Sie ist die einzige Krone, die es je geschafft hat, über Jahrtausende zu bestehen und von ganzen Nationen bejubelt zu werden. Keine Krone wird von Alt und Jung, Reich und Arm gleichermaßen geschätzt. Keine wird lieber auf Händen getragen – als die Schaumkrone eines schön gezapften kühlen Biers.

 

Mindestens zwei Fingerbreit sollte sie sein und aus dem Glas emporragen wie ein Gletscher aus dem Tal. So zumindest bekommt der Gast im deutschen Wirtshaus sein Bier serviert. Und so wird es erwartet. Steht das Glas erst einmal vor dem Bierdurstigen, zeigt sich schnell, wer ein Biertrinker mit guten Manieren ist. Denn schon in jungen Jahren bekommt man die goldenen Regeln des Biertrinkens nähergebracht. Der „Bierknigge“ ist hierzulande keine Sache der Elite. Er gehört vielmehr zum respektvollen Miteinander.

 

Der Bierknigge

Die Regeln sind simpel: Das Etikett des Glases zeigt zum Herzen hin. Gibt es einen Henkel, so fasst man diesen auch an. Das Zuprosten findet immer vor dem Trinken statt. Dabei wird dem Gegenüber tief in die Augen geschaut, bevor schwungvoll die Gläser aneinander prallen. Neben einem herzlichen „Prost“ darf in Bayern etwa auch gesungen werden, was sich besonders in größeren Gruppen anbietet: „Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit. Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit. Oans. Zwoa. G’suffa.“ Und dann ein beherzter Schluck – „aaah“. Bevor Entspannung aufkommt, sei noch vor Lokalpatriotismus gewarnt. In Deutschland hat nämlich nahezu jede Region ihre eigenen Rituale – und ihr eigenes Bier. Lobe vor dem Bayern nie das Kölsch. Und vor dem Kölner nie das Alt.

Doch nicht nur vor, sondern auch hinter der Theke gilt es einiges zu beachten, um den hohen Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden. Berliner Weiße wird in Schale, Augustiner in Tulpe oder Krug, Ale im Pint serviert – und zwar nicht zu kalt und niemals zu warm. Diesen Fehler macht ein Wirt in seinem Leben nur einmal. Acht Grad sollte das Pils, maximal zehn das Hefeweizen haben.

 

Die deutsche Bierkultur

Für die einen mag das kleinlich erscheinen. Für alle, die sich lange genug in deutschen Gefilden befinden, ist die hiesige Bierkultur nicht wegzudenken. Auf was sonst könnte man sich nach Feierabend freuen? In welchen Gärten treffen sich die Münchner an lauen Sommerabenden? Wie vertreibt sich die Stammtischrunde den sonntäglichen Frühschoppen? Was wären Schützenfeste ohne das Bier? Was das Oktoberfest? Deutschland ohne Bier wäre ein Fass ohne Boden. Es würde nicht funktionieren.

 

Der Ursprung des Bieres

Dabei kommt das typisch deutsche Getränk ursprünglich gar nicht aus Deutschland. Den legendären König Gambrinus, der das Bier einst erfunden haben soll, hat es in Wahrheit wohl nie gegeben. Seine Ursprünge machte es vielmehr im einstigen Mesopotamien, dem heutigen Irak. Dort wurden um 5.000 v. Christus die ersten historischen Getreidearten – Emmer und Gerste – angebaut und höchstwahrscheinlich auch zufällige Brauversuche aus vergorenem Getreidebrei gemacht. Lauwarm und süß wurde dieser genossen und schon bald als kostbares Gut gehandelt. Als Wink der Götter. So sollte die Ernte mit einer täglichen Opfergabe von einem Liter Bier gesichert werden, den die Fruchtbarkeits- und Getreidegöttin Ninkasi in Empfang nahm. Sie gilt als Mutter aller Brauer, als Königin des Suffs. Noch heute sind Biere, Brauereien und Gaststätten nach ihr benannt. In Babylonien entstand schließlich die erste Bierkultur. In Ägypten wurden erste Kneipen und Wirtshäuser gegründet.

 

Die deutsche Biergeschichte

Die Europäer sind in Sachen Bier eher Spätzünder. Um 800 v. Chr. wurde in Kulmbach – das ist in Oberfranken – die erste „Bieramphore“ befüllt. Sie gilt heute als ältester Nachweis für die Bierherstellung im germanischen Raum. In den Jahren 600 bis 800 n. Chr. entstanden die ersten Brauereien auf späterem deutschen Boden. Die älteste der Welt soll das Kloster Weihenstephan sein, das bis heute Bestand hat. Halleluja, also doch Deutschland!

Alsbald wurde dem Bier die Eigenschaften zugeschrieben, Allheil- und Grundnahrungsmittel zu sein. Um zu verstehen, was im alten Germanien los war, denke man an die Geschichten der Gallier Asterix und Obelix. Caesar ging für ihr Zaubertrank über Leichen. Nun kann man sich wohl vorstellen, welchen Radau es um das Bier gab. Jeder wollte das berauschende Gebräu für sich haben. Dutzende blutige Kriege wurden wegen des Biers geführt. Erbitterte Verteilungskämpfe zwischen Klosterherren und Landesfürsten standen an der Tagesordnung. Den Tumult nutzten gewissenlose Brauer, die sich mit verunreinigtem Bier am Profit labten und dabei ins Fäustchen lachten – bis 1516. Da wurde das erste flächendeckende Lebensmittelgesetz erschaffen: das Reinheitsgebot, das dieses Jahr seinen 500. Geburtstag feiert.

 

Die Biergegenwart

Hopfen, Malz und Wasser – das sind die im Gebot festgelegten Zutaten des Biers. Später kam noch Hefe dazu, um so Spontangärungen zu vermeiden. Zu oft waren Hopfen und Malz so bis dahin verloren gegangen. Schon erstaunlich, wie ein Getränk, das aus nicht mal einer Handvoll Zutaten besteht, so vielfältig sein kann. Allein in Deutschland werden heute 5.000 bis 6.000 unterschiedliche Biere gebraut und seine Braustätten sind flächendeckend vertreten.

Deutschland zählt weit über 1.300 Brauereien. Am meisten verkauft wird die Biermarke Oettinger, gefolgt von Krombacher, Bitburger und Veltins. Die deutsche Marke Becks hat es in 90 Länder geschafft und ist damit das am weitesten verbreitete deutsche Bier. Mehr als 15 Milliarden Liter Bier werden jährlich aus Deutschland exportiert, wovon die meisten in Italien landen. Was im Land verbleibt, wird für durchschnittlich 55 Cent pro 0,33-Liter-Flasche im Supermarkt verkauft. Im Glas kostet das Bier 2,53 Euro pro 0,3 Liter. Das macht Bier neben Wasser zum günstigsten Getränk auf der Speisekarte. Trotz des geringen Preises kassiert der deutsche Staat im Jahr rund 700 Millionen Euro Biersteuern. Blumen für die Wirtschaft. Und Blumen für das Volk. Denn die Deutschen werden wohl auch in den nächsten Jahrhunderten ihre Bierkrone in Ehren halten.