Der Norden Deutschlands gilt allgemein als eher kühl und nass. Die Landwirte in Niedersachsen haben allerdings wenig davon. Das nordwestliche Bundesland ist zwar Kartoffelland Nummer eins in Deutschland – rund fünf Millionen Tonnen der Erdfrüchte werden jährlich auf niedersächsischen Äckern geerntet. Doch zugleich gehört das Bundesland zu den Regionen mit den größten Flächen für künstliche Beregnung in der Republik. Denn die Knollen brauchen zum Wachsen und Gedeihen nun einmal viel Wasser. Wie passt das zusammen?

„Der Boden hier ist leicht und sandig-lehmig. Das mögen Kartoffeln. Aber die Erde hält aufgrund ihrer Beschaffenheit nur wenig Wasser“, sagt Friedrich Amme. Daher ist die künstliche Bewässerung der anspruchsvollen Kulturen wichtig, die er auf einer Fläche von 30 Hektar anbaut. Der 26-Jährige bewirtschaftet zusammen mit seiner Familie einen Hof in der Ortschaft Eltze – rund 40 Autominuten von Hannover entfernt. Kartoffeln sind, neben Zuckerrüben, Mais und Sommerbraugerste, sein Hauptanbaubauprodukt. „Je nach Wind, Wetter und aktuellem Pflanzenbedarf bringen wir mit einer Regengabe ungefähr 30 Liter pro Quadratmeter auf den Acker. Das reicht bei heißem Wetter etwa für sechs Tage. Unser Vorteil ist, dass sich die Anbauflächen in unserer überwiegend flachen Gegend gut bewässern lassen“, so der Jungbauer, der in Jeans, blauem Polohemd und mit strohblonden, kurzen Haaren im Innenhof seines Betriebs vor einem Traktor steht, während Hund Louis schanzwedelnd um ihn herumspringt.

Am besten bewässert man nachts

Es ist vier Uhr nachmittags an einem eher trüben Julitag. Doch für Friedrich Amme, der gerade das Fuhrwerk einer Bewässerungstrommel an das landwirtschaftliche Fahrzeug ankoppelt, sind die Witterungsbedingungen ideal. Heute will er auf einem seiner Kartoffelacker Wasser ausbringen. „Damit möglichst wenig davon verdunstet, sollte man möglichst an bedeckten Tagen oder nachts bewässern“, erläutert der junge Landwirt.

Genau 430 Meter glänzender schwarzer Plastikschlauch sind auf der roten Trommel fein säuberlich aufgerollt. Seitlich über der Radachse findet sich ein kleiner metallischer Kasten. Friedrich Amme klappt ihn auf. „Program Rain“ steht auf dem vom Kasten geschützten Computer. Solarzellen sorgen für die Energie. „Über dieses Gerät können wir die Bewässerungstrommel später auf dem Feld einstellen. Sie steuert sich dann weitgehend selbst“, erläutert er.

Friedrich Amme steigt auf seinen Traktor. Los geht’s mit der angehängten Beregnungsmaschine auf den rund zwei Kilometer entfernten Kartoffelacker. Hier stehen die Pflanzen in dichten saftig-grünen Reihen: „Das sind Belana-Kartoffeln, eine festkochende Sorte. Sie wird später voraussichtlich im Kartoffellager deponiert, im Winter und Frühjahr abgepackt und später im Lebensmitteleinzelhandel zu kaufen sein. Die Kartoffeln sollen in etwa ein bis zwei Monaten geerntet werden“, sagt er, bringt den Traktor am Rand des Ackers zum Stehen und steigt ab. Direkt neben einer einbetonierten Wasserpumpe. „Das ist einer unserer Grundwasser-Brunnen. Das Wasser kommt hier aus einer Tiefe von drei bis neun Metern und wird über eine unterirdische Leitung zum Hydranten gepumpt.“

80 Millimeter Wasserkontingent pro Hektar und Jahr

Friedrich Amme löst das Ende des Zuleitungsschlauchs von der Trommel. Dann zieht er es zu dem Metallrohr des Hydranten, das senkrecht aus dem Boden ragt, und kuppelt beide Endstücke sorgfältig zusammen. Das ihm für die Beregnung seiner Pflanzen zur Verfügung stehende Grundwasser ist nämlich genau bemessen. „Grundsätzlich können wir pro Hektar und Jahr maximal 80 Liter Grundwasser pro Quadratmeter zur Bewässerung nutzen. Das wird vom hiesigen Wasserverband geregelt.“ Wie Friedrich Amme dieses Kontingent aufsplittet – oder ob er vielleicht sogar einen Teil des Wassers für den Gebrauch im kommenden Jahr aufspart –, bleibt ihm überlassen. Entsprechend klug verteilt er die Wassermenge auf die bewirtschafteten Freiflächen. „Zuckerrüben zum Beispiel beregnen wir teilweise nur einmal im Jahr. Und auch für den Weizen brauchen wir längst nicht so viel Wasser wie für die Kartoffeln. Diese allerdings beregnen wir rund fünfmal im Jahr.“ Zur Bestätigung zückt Friedrich Amme ein kleines Notizbuch, in dem er seinen Wasserverbrauch pro Tag und Fläche sorgfältig dokumentiert. Das hat noch einen zusätzlichen Grund: Nur der Verbrauch von 36.000 Kubikmetern Wasser ist für den Landwirt kostenlos. „Geht der Verbrauch darüber hinaus, kostet die insgesamt verregnete Wassermenge 0,7 Cent pro Kubikmeter. Früher nannte man das den „Wasserpfennig“, erläutert der Jungbauer. Rund 120 Euro pro Hektar kämen so im Jahr für die Bewässerung zusammen – Mann-, Maschinen- und Energiekosten eingerechnet. Doch für Friedrich Amme ging die Rechnung bisher immer auf: „Normalerweise kommt das über Qualität und Ertrag wieder rein.

