Senkrecht steigt der runde Metallkörper in die Höhe. Mit seinen sechs sternförmig gruppierten dünnen Propellerbeinchen gleicht er am Himmel einem großen Insekt. Doch der „Hexakopter“, der an diesem etwas grauen Julinachmittag am Rande eines Maisackers in der Uckermark die Luft steigt, ist alles andere als fliegendes Getier. Bei dieser Spezies handelt es sich ein „Unmanned Aerial System“ (UAS), schlichter ausgedrückt: um eine Drohne. Während man diese ferngesteuerten Flugobjekte im Alltag noch sporadisch durch die Lüfte fliegen sieht, werden sie in der von Hightech geprägten Modernen Landwirtschaft bereits seit einiger Zeit erprobt und eingesetzt. Auch diese Drohne ist im Dienste der Agrarwirtschaft unterwegs: Sie soll einen Hagelschaden im inzwischen mannshohen Maisbestand von der Luft aus mit der Kamera erfassen – also das tun, was der Mensch vom Boden aus nur schwer bewerkstelligen kann.

Wegweiser auf Stein: am Hof von Landwirt Michael Böhling in Brandenburg. © Forum Moderne Landwirtschaft

Mannshoch steht der Mais auf dem Acker: großflächige Schäden lassen sich nur von oben erkennen. © Forum Moderne Landwirtschaft

Der Mann, dessen Maisfläche Ende Juni und Anfang Juli gleich zweimal von Hagelschauern geschädigt wurde, ist Michael Böhling. Der 39-jährige Landwirt bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Karina Hansen einen Getreidehof in dem kleinen Örtchen Schmargendorf in Brandenburg. Auf insgesamt 450 Hektar Fläche baut Michael Böhling vor allem Weizen, Raps – und eben auch Mais an. „Unser Mais wird nach der Ernte teilweise zu Tierfutter verarbeitet, primär aber geht er zur Energiegewinnung in Biogasanlagen“, sagt Böhling. Aufrecht und braungebrannt steht er in Basecap, grüner Arbeitshose und Gummistiefeln neben seinem Acker. Seine Körperhaltung drückt Tatkraft aus, aber sein Gesichtsausdruck ist leicht sorgenvoll. Kein Wunder: „Ein Wetterschaden im Maisfeld bedeutet umgeknickte und abgebrochene Pflanzen – und somit einen Verlust an Ernte und Einnahmen“, so Böhling. Rund 28 Hektar seiner Fläche wurden vom Hagel getroffen. Ein recht hoher Schaden vermutlich, der bestimmt werden muss.

Drohnen im Testeinsatz
Mit dem Landwirt sind auch Sachverständige von der Vereinigten Hagel zum geschädigten Feld gefahren. Michael Böhling hatte diese genossenschaftlich organisierte Spezialversicherung für Winzer, Obst- und Gemüsebauern und Landwirte bereits nach dem Unwetter über den Schaden in seinem Bestand informiert, jetzt soll das Ausmaß definieren werden. Und hier kommt der Hexakopter ins Spiel: Die Drohne soll von oben bildlich erfassen, wie viele Maispflanzen durch die herunterprasselnden Hagelkörner beschädigt wurden.

 

„Für die Vereinigte Hagel ist der Einsatz der Drohnen noch ein Pilotprojekt“, erläutert Thomas Gehrke, Direktor der für die Region zuständigen Bezirksdirektion Berlin der Vereinigten Hagel. Er ist in Schmargendorf selbst mit vor Ort, weil der Hexakopter von der Versicherung an diesem Nachmittag zum ersten Mal eingesetzt wird. „Wir testen Drohnen bereits seit 2015. Aber erst in diesem Jahr haben wir begonnen, sie in die Schadensregulierung zu integrieren“, sagt Gehrke. Bundesweit, so der Versicherungsexperte, seien sieben Drohnen für die Vereinigte Hagel im Einsatz. Darunter auch ein „Starflügler“, ein kleiner Motorsegler, der zwar weniger Akkuleistung benötigt, aber von zwei Person gestartet und gelandet werden muss und dafür mehr Platz benötigt. „Für den Einsatz hier wäre er daher nicht geeignet“, erklärt Gehrke.

 

Per Software bestimmt Norbert Fiddeke die exakte Flugroute der Drohne und überspielt sie an den Hexakopter. © Forum Moderne Landwirtschaft

Auch wenn die Drohne die vorgegebene Route automatisch abfliegt: Norbert Fiddeke hat sie stets im Blick. Das gibt das Gesetz vor. © Forum Moderne Landwirtschaft

Die Drohne fliegt derweil über dem Feld eine exakt vorgegebene Route ab, die vorher per Software programmiert und von einem Notebook an sie überspielt wurde. Dabei macht sie mit der Kamera Aufnahmen von dem beschädigten Maisfeld: alle 30 Meter ein Foto, die Flugbahnen liegen jeweils 62 Meter auseinander. Auf dem Display des Notebooks von Norbert Fiddeke, der den Hexakopter mit einer Konsole vom Boden aus steuert, ist die Route mit vielen kleinen roten Blasen markiert. Rund 19 Minuten, das hat der Sachverständige vorher berechnet, braucht die Drohne für ihren Flug. „Dafür wird der Akku gerade so reichen“, sagt Fiddeke, der als Drohnenpilot freiberuflich im Auftrag der Versicherung arbeitet. Mit einem Auge hat er dabei stets das Display seines Notebooks im Blick, das im Kofferraum seines Autos liegt, mit dem anderen die Drohne – denn für den gewerblichen Einsatz von Unmanned Aerial Systems gilt: „Sie dürfen nicht höher als 100 Meter fliegen und der Pilot muss sie vom Boden aus stets im Auge haben“, so Fiddeke. Außerdem bedarf es einer gesetzlichen Aufstiegserlaubnis, um eine Arbeitsdrohne fliegen zu lassen. In diesem Falle hat sich die Vereinigte Hagel um die Genehmigung gekümmert.

