Er könnte es so schön ruhig haben. Die Söhne sind schon lange aus dem Haus und führen ihr eigenes Leben. Er könnte im Garten sitzen. Mit seiner Frau. Und einfach auf den großen Teich schauen, in dem goldschimmernde Zierfische gemächlich ihre Runden ziehen. Aber Dr. Günther Scheibe zieht es vor, anderen Fischen zuzuschauen. Afrikanischen Welsen, um genau zu sein. Dafür tauscht der 70-Jährige sogar freiwillig seinen eigentlich schon längst wohlverdienten Ruhestand gegen eine 50-Stunden-Arbeitswoche ein.

Günther Scheibe leitet in Mecklenburg-Vorpommern die PAL Anlagenbau GmbH mit 25 Angestellten, die moderne Ställe für Schweine, Rinder, Hühner baut – und seit einigen Jahren auch Anlagen für Fische. Vor allem Letztere haben in der vergangenen Zeit Günther Scheibes Ehrgeiz geweckt. Denn hier geht es nicht einfach nur darum, Fische zu züchten, sondern vielmehr um eine zukunftsweisende Methode der nachhaltigen und rentablen Fischproduktion abseits von offenen Gewässern. Zwölf Kilometer südwestlich von Stralsund, im beschaulichen Ort Abtshagen, ist im Rahmen eines EU-Projekts eine Pilotanlage entstanden, in die nicht nur Günther Scheibe viel Hoffnung setzt. „Aquaponik“ heißt das System, das hier so lange getestet und verbessert werden soll, bis alle Abläufe skalierbar sind.

Fisch- und Pflanzenzucht in einem

Wie der Name schon andeutet, geht es bei Aquaponik um die Verknüpfung zweier Disziplinen: „Aquakultur“, also Fischzucht, und bodenfreie Pflanzenzucht, „Hydroponik“, werden in einem ausgeklügelten, geschlossenen Stoffkreislauf miteinander kombiniert. Und das geht so: Fische wachsen in Becken heran. Ihre Ausscheidungen und Futterreste gelangen in das Wasser, das zunächst mechanisch, dann biologisch gereinigt wird. Das Fischwasser wiederum enthält Ammonium, das Bakterien dann in Nitrat umwandeln. Anschließend werden dem Wasser weitere Mineralstoffe zugesetzt und voilà – fertig ist die optimale Nährflüssigkeit für Pflanzen, die schließlich in ein Gewächshaus geleitet wird. In Abtshagen wächst ein kleiner Urwald von Tomatenpflanzen, die nach rund 300 Tagen bis zu vier Meter in die Höhe ragen. Und das ganz ohne festen Nährboden. Denn ihre weißen, langen Wurzeln hängen in einer Rinne, durch die das Fischwasser strömt. Beheizt wird das Wasser mit der Abwärme aus Biogasanlagen.

Aber schmecken die Tomaten dann nicht nach Fisch? Günther Scheibe lacht laut und herzlich. „Die Frage ist berechtigt und wird oft gestellt“, sagt er. „Wir haben Untersuchungen durchgeführt, die belegen, dass sich unsere Tomaten geschmacklich nicht von anderen unterscheiden.“ Auch die Zahlen der Anlage überzeugen: Mit 50 Liter Wasser lassen sich zwei Kilogramm Tomaten und ein Kilogramm Fisch produzieren. Eine Rechnung, die aufgeht: Im herkömmlichen Anbau würden dafür nicht nur 75 Prozent mehr Dünger, sondern auch die doppelte Wassermenge benötigt.

Fischzucht-Möglichkeit für die Landwirtschaft

Aquaponik nutzt Synergien sinnvoll. Das System ermöglicht es nachhaltig, umweltverträglich und in größerem Umfang Fisch und Gemüse zu produzieren – und das völlig standortunabhängig. Weltweit geschieht dies bereits in größeren kommerziellen wie in kleineren Anlagen. Auch in der Großstadt ist moderne Landwirtschaft damit machbar. In Berlin etwa betreibt die TopFarmers GmbH im Landschaftspark Herzberge eine Anlage, die in einem geschlossenen Kreislauf Tomaten, Salat und verschiedene Kräuter zusammen mit Welsen erzeugt und Märkte und Restaurants der Stadt beliefert. Naheliegend ist es auch, bereits bestehende Gewächshäuser aquaponisch aufzurüsten. Damit die Fischproduktion – abseits der großen Gewässer – auch für Landwirte eine lokale Einnahmequelle werden könnte.

„Fisch ist ein Zukunftsmarkt“, glaubt Günther Scheibe fest. Bislang handelt es sich allerdings bei dem begehrten Nahrungsmittel hierzulande meist um ein Import-Produkt. „Was die Boote aus der Ost- und Nordsee holen können, ist begrenzt. Wenn man in Deutschland regionalen Fisch essen möchte, bietet die Zucht auf dem Lande daher eine tolle Alternative“, sagt er.

Warum züchtet Günther Scheibe dann aber in seiner Anlage keine heimische Fischart, sondern ausgerechnet den Afrikanischen Wels? „Dieser Fisch ist für uns deshalb so geeignet, weil er es warm mag. Wir können zum Beheizen des Wassers die Abwärme von Biogasanlagen nutzen, die sonst häufig keine Verwendung findet.“ Außerdem wachse der Wels auf geringem Raum sehr schnell. „Momentan kommen in Deutschland jährlich 1.500 Tonnen Wels aus Kreislaufanlagen, die von unserer Firma errichtet wurden“, sagt Günther Scheibe nicht frei von Stolz. „Damit ist der Wels als Produkt auf dem deutschen Markt angekommen. Die hohe Kunst besteht jetzt darin, das Ganze so zu perfektionieren, dass man mit der Fischzucht auf dem Lande auch Geld verdient.“

Aquaponik

Von Idealismus allein kann man nicht leben

Nur wenn sie wirtschaftlich interessant sind, werden sich Aquaponik-Anlagen langfristig durchsetzen können. Der Ansatz hinter dem System fasziniert den Kaufmann in Günther Scheibe ebenso wie den Idealisten: „Die Weltbevölkerung wächst, aber Ackerflächen werden eher weniger. Mit dieser Art der Landwirtschaft machen wir uns vom Faktor Boden vollkommen unabhängig – das ist das wirklich Interessante daran“, erklärt er.

Das Prinzip ist so simpel und genial, dass man sich unweigerlich fragt, warum sich Aquaponik in Deutschland noch nicht stärker durchgesetzt hat. „Bei Fisch müssen sich die Produzenten selbst um die Vermarktung kümmern “, erklärt Günther Scheibe. „Wir haben festgestellt, dass wir mit unseren Anlagen zugleich eine komplette Vertriebskette aufstellen müssen – von der Aufzucht der Fische über die Schlachtung bis hin zum Filet“, so Scheibe. „Erst als Filet hat der Fisch wieder Warenwert, wird zum handelsfähigen Produkt.“ Das heißt im Umkehrschluss: Sobald die derzeit noch fehlenden Vermarktungsstrukturen geschaffen sind, könnte es mit der Produktion von „Fisch frisch vom Bauern“ in größerem Maßstab losgehen.

Nach Ansicht von Günther Scheibe ist die Zeit bald schon reif für die breitflächige Anwendung von Aquaponik in Deutschland: „Ich bin fest davon überzeugt, dass das Prinzip funktionieren kann“, sagt der umtriebige 70-Jährige und beobachtet wieder fasziniert die Welse in seinem Becken. Die allerdings schwimmen ungerührt weiter.