Auch der Klimawandel spielt eine Rolle

Wäre es da nicht einfacher, trockenresistentere Sorten auf dem Boden anzubauen oder Pflanzen, die generell weniger Wasser benötigen? Friedrich Amme verneint dies. „Wir sind hier nun mal in der fruchtbarsten Kartoffelanbauregion Deutschlands. Und welche Sorten angebaut werden, gibt im Wesentlichen der Markt vor. Um unsere Produkte gut an den Handel verkaufen zu können, müssen wir eine hohe Qualität erreichen. Entsteht etwa durch Trockenheit Schorf auf der Kartoffelhaut, verliert die Knolle als Speisekartoffel deutlich an Wert.“ Darüber hinaus sei der Klimawandel ein schwer zu kalkulierender Faktor: „Insbesondere im Frühjahr und Vorsommer, wenn die Pflanzen sich entwickeln, gibt es inzwischen längere Trockenperioden. Und im Sommer steigen die Tagestemperaturen teilweise ungewöhnlich hoch an. Das heißt natürlich, dass wir häufiger bewässern müssen als früher.“

Inzwischen ist der Zuleitungsschlauch der Trommel fest mit dem Hydranten verankert. Friedrich Amme steigt wieder auf den Traktor und steuert ihn entlang einer Fahrrinne längs durch den Kartoffelacker. Hinter sich her zieht er den Schlauch von der Trommel. Nach genau 430 Metern kommt er am Ende des Feldes zum Stehen. Der Schlauch hat sich jetzt vollständig abgerollt. Der Landwirt steigt ab und löst den Regnerwagen vom Traktor – ein am Schlauch befestigtes mobiles Gestell, auf dem die Spritzdüse befestigt ist. Letztere ist nun platziert. „Die Trommelbewässerung hat für uns den Vorteil, dass sie sich einfach handhaben lässt. Sie eignet sich insbesondere für Kulturen, die jedes Jahr neu gepflanzt werden wie die Kartoffel“, erläutert Friedrich Amme, während er das Bewässerungsprogramm startet. Gut eine Minute später hat sich genügend Druck aufgebaut und ein Wasserstrahl schießt heraus. Das Ganze sieht aus wie ein großer Rasensprenger. Doch Friedrich Ammes Arbeit an dieser Stelle ist noch nicht getan. Sorgsam justiert er den Ausrichtungswinkel der Spritze. „Das Gerät bewässert beidseitig der Fahrgasse eine Fläche von jeweils 40,5 Metern. Wir achten sehr darauf, dass kein Quadratmeter doppelt benetzt wird“, erläutert er. Wichtig sei es außerdem, dass Passanten oder Autofahrer auf angrenzenden Straßen nicht durch Spritzwasser belästigt oder behindert würden. „Das kann sonst schon mal Ärger geben.“

Trommel oder Tröpfchen – eine Frage der Kultur

Punktgenauer und sparsamer als die Trommelbewässerung ist die sogenannte Tröpfchenbewässerung. Dazu wird ein daumendicker, schwarzer Plastikschlauch auf dem Boden verlegt. Kleine Löcher im Schlauch sorgen dafür, dass die Wurzeln der Pflanzen direkt bewässert werden. Wäre das nicht auch eine Bewässerungs-Alternative für den Kartoffelacker? „Tröpfchenbewässerung eignet sich nur für Dauer- oder Sonderkulturen wie Heidelbeeren, Erdbeeren oder auch Spargel, deren Pflanzen mehrere Jahre lang stehen“, so Friedrich Amme. „Als Landwirt hat man dann anfangs zwar einen größeren Material- und Arbeitsaufwand, aber das amortisiert sich schnell. Die Verdunstung bei dieser Form der Bewässerung ist deutlich geringer als bei der Trommelberegnung – und man kann den Pflanzen über das System auch gezielt Nährstoffe zuleiten.“

Kein Schaden für das Grundwasser

Doch ob Trommel- oder Tröpfchenbewässerung – eine naheliegende Frage bleibt immer noch unbeantwortet: Schädigen die Bewässerungsmaßnahmen der Landwirtschaft das Grundwasser? Friedrich Amme winkt ab: „Der Anteil der Landwirtschaft am Gesamtwasserverbrauch ist verschwindend gering. Er beträgt lediglich 0,25 Prozent“, sagt er und ergänzt: „Messungen hier in der Gegend haben außerdem ergeben, dass der Grundwasserspiegel in den vergangenen 30 Jahren recht konstant geblieben ist. Auch eine Versalzung der Böden durch Beregnung kommt hierzulande nicht vor. Wir verwenden ja ausschließlich Grundwasser mit Trinkwasserqualität.“

Prüfend betrachtet Friedrich Amme noch einmal die Wasserfontäne, die sich vom Ende des Ackers sehr langsam in Richtung Hydrant bewegt. Die Trommel zieht den Schlauch computergesteuert wieder ein. Rund zwanzig Stunden wird es dauern bis die Spritze am Brunnen angelangt ist und das Gerät sich automatisch wieder ausschaltet. Friedrich Amme hingegen zieht es zurück auf seinen Hof. Denn nicht nur auf dem Kartoffelacker wartet heute noch jede Menge Arbeit auf ihn. Die Erntemaschinen müssen gewartet werden und auch die Büroarbeit erledigt sich nicht von allein. Als Landwirt hat man halt immer viel zu tun – ganz gleich, ob es regnet oder nicht.