Es ist wieder so weit. Landwirt Hans-Eggert Rohwer wählt auf seinem Smartphone die Nummer von Kollege Thies Otte: „Moin, das Güllelager ist fast voll, wann kannst du vorbeikommen?“ Zwei Tage später macht sich ein Schlepper auf die Reise und hält nach neun Kilometern direkt vor Rohwers Kuhstall auf dem Hof Neuhörn. Hier ruht das Rohmaterial, aus dem wertvoller Ökostrom entsteht: die Gülle. Die Pumpe des Wagens fördert die wertvolle Fracht in ein riesiges, 20 Kubikmeter großes Fass. „Ich darf nur eine bestimmte Menge Gülle auf die Felder bringen. Den Rest, rund 300 dieser Ladungen, gebe ich jedes Jahr ab, damit daraus in der Biogasanlage Strom entsteht“, erklärt Rohwer. Nach fünf Minuten ist der rollende Tank gut gefüllt. Der Schlepper rumpelt vom Hof. Nächster Stopp: Biogasanlage.

 

Wichtiger Baustein im Energiemix der Zukunft

Für das Gelingen der Energiewende ist die Abkehr von fossilen Energieträgern wie Öl von entscheidender Bedeutung. Aktuell liegt Biomasse bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Deutschland auf dem zweiten Platz – hinter Windkraft und vor Fotovoltaik (Quelle Statista). Mit ihrer Kooperation tragen die beiden Landwirte zum nachhaltigen Energiemix der Zukunft bei. „Es ist kein Geheimnis, dass bei der Lebensmittelproduktion auch Treibhausgase entstehen. Wir achten jedoch sehr genau auf eine ausgeglichene Klimabilanz“, sagt der Landwirt. „Mithilfe moderner Technik, der Nutzung von erneuerbaren Energien und abgestimmten Prozessen können wir die Rahmenbedingungen so verändern, dass wir Ressourcen sehr effizient nutzen – und damit zu mehr Umweltschutz beitragen.“

Kuh-Kooperation unter Kollegen

Hans-Eggert Rohwer hat dafür mit seinem Kollegen Thies Otte den optimalen Partner gefunden. Dieser besitzt seit zwölf Jahren eine Biogasanlage – und 170 Kühe. Deren Gülle reicht jedoch nicht aus, um die Anlage voll auszulasten. Dafür wären rund 800 Kühe notwendig. Als die beiden Bauern voneinander hörten, traf Gülle-Überangebot auf -Nachfrage. Verträge wurden unterzeichnet, der Deal stand. Seit 2010 stellt Rohwer die nicht benötigte Gülle seiner Kühe Otte zur Verfügung, der sie in seiner Biogasanlage zu Ökostrom verarbeitet. Die Gärreste kommen anschließend auf seine Felder. Mais und Getreide profitieren von den wertvollen Nährstoffen. Ein nachhaltiger Kreislauf dank der Kooperation der beiden Landwirte.

 

„Nutzen, was da ist“

Diese natürlichen Verwertungsketten würde Hans-Eggert Rohwer gern noch stärker nutzen. Dem stehen jedoch Gesetze wie die Düngemittelverordnung entgegen. Das führt zu der Situation, dass er seinen eigenen Dünger in Form von Gülle abgeben muss, um diesen als Mineraldünger wieder zu kaufen. „Natürlich wäre es für uns einfacher, wenn wir mehr natürlichen Dünger unserer eigenen Kühe nutzen könnten und weniger zukaufen müssten“, sagt der Landwirt. Denn funktionierende Kreisläufe wie diese sind Kern der Unternehmensphilosophie auf Hof Neuhörn. Das Ziel ist ein CO2-neutraler Hof. Dem kommt der Landwirt mittlerweile schon sehr nahe. So produziert er pro Jahr rund 600.000 Kilowatt Strom mit der Fotovoltaikanlage, die sich auf dem Dach seines Kuhstalls befindet. Eine Rechnung, wie hoch der CO2-Fußabdruck seines Betriebs ist, führt er gerade mit der Kammer Niedersachsen durch. „Wir sind auf die Ergebnisse gespannt. Momentan sieht es so aus, dass wir klimaneutral arbeiten“. Für Rohwer geht es darum, Wege zu finden, um das zu nutzen, was bereits da ist: Ganz egal ob es sich wie bei seiner Fotovoltaikanlage um Sonnenenergie oder „Gülleenergie“ handelt.

 

Gülle ist nicht gleich Gülle

Auch bei der tierischen Energiequelle haben sich im Laufe der Zeit neue Erkenntnisse herauskristallisiert: Gülle ist eben nicht gleich Gülle. „Wir wissen heute, dass sich Ausscheidungen von Schweinen nicht so gut eignen. Rindergülle, insbesondere von milchgebenden Kühen, ist deutlich energiereicher, da sie den meisten Stoffumsatz haben“, sagt Hans-Eggert Rohwer. Zudem empfiehlt es sich, die Fäkalien relativ frisch zu verarbeiten – also etwa alle drei Wochen für die Biogasanlage abholen zu lassen. Natürlich nur dann, wenn die eigenen Flächen zu klein sind, um die Gülle vollständig auf die eigenen Felder zu bringen. „Wenn alle Parameter stimmen, kann es sinnvoll sein, selbst eine Biogasanlage zu betreiben“, sagt Rohwer. „Die Gülle im eigenen Betrieb zu Ökostrom zu verarbeiten garantiert zusätzliche Einnahmen. Und die verbleibenden Gärreste kommen als wertvolle Nährstoffe zurück auf die Felder.“

Wie funktioniert eine Biogasanlage?
Biogasanlage
 

Strom für 105 Familien

Für Hans-Eggert Rohwer ist die Kooperation mit Thies Otte derzeit die beste Lösung. Der Strom, der in der Biogasanlage aus der Gülle seiner Kühe entsteht, reicht aus, um den Jahresbedarf von rund 105 Vierpersonenhaushalten zu decken. Aus einem Abfallprodukt wird so ein wertvoller Energielieferant. Ein nachhaltiges Modell ganz nach dem Geschmack von Milchbauer Hans-Eggert Rohwer.  

Strom für 105 Familien
Strom Biogasanlagen