine Produktionsbedingungen und Untersuchungsergebnisse kommuniziert, kommt an. „Sowohl von den Verbrauchern als auch von Landwirten, Tierschützern und NGOs wie Foodwatch haben wir durchweg positive Reaktionen erhalten“, berichtet Anne Hiller. Früher sei das Schlachten von Tieren durch Hausschlachtungen in den Alltag integriert gewesen. Heute finde es für viele nur noch hinter hohen Mauern statt. Sie resümiert: „Es war an der Zeit, diese Mauern einzureißen.“