„Guten Morgen!“ An der Begrüßung von Carola Bock ist nichts Ungewöhnliches, wäre es nicht bereits später Nachmittag. Genauer gesagt ist es 16 Uhr und die Restaurant-Managerin hat alle Hände voll zu tun. Sie weist Gäste an die Tische, vertröstet Wartende und hat auch sonst alles im Blick. Zum Glück, denn im Benedict, Berlin-Charlottenburgs neuestem gastronomischen Import aus Tel Aviv, ist die Hölle los.

Junge Berliner, Familien und auch ältere Paare sitzen an dunkelbraunen Holztischen auf Sofas oder Eckbänken und – frühstücken. Eggs Benedict, Banana-Pancakes, Avocado-Bagel, Baked Beans, Kaffee und frischgepresste Säfte werden von jungen Kellnern in Jeans-Schürzen zu den Tischen getragen. Frühstück am Nachmittag? Na sicher. „Sei es nun nach Mitternacht oder am Nachmittag, unser Frühstück ist ein perfekter Start in Ihren Tag oder Ihre Nacht“, so bewirbt das Benedict das 24/7-Frühstück auf seiner Webseite. Noch schließt es zwischen 23 und 7 Uhr. Aber nur noch so lange, bis die Berliner Inhaber genügend Personal und Struktur in den Laden gebracht haben. In Tel Aviv sind die Benedicts bereits eine Institution. Fünf Filialen sind seit dem Startschuss 2007 entstanden, die sechste nun in Berlin.

Für jeden Geschmack etwas

Wie kommt man auf die verrückte Idee, rund um die Uhr Frühstück anzubieten? Die Gründer des Benedict, Yair Kindler und Itay Pshigoda, sind Gastronomen. Nachtschichten gehören für sie zur Tagesordnung und folglich auch, die Frühstückszeiten zu verschlafen. Zusammen mit zwei Freunden fanden sie eine Lösung für das Problem: ein 24-Stunden-Frühstücksrestaurant, in dem sie einzigartige Kreationen aus verschiedenen Teilen der Welt anbieten. Ein Frühstück für jeden Geschmack. Aus der Idee erwuchs schnell ein erfolgreiches Konzept, das sich auch hervorragend zum Kettenkonzept ausbauen ließ.

Wer beim Benedict an ein typisches Schnellrestaurant denkt, irrt. Es gehört vielmehr in die Kategorie „gehobene Gastronomie“. Das lässt sich auch an der Einrichtung erkennen! Designer würden sie wohl als „Industrial Chic“ bezeichnen: Die Wände zieren hier florale Tapetenbahnen und dort weiße, glänzende Kacheln. Die Decken sind mit goldenem Stuck und etlichen Glühbirnen versehen. Letztere tauchen den L-förmigen Raum in ein warmes Licht. Es duftet nach frischen Brötchen, die aus der hauseigenen Bäckerei kommen und warm und dampfend serviert werden. Das Benedict ist ein Restaurant, das im hippen Stadtteil Berlin-Mitte neben veganen Boutiquen und Smoothie-Bars locker bestehen könnte.

Frühstücksvielfalt in der Berliner City-West

Warum also ausgerechnet Charlottenburg? Denn in der Berliner City-West gibt es weder eine belebte Clubszene noch viel Laufkundschaft. „Wir wollten ein Familienrestaurant erschaffen. Das hat die Gegend hier gebraucht und gut angenommen“, sagt Carola Bock. „Sehr viele Nachbarn kommen und auch Hotelgäste frühstücken hier. Einige reisen auch aus Neukölln oder Kreuzberg an, weil sie das Benedict auf Instagram oder Facebook entdeckt haben“, ergänzt Bock und fügt hinzu, dass das Restaurant bereits zahlreiche Stammkunden verzeichnen kann, denn die Berliner lieben die neuen Kreationen des Benedict. Diese haben die Gründer eigens für den neuen Standort geschaffen. Eisbeinstulle etwa. Aber auch nach dem israelischen Frühstücksklassiker Shakshuka, pochierte Eier in Tomatensauce, wird gern gefragt.

Wir bestellen den Klassiker: Eggs Benedict auf Brioche. Die Variation mit Rahmspinat macht auch als Abendessen große Freude. Sie schmeckt würzig, die Brioche ist knusprig, aus dem pochierten Ei fließt Eigelb, als wir es aufstechen. Perfekt also und so sättigend, dass die eigentlich eingeplanten Mini-Pancakes als Dessert leider gestrichen werden müssen. Auch der Avocado-Bagel, der wegen des üppigen Belags in zwei Hälften kommt, schmeckt. Das Rührei kommt so schön fluffig daher. Gern würden wir das Rezept wissen.

Im Berliner Benedict ist einiges anders als bei seinen Restaurant-Geschwistern in und um Tel Aviv. Zum Beispiel die Auswahl der Lebensmittel: „Wir beziehen die meisten Lebensmittel, wie Eier und Milch, von regionalen Anbietern. Ein exotischer Obstsalat, wie wir ihn in Israel anbieten, ist hier gar nicht machbar, da die Lieferwege und Obstsorten sich deutlich von denen in Israel unterscheiden“, erklärt Bock und fügt ehrlich hinzu, „zumindest nicht für den selben Preis.“ Zu fast jedem Gericht im Benedict wird ein Salat gereicht. Ein Hit bei den Israelis, in Berlin ist es eher gewöhnungsbedürftig. „Einiges muss noch an Berliner Essgewohnheiten angepasst und ausgereift werden“, sagt Bock, dreht sich um und ruft den eintretenden Gästen ein fröhliches „Guten Morgen“ entgegen. Es ist 18:30 Uhr, als wir das Benedict verlassen. Die perfekte Zeit also, um gestärkt in den Abend zu starten.