 

Die Flugroute auf dem Display ist mit kleinen roten Blasen versehen. Sie markieren die Positionen, an denen die Drohne Fotos schießen soll. © Forum Moderne Landwirtschaft

Mensch und Technik spielen eng zusammen
Ein zweites Display in Norbert Fiddekes Kofferraum übermittelt die von der Drohne übertragenen Fotos: Auf dem Bildern sind vor allem „Schadens-Nester“ zu erkennen: größere Löcher, die der Hagel in den Bestand geschlagen hat. „Schäden an einzelnen Pflanzen lassen sich nicht identifizieren, dafür fliegt die Drohne zu hoch“, erklärt Fiddeke. Wie so häufig in der smarten Landwirtschaft spielen auch in diesem Fall Mensch und Technik eng zusammen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Zwei Kollegen von Herrn Gehrke, beides erfahrene Sachverständige der Vereinigten Hagel, gehen zu Fuß in das Maisfeld und laufen stichprobenartig Reihen ab während die Drohne ihre Runden fliegt. Dabei zählen und erfassen sie, welche Pflanzen wie beschädigt wurden. Kein ungefährlicher Job, denn in den mannshohen Pflanzen verliert man als Mensch leicht die Orientierung. Im Maisfeld können außerdem Wildschweine lauern. Schenkt man dem Brandenburger Jägerlatein Glauben, ist schon manch Schütze nicht mehr aus dem Maisfeld aufgetaucht, da er selbst zum Gejagten wurde.

 

Während Drohnenpilot Norbert Fiddeke und Landwirt Michael Böhling die Drohne auf ihrem Fug beobachten …

 

… geht ein Sachverständiger der Vereinigten Hagel stichprobenartig einige Planzenreihen im Maisfeld ab. © Forum Moderne Landwirtschaft

Ein zweites Display im Wagen überträgt die aktuellen Fotos der Drohne. © Forum Moderne Landwirtschaft

19 Minuten Flugzeit nähern sich dem Ende. Norbert Fiddeke landet die Drohne mit seiner Konsole fast punktgenau sicher auf dem Boden. Übung macht eben Meister. Am Auto erläutert der Drohnenpilot, was mit den Fotodaten passieren wird: „Ich georeferenziere die Fotos und schicke sie an einen externen Dienstleister. Dieser erstellt daraus ein sogenanntes ‚Ortofoto‘, eine zusammengesetzte Luftbildaufnahme.“ Und diese geht anschließend an die Vereinigte Hagel.

 

Und was macht die Versicherung damit? Sie gleicht die auf dem Luftbild zu erkennenden Schadens-Nester mit den Prüfergebnissen der Sachverständigen am Boden ab und erstellt daraus eine prozentuale Gesamtschätzung für den Schaden. Wie hoch dieser im Maisbestand von Michael Böhling ist, lässt sich an diesem Nachmittag noch nicht genau sagen. Doch Thomas Gehrke zeigt sich mit dem Ersteinsatz des Hexakopters äußerst zufrieden: „Wir wissen jetzt anhand der Fotos, dass ein differenzierter Sturmschaden im Bestand ist. Auch ein Wildschaden ist zu erkennen – und ebenso Stellen, an denen Pflanzen einfach nicht gewachsen sind“, so der Versicherungsexperte. Präzisiert werde der Schaden dann noch einmal im September kurz vor der Ernte. Danach werde der Landwirt dann prozentual und gemäß der abgeschlossenen Versicherungssumme für den Sturmschaden entschädigt.

Die vom Sachverständigen auf dem Boden erfassten Schäden werden auf einem Tablet erfasst und später zusammen mit den Fotos des Hexakopters abgeglichen. © Forum Moderne Landwirtschaft

Vielseitiger Einsatz
Der Einsatz des Hexakopters hat auch Michael Böhling beeindruckt. Er kann sich sogar vorstellen, sich in naher Zukunft selbst eine Drohne zuzulegen: „Die Präzision bei der Erfassung des Bestands interessiert mich. Spannend finde ich auch, dass man mit Drohnen, die mit Infrarotkameras ausgestattet sind, Rehkitze vor dem Mähen im Feld orten und retten kann – oder die Qualität der Pflanzen anhand der Intensität des Grüntons von oben bestimmen.“ Auch die Lage von Entwässerungsrohren auf dem Feld, Unkrautnester oder Krankheitsbefall von Pflanzen lassen sich mit Drohnen von der Luft aus gut ausmachen. „Grundsätzlich ist es für uns Landwirte wichtig, nachhaltig zu denken – und daher auch technisch immer am Ball zu bleiben“, so Böhling.

 

Die Drohne wird von Herrn Fiddeke wieder sorgfältig im Kofferraum verstaut. Ihren Jungfernflug hat sie erfolgreich absolviert. Der nächste Einsatz wartet bereits ...