Man weiß nicht, wie es ist, ein Tier zu sein, so viel steht fest. Oft überträgt man – wie eben beim Thema Stroh – seine eigenen Vorstellungen auf die Tierhaltung, weil man eine romantisierte Vorstellung davon hat, was es für so ein Schwein bedeutet, sich wohlzufühlen. Aber man kann Zeichen lesen. Und die sind recht eindeutig: „Die Tiere sind seit dem Umbau stressresistenter“, sagt Klaus Albersmeier, als wir an dem Gartentisch vor dem Wohnhaus sitzen und Limonade trinken. „Der Stall war ja früher eine geschlossene Geschichte. Da gab es immer ein großes Erschrecken, wenn jemand reingekommen ist.“ Jetzt würden die Schweine von Anfang an viel mehr mitbekommen: „Es laufen Menschen an den Ausläufen vorbei, es fährt mal ein Traktor vorbei, und einmal die Woche, wenn in den Ställen oder draußen gemistet wird, werden sie umgetrieben.“

So kennen die Schweine es schon, dass Menschen sie hin- und hertreiben; der Weg zur Schlachtung ist für sie dann weniger stressig. Die zu schlachtenden Tiere werden einen Tag vorher mit einer Nummer tätowiert – so haben sie noch Zeit, sich wieder zu beruhigen, bevor es in den Transporter zu dem Fleischvermarkter Westfleisch geht. „Die Mitarbeiter sagen, dass mittlerweile einer alleine das mit dem Zusammentreiben machen könne, so ruhig seien die“, erzählt Marianne Albersmeier. Vor Kurzem habe einer mal vergessen, den Stall abzuschließen. Auf einmal standen ihr 50 Schweine im freien Gelände gegenüber. Es sei ber nicht besonders schwierig gewesen, sie wieder in den Stall zu bekommen. All das zeugt davon, wie positiv sich die Änderungen auf das Gemüt der Tiere auswirkt.
 

„Jetzt bastelt der auch noch Schweinespielzeug“

Klaus Albersmeier nimmt uns ein letztes Mal mit zum Stall, er will uns noch etwas zeigen. Er hat nämlich eine eigene Schweine-Tränke entwickelt, für die er auf der EuroTier in Hannover, der weltgrößten Fachausstellung für Tierhaltung und Tiermanagement, 2016 mit dem Preis „Neuheit des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Den Publikumspreis hat er auch noch bekommen. Er zeigt uns die Tränke, eine Art langer, hohler Stab aus hellem Edelstahl, an dessen unterem Ende ein rundes Becken befestigt ist. „KA-Rondell“ heißt die Erfindung. Das Besondere: Man kann die Tränke in der Mitte des Stalls aufstellen, sodass drei bis fünf Schweine gleichzeitig daraus trinken können. Die Tränke hat ein sehr geringes Verschmutzungsrisiko und einen niedrigen Wasserverbrauch. Aber das KA-Rondell – die Buchstaben stehen für „Klaus Albersmeier“ – kann noch mehr: Durch eine am oberen Ende aufschraubbare Konstruktion ist ein weiteres Rohr befestigt, an dem sich wiederum ein runder Korb befindet. Aus dem können die Schweine Stroh ziehen, „Raufutterkorb“ nennt sich das. Außerdem lassen sich an der Konstruktion Spielseile befestigen. Der ein oder andere Landwirt habe geglaubt, Klaus Albersmeier spinne. „Die dachten: ‚Jetzt bastelt der auch noch Schweinespielzeug!‘ “, lacht Marianne.

Für ihre eigene Work-Life-Balance haben die Albersmeiers zwei eher ungewöhnliche Hobbys: Iberico-Schweine und Alpakas. Die fetten schwarzen Ibericos suhlen sich in einem separaten Auslauf in der Erde. Als wir zu ihnen kommen, spritzt Marianne sie mit Wasser aus einem Schlauch ab. Die Tiere genießen das sichtlich. Alle paar Wochen wird ein Schwein geschlachtet, das Fleisch und vor allem die leckere Wurst werden direkt auf dem Hof an Iberico-Kenner vermarktet.
Weiter geht es zu der Alpaka-Herde, die sich Marianne kurzentschlossen vor eineinhalb Jahren zugelegt hat. Von ihren Alpakas nehmen die Albersmeiers nichts als die Wolle; die possierlichen Freaks mit den langen Hälsen und den romantischen Wimpern sind vor allem zum Liebhaben und Angucken da. Als wir vor ihrem Gehege stehen, ruft Marianne nach ihnen: „Dalia! Nicki! Mia!“ Man hat kurz das Gefühl, in einer Kita im Prenzlauer Berg zu sein. Die Tiere, braun, weiß, schwarz, kommen angetrabt und lassen sich die Hälse tätscheln. „Warum ist die denn so dünn?“, fragt Marianne besorgt in Bezug auf die eine Alpaka-Stute Mia, die eigentlich trächtig ist. „Ob das Fohlen wohl schon gekommen ist? Aber wo ist es denn? Lebt es noch?“ Auf einmal kommt auf staksigen Beinchen aus dem hinteren Teil der Koppel das Jungtier angelaufen. Klaus und Marianne Albersmeier strahlen: „So ist das hier in Hüttinghausen, jeder Tag ein Abenteuer.“