Die Sommerhitze hängt bereits am Morgen schwer über Hof Neuhörn auf der schleswig-holsteinischen Geest. Solche Tage gab es in den vergangenen Wochen viele. Zu viele, nach Meinung von Hans-Eggert Rohwer: „Wenn wir nicht bald Regen bekommen, ist das eine Katastrophe für den Mais“, sagt er. Und damit auch für seine rund 420  Kühe. Denn Mais zählt zu einer der Hauptzutaten ihres Futters, neben Gras, Getreidemischung und Kraftfutter, das etwa aus Rapsschrot, Getreide und Ackerbohnen hergestellt wird. Rund 90 Prozent davon bauen die Rohwers selbst an. Daher ist die Ernte so wichtig – und die Hoffnung auf Regen gerade an diesen heißen Tagen umso größer.

Familienbetrieb

Die Rohwers führen Hof Neuhörn als erweiterten Familienbetrieb. In einigen Jahren möchte Finn-Ole, der mittlere von drei Söhnen, den Hof übernehmen.

Chip im Halsband liefert Daten

Im Stall ist es kühler und schattiger. Die Kühe haben gerade Futter bekommen und fressen friedlich nebeneinander. Kurz schaut der Bauer ihnen zu und nickt zufrieden beim Weitergehen. Die Tierbeobachtung überlässt der Milchbauer bei der großen Herde jedoch nicht allein seinen erfahrenen Augen. Moderne Technik informiert ihn über den Zustand jeder einzelnen Kuh. Der Bauer steht im modernen Melkstand am Computerbildschirm und ruft mit einem Programm die Daten zu Nummer 6 auf: Geburtsdatum, Aktivitätsindex, Futter, Impfungen – sämtliche Informationen auf einen Blick. „Ah, das ist die Tochter von der 57. Naja, dann passt sie aber nicht zur Mutter, die war ein ganz wilder Vogel“, lacht er und klickt weiter. Es erscheinen Daten wie die Milchmenge, die tagesaktuell über einen Chip mit Sender am Halsband jeder Kuh an den Computer geschickt werden.  „Manche Verbraucher würden das vielleicht Massentierhaltung nennen“, sagt Hans-Eggert Rohwer. „Uns hilft die Digitalisierung, täglich die Bedürfnisse jedes einzelnen Tieres erkennen zu können. Dank der erfassten Daten wissen wir über jede Kuh bestens Bescheid und können direkt reagieren, wenn sie intensivere Betreuung benötigt."

 

Kuhstall Fütterung

Obwohl die Sonne brennt, ist es im offenen Laufstall schattig und kühl. Das ist wichtig, denn die Wohlfühltemperatur von Kühen liegt zwischen 5 und 15 Grad Celsius.

Digitalisierung bringt optimales Futter und bessere Kommunikation

Auch bei der Futterherstellung assistiert die Technik: Auf Basis von wissenschaftlichen Studien wird die Zusammensetzung auf die zweite Nachkommastelle optimiert, damit die Tiere die benötigten Nährstoffe erhalten: „Die besten unserer Kühe geben bis zu 65 Liter Milch am Tag“, informiert Rohwer. „Da brauchen sie natürlich auch das richtige Futter.“ Zahlreiche weitere Abläufe haben sich durch die Digitalisierung in den vergangenen Jahren verändert. Ein zentraler Punkt ist die Kommunikation. „Wie alle Menschen kommunizieren auch wir via Mail mit Behörden und Dienstleistern und tauschen so schneller Daten aus“, so Rohwer. Zudem kann das Internet im Bereich der Herdenführung unterstützen. Via GPS ließe sich der Tagesablauf der Tiere kontrollieren und die Daten anschließend mit externen Beratern auswerten. Darin sieht der Bauer auch für die Zukunft ein wichtiges Entwicklungsfeld. „Bei aller technischen Unterstützung ist nach wie vor der Mensch wichtig, um aus den gewonnenen Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen“, sagt Rohwer.

 

Ruhe im „Special needs“-Bereich

„Gleich hier vorne befindet sich unser ‚Special needs‘-Bereich“, erklärt Rohwer. „Da erholen sich unsere Kühe, die gerade ein Kalb bekommen haben.“ Momentan dösen 15 Tiere entspannt im Stroh. „Über 90 Prozent der Kühe kalben alleine, nur bei wenigen müssen wir assistieren“, so Rohwer. Neben der „Wellness-Station“ befindet sich ein Bereich, in dem sich von den 420 Kühen diejenigen aufhalten, die aktuell krank sind. Der Bauer erkundigt sich bei seiner Mitarbeiterin, ob bei der „347“ schon Fieber gemessen wurde. Als er die Temperatur erfährt, nickt der Chef zufrieden. Für ihn spielt das Wohlbefinden seiner Tiere eine wichtige Rolle. Erst kürzlich hat er größere Futterplätze eingerichtet. So finden auch rangniedrigere Tiere in dem großen Laufstall immer einen ruhigen Platz zum Fressen.

