Das kleine Glas mit 200 Milliliter einer leuchtend roten Flüssigkeit macht neugierig. Es steht auf einem Tisch, inmitten eines großen, lichtdurchfluteten Raums, in dem sich Gefäße mit Saatgut in allen Formen und Farben befinden. Dieses spezielle Glas ist gefüllt mit dem Wirkstoff Sedaxane, einem vor rund 15 Jahren von dem internationalen Agrarkonzern Syngenta entwickelten Fungizid. „Damit können wir die Samen wirksam vor im Boden lebenden Schadpilzen und insbesondere vor dem international verbreiteten Pilz Rhizoctonia schützen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das bislang keine andere Saatgutbeize bietet“, erklärt Jens Luckhard nicht ohne Stolz. Der 47-Jährige leitet eines von zwölf weltweit angesiedelten Seedcare-Instituten von Syngenta. Das Forschungszentrum Stein im schweizerischen Kanton Aargau zählt zu den drei wichtigsten globalen Standorten für Forschung und Entwicklung des Weltunternehmens. „Mit diesen 200 Milliliter schützen wir das Saatgut für einen ganzen Hektar. Dabei soll die rote Farbe lediglich verdeutlichen, dass dieses Saatgut gebeizt ist, ergänzt er. „Manche Pflanzenzüchter lassen sich ihr Saatgut auch blau, goldfarben oder grün beizen und nutzen die Farbe aus Marketinggründen.“

 

Gezielter Schutz der Saat – bei minimalem Wirkstoffeinsatz

Jens Luckhard greift in einen Eimer mit unbehandelter Gerste. „Ohne den Schutz von Saatgut entstehen sehr hohe Verluste. Das beginnt direkt nach der Aussaat, wenn sich Schadpilze und andere Organismen über die Samen hermachen“, erzählt er weiter.

Für den Diplom-Agraringenieur, der mit seiner Familie daheim Kürbisse, Kartoffeln und Blumen selbst anbaut, ist der Schutzgedanke enorm wichtig: „Wenn ich an die prognostizierten neun Milliarden Menschen denke, die in knapp 30 Jahren auf dieser Erde satt werden wollen und sollen, dann liegt in einer höheren Effizienz beim Anbau von Nahrungspflanzen ein ganz wichtiger Schlüssel dazu – und genau hier leisten unsere Beizmittel einen wesentlichen Beitrag.“

Und noch ein Hinweis ist dem Pflanzenschutz-Spezialisten an dieser Stelle wichtig: „Wenn auf einem Hektar Ackerland ein Fungizid gegen Schadpilze ausgebracht wird, dann werden meist die gesamten 10.000 Quadratmeter behandelt. Stehen bereits Pflanzen auf dem Feld, wächst die zu behandelnde Oberfläche schnell auf 25.000 Quadratmeter pro Hektar an. Wir hingegen behandeln bei der Saatgutbeizung nur die Oberfläche des Saatguts – ganz gezielt, mit minimalem Wirkstoffaufwand und minimalen Auswirkungen auf die Umwelt. Bei 200 Kilogramm Saatgut pro Hektar macht das gerade einmal eine Fläche von rund 250 Quadratmetern aus.“

Das Argument überzeugt. Aber ganz so einfach scheint die Sache dann doch nicht zu sein. Jens Luckhard zeigt auf zwei Gläser, die mit unterschiedlich gut gebeiztem Saatgut gefüllt sind: „Die Wirksamkeit des Pflanzenschutzmittels ist das eine, die richtige Anwendung das andere. Wenn es uns nicht gelingt, das Beizmittel gleichmäßig auf den Samen zu verteilen, bleiben manche Körner ungeschützt, während von anderen überschüssiges Beizmittel bei der Aussaat eventuell wieder abgerieben wird. Beides wollen wir nicht“, erklärt er.

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Durch das Empfangsgebäude gelangen Besucher zum Seedcare-Institut in Stein. Es gehört zum Forschungszentrum von Syngenta im schweizerischen Kanton Aargau. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

Genauigkeit ist gut, Kontrolle ist besser

Was Jens Luckhard damit meint, demonstriert er in der folgenden halben Stunde: „Wir kümmern uns: von der Forschung über die Formulierung der Wirkstoffe und die Applikationstechnik bis hin zur Wirkung im Klein- und Großversuch.“ Wie weit dieses Kümmern geht, verdeutlichen Jens Luckhard und seine Kollegin Ramona Gloor anhand einer Testbeizung. Stoppuhr-genaue zehn Sekunden dauert der Vorgang, dann ist die eben noch unbehandelte Probepartie Gerste frisch gebeizt. Anschließend geht es zur Kontrolle in zwei angrenzende Laborräume. „Dazu komme ich im Arbeitsalltag kaum noch, aber genau hier werden die Grundsteine für die spätere sichere Anwendung gelegt“, sagt er etwas wehmütig.

