Der Bier-Revolutionär

Es war ein aufregendes Jahr für Tilman Ludwig. Der junge Brauer stand unter „Tatverdacht“, war im Fernsehen und landete schließlich sogar im „Playboy“. Zum Geburtstag des Reinheitsgebots brachte er ein Bier auf den Markt, das neben Hopfen, Malz, Hefe und Wasser auch Basilikum enthält.

Tilman Ludwig sieht gar nicht aus wie der Anti-Typ – in seinen schwarzen Klamotten, die Mütze über die Ohren gerollt. Er ist groß und sportlich. Unter dem T-Shirt blitzen schwarze Tattoos hervor. Seine Augen leuchten hell und hinter seinem roten Vollbart erspäht man Lippen, die freundlich lächeln. Meistens jeden-falls. Er ist klug, charmant, witzig. Tilman Ludwig könnte der Traum jeder Schwiegermutter sein. Männer loben ihn. Oder eher: sein Bier. Der Brauer hat sich nämlich mit seinem Label „Tilmans Biere“ einen Namen gemacht.

Umso größer war die Überraschung, als Ludwig, der eigentlich sehr umgänglich ist, zum Geburtstag des Reinheitsgebots eine große Sünde beging. Er brach das Gesetz, das von den Bayern gehütet wird wie ihr Augapfel. Aus Protest brachte Ludwig zusammen mit Freunden unter anderem Label das „3Brew“-Kräuterbier auf den Markt, das außer den vier zugelassenen Zutaten – Hopfen, Malz, Hefe und Wasser – auch Basilikum enthält. So ein Schelm!

 

„3Brew“ – mit Bier zum Umdenken anregen

Für die Bayern, „die ja nicht gerade für ihre Offenheit bekannt sind“, so Ludwig, war diese Protestaktion in etwa so erschütternd, als würde auf dem Oktoberfest plötzlich die Berliner Loveparade einmarschieren. Schon stand der Bayerische Rundfunk vor der Tür. Und einen Tag später die amtliche Lebensmittelüberwachung. Theoretisch hätten die Gesetzeshüter sein Bier schnurstracks aus dem Verkehr ziehen können. Sie taten es nicht, was eine große Ausnahme war.

„Jedes Lebensmittel, das in Deutschland verkauft wird, braucht eine Verkehrsbezeichnung, wie ‚Bier‘. Wenn man dem Bier irgendeine Zutat zugibt, die nicht dem Reinheitsgebot entspricht, ist es eben kein Bier mehr und es gibt keine offiziell passende Verkehrsbezeichnung“, erklärt Ludwig, der sich keineswegs als Gegner des Reinheitsgebots versteht. Er ist vielmehr ein Kämpfer. Ein Revolutionär. Ihm geht es um ein Umdenken, wie eben mit dem „3Brew“-Bier.

Das Reinheitsgebot sagt nämlich nichts über die Qualität der Rohstoffe aus. Und überhaupt dürften nach dem Gebot eine ganze Reihe von Zutaten ins Bier, die es haltbar oder homogen machen. „Chemisch aufbereitetes Brauwasser, mit natürlichen Säuren eingestellter pH-Wert sowie die Zugabe von technisch reinem Zucker sind absolut reinheitsgebotskonform. Sogar Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP), ein chemisch hergestelltes Plastikpulver – ja, richtig gelesen! –, das dem Bier als Filterhilfsmittel zugegeben wird, um Trub- und Gerb-stoffe zu binden, ist völlig in Ordnung“, schreibt der 32-Jährige im „Playboy“. Die gaben ihm ganze drei Seiten, um über das antiquierte Gebot aufzuklären.

Wanderschaft eines Rebellen: aus Tradition wird Modernes

Wer meint, Tilman Ludwig rede nur so dahin, irrt. Er weiß, wovon er spricht. Immerhin hat er an der Hoch-schule Weihenstephan Brauwesen studiert. Doch wie kommt ein junger Mensch auf die Idee, sein Leben außerhalb von Kneipen und Clubs dem Bier zu widmen? Ludwig wollte nie das tun, was die anderen tun. Der Mainstream liegt ihm nicht. Nach dem Abitur, das Ludwig eigentlich auch nicht machen wollte, planten alle anderen ihren nächsten Schritt. Also hatte er noch weniger Lust, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Dann schenkte sein Kumpel ihm zum Geburtstag spaßeshalber eine alte Zeitungsbeilage. In der las Ludwig, dass man Brauwesen studieren kann.

Fortan gab es für ihn nur noch einen Weg. Nach Praktika bei Paulaner und Königspilsener begann er sein Studium. Hier lernte der Bayer zwei Amerikaner kennen, Ian Pyle von Ratsherrn und Richard Hodges von Berliner Berg, die ihm die amerikanische Bierkultur näherbrachten. Die drei vertrieben sich die Zeit – davon hatten sie laut Ludwig reichlich – mit Bierverkostungen, fachsimpeln und brauen. In eigenen Küchenbraue-reien starteten sie ihre ersten Versuche. Ludwig, der mittlerweile großer Fan des amerikanischen Pale Ale war, störte eines: „Viel lässt sich davon nicht trinken. Zu stark im Alkoholgehalt und extrem bitter.“ Die Idee war geboren, aus einem traditionellen hellen Bier ein modernes zu machen.

Doch bevor es so weit sein sollte, ging der frisch gebackene Braumeister erst einmal in die Schweiz, um in einer kleinen Brauerei Arbeitserfahrung zu sammeln. Obwohl der Job „super cool“ war, vereinsamte der Bayer allmählich: „Roggwil, wo die Brauerei liegt, ist ein kleines Dorf. Dort haben nur alte Menschen und Familien gelebt. Ich war sozial ein wenig verkümmert.“ Nach zwei Jahren kehrte er nach München zurück. Von da an ging alles ganz schnell. Er suchte Brauereien im Münchner Umland, bei denen er sich als „Wanderbrauer“ einmieten konnte und fing an, „Tilmans Biere“ zu brauen.

 

Kunst verleiht seinem Bier Identität

Obwohl Ludwig selbst sagt, er habe null Komma null Ahnung vom Business, lief es sehr gut für ihn. Sein Vater unterstützte ihn finanziell, ein Freund baute seine Webseite. Sein erstes Bier war ein helles. Ludwig wollte seine Landsleute, die dem Ruf nach konservativ sind, nicht gleich verschrecken – nicht bis zum ersten Schluck. Dann entpuppt sich die unschuldige blonde Fassade als amerikanisches Pale Ale. Es schmeckt blu-mig, hopfig und extrem fruchtig. Heute findet man „Tilmans Biere“ in ganz Deutschland und sogar in Eng-land, Österreich und der Schweiz. Mittlerweile hat er drei Sorten im Angebot – jeweils mit kunstvoll gestal-tetem Etikett. „Die Künstler haben komplette Narrenfreiheit. Was sie mir abgeben, kommt aufs Etikett, egal ob’s mir gefällt oder nicht. So hat jede Sorte ihre eigene Identität“, sagt Ludwig, dem Kunst sichtlich Freude macht. Lediglich der Schriftzug „Tilmans Biere“ auf dem Logo trägt Ludwigs Handschrift – und der flüssige Inhalt, der inzwischen brav nach dem Reinheitsgebot gebraut wird.