Feste Reihenfolge am Hightech-Melkstand

Es ist 15 Uhr: Melkzeit – nach heute Morgen um 4:30 Uhr die zweite am Tag. Die Kühe trotten gemächlich vom Stall zum modernen Melkstand, dem „Maybach unter den Melkanlagen“, wie Rohwer ihn nennt. 900.000 Euro hat er 2012 in die Hightech-Maschine investiert, in der pro Melkrunde 40 Tiere Platz finden. Die Türen öffnen sich und die ersten Kühe gehen selbstständig an ihren Platz, 20 auf jede Seite. Sie stehen nebeneinander, mit dem Kopf von der Melkgrube weg. „Da gibt es eine ganz feste Reihenfolge, in der die Tiere zum Melken kommen. Diese bildet sich im Laufe der Zeit automatisch heraus“, erklärt der Bauer.

 

Von zehn auf dreieinhalb Stunden

Der Melkvorgang ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine: Zwei Mitarbeiterinnen reinigen mit einem Tuch die Euter und legen den Kühen das Melkgeschirr an. Durch den Druckausgleich zwischen Euter und Melkgeschirr beginnt die Milch zu laufen. Nachdem rund 25 Liter pro Kuh in den Tank geflossen sind – am Vormittag mehr als am Nachmittag –, erkennt ein Sensor, wenn der Milchfluss nachlässt. Automatisch löst sich das Geschirr. Jetzt heißt es noch kurz warten, bis die gesamte Gruppe fertig ist. Dann öffnen sich die Türen und die Tiere verlassen gemeinsam den Melkstand. Die Plätze werden mit Wasser gereinigt und die nächste Melkrunde mit 40 Tieren beginnt. Insgesamt dauert ein kompletter Durchgang auf Hof Neuhörn rund dreieinhalb Stunden – vor dem „Maybach“ waren es noch zehn pro Durchgang.

Der Hof im Wandel der Zeit

Die Geschichte von Hof Neuhörn geht zurück bis ins Jahr 1540. Dabei hat sich der Familienbetrieb immer wieder neu erfunden. Die Spezialisierung auf die Milchviehhaltung begann mit der Aussiedlung 1965. Ziel war es, die Landwirtschaft an den Rand der Dörfer zu verlagern. „Mein Vater baute damals einen der ersten Laufställe in der Region“, sagt Rohwer. Im Laufe der Zeit sind neue Ställe hinzugekommen, auf dem Dach blinken heute die Solarpaneele, die den Hof mit Strom versorgen. „Bis vor ein paar Jahren hatten wir 350 Kühe“, berichtet Andrea Rohwer. Sie erklärte ihrem Mann damals: „351 Tiere sind ein Scheidungsgrund.“ Irgendwann sei auch mal die Familie dran. Es kam anders – genauer gesagt, die Milchkrise machte den Rohwers einen Strich durch die Planung. Durch eine Kooperation mit einem anderen Hof stieg die Anzahl der Tiere. „Schon verrückt: Ich habe heute mehr als drei Mal so viele Kühe wie mein Vater früher, aber meine Kaufkraft ist verglichen mit damals kaum gestiegen.“

 

Konzentration und Entspannung

Nach Meinung des Bauers werde sich die Milchviehhaltung künftig auf wenige, aber größere Betriebe konzentrieren. „Es lohnt sich heute wirtschaftlich kaum noch, nur 20 Tiere zu haben. Davon kann man nicht mehr leben“, so Rohwer. Doch diese Konzentration habe nicht nur negative Seiten. Größere Betriebe hätten häufig bessere Möglichkeiten, zu investieren und die Ställe auf mehr Tierwohl zu optimieren. In alten, kleineren Ställen stehen die Kühe teilweise noch in 24-Stunden-Anbindehaltung oder in dunklen, schlecht durchlüfteten Gebäuden. Zudem ermögliche ein größerer Hof auch den Besitzern ein soziales Leben. Nur dadurch könnten sich die Bauern auch hin und wieder mal eine Auszeit nehmen. Das wäre bei einem Ein-Mann-Betrieb unmöglich. Doch wer täglich um 3:15 Uhr aufsteht und um 22:30 Uhr ins Bett geht, der sollte auch mal Zeit für Entspannung haben. „Wir fahren jedes Jahr für 14 Tage nach Föhr. Das ist Runterkommen für mich“, sagt Rohwer. Ein Problem gebe es dabei allerdings: Er sei auch im Urlaub sehr früh wach, seine Frau möchte ausschlafen. Er lese dann – auf einem E-Book-Reader, damit er niemanden mit Umblättern stört. Anschließend fahre er eine Runde Fahrrad und auf dem Rückweg bringe er Brötchen mit.

 

Wettervorhersage – auch ohne App

So spielen neue technologische Entwicklungen eben nicht nur für das familiäre Zusammenleben der Rohwers, sondern auch für zahlreiche Abläufe auf dem Hof eine wichtige Rolle. Die Digitalisierung hat in den vergangenen Jahren vieles verändert und erleichtert. In einigen Bereichen bleiben aber menschliche Erfahrungswerte das Maß aller Dinge: „Wenn viele Kühe auf einmal gleichzeitig ihr Kalb bekommen, wissen wir ohne Wetter-App, dass es einen Wetterumschwung gibt“, sagt Andrea. Auf solch einen hoffen alle auf Hof Neuhörn – zumindest auf ein paar Regenschauer in den kommenden Wochen. Das wären hervorragende Nachrichten für den Mais, die Kühe und Familie Rohwer.