Dann zeigt der Diplom-Agraringenieur, der seine berufliche Laufbahn im Pflanzenschutz bereits nach dem Studium begann, wie der mögliche Abrieb erfasst wird. Das ist die Menge an Beizmittel, die bei der Aussaat im Feld in der Sämaschine von den Samen abgerieben wird und in die Umwelt gelangen könnte. „Wir ermitteln das anhand einer kleinen Saatgutprobe mit dem sogenannten Heubachtest. Nach dem in Europa geltenden Richtwert dürfen bei der Aussaat von Samen, die mit einem Fungizid gebeizt wurden, maximal fünf Gramm Beizstaub pro 100 Kilogramm Saatgut entstehen. Unsere Exaktversuche zeigen hochgerechnet, dass bei Sedaxane sogar Werte unter 0,2 Gramm pro Hektar erreicht werden.“

Stellt sich die Frage, wie derart kleine Mengen überhaupt nachgewiesen werden können. Auch darauf hat Jens Luckhard eine klare Antwort parat: „Mit hochempfindlicher Analysetechnik.“ Und selbst das ist noch nicht genug: Mithilfe von Fotozellen wird im Seedcare-Institut anschließend ermittelt, ob auch die gewünschte homogene Beizung aller Saatkörner gelungen ist. Dazu gibt Luckhard einen Teil der frisch gebeizten Gerste auf den sogenannten QuestPro. In diesem Gerät rutscht die Gerste Korn für Korn eine Rinne entlang und plumpst an Fotozellen vorbei. Wie der nachfolgende Ausdruck der Computeranalyse belegt, wurde bei der Probe die gewünschte Gleichverteilung erreicht.

 

Den Wurzeln beim Wachsen zusehen

Nächste und letzte Station des Besuchs im Seedcare-Institut Stein ist eine Gewächshausanlage. In zahllosen Glashäusern stehen unter anderem Rhizotrone: Pflanzgefäße, in denen die Wirkung der Beizmittel akribisch untersucht wird. „Hier ist seinerzeit auch die zweite Besonderheit von Sedaxane entdeckt worden“, erzählt Jens Luckhard. „Der Wirkstoff schützt nämlich nicht nur vor Schadpilzen, sondern wirkt auch wie ein Turbo, unter dessen Einfluss sich die Wurzeln kräftiger entwickeln. Sie nehmen Wasser und Nährstoffe besser auf und ermöglichen so eine stärkere Jugendentwicklung der Pflanzen.“ Und tatsächlich: Entlang der gläsernen Seitenwände der Rhizotrone lassen sich unterschiedliche Wurzelausbildungen beobachten – von den langen und kräftigen Wurzeln in der behandelten Variante bis hin zum abgestorbenen, ungebeizten Saatkorn.

Die kleine Tour durch das Seedcare-Institut in Stein neigt sich dem Ende zu. Jens Luckhard geht vorbei am Labortrakt nach draußen. Eine Botschaft, so betont er, liege ihm besonders am Herzen: „Der Schutz von Saatgut, Anwender und Umwelt zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Arbeit.“ Dann geht’s für den Pflanzenschutz-Experten zum nächsten Termin mit den Kollegen. Er winkt noch einmal zum Abschied und wendet sich dann wieder seiner eigentlichen Arbeit zu – als „Saatgut-Beschützer“.

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Schutz mit Farbeffekt: Etliche Pflanzenzüchter nutzen die zur Kennzeichnung der Beize verwendete Farbe aus Marketinggründen. Deshalb gibt es auch blau, goldfarben oder grün umhüllte Samen. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

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Jens Luckhard versteht sich als „Saatgut-Beschützer“: Der Diplom-Agraringenieur arbeitet in einem von weltweit zwölf Seedcare-Instituten von Syngenta und testet die Anwendung von Wirkstoffen. © Forum Moderne Landwirtschaft