Herr Prof. Dr. Kunzmann, worum geht es in der Tierethik eigentlich?

Einfach gesagt, geht es um die Verantwortung des Menschen gegenüber dem Tier. Und darum, über bestimmte moralische Maßstäbe nachzudenken. Sprich: Sind Mensch und Tier fundamental gleich oder unterschiedlich? Was schulden wir den Tieren? Sind wir dafür verantwortlich, dass sie glücklich sind, oder geht es lediglich darum, ihnen kein Leid zuzufügen? Oder auch: Warum darf ich ein Schwein anders behandeln als einen Hund?

 

Darf man ein Schwein denn anders behandeln als einen Hund?

Das Recht macht hier große Unterschiede. Ethisch ist es hingegen fraglich: Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten, seit wir uns ernsthaft mit Tieren befassen, stark vom Tier her gedacht – und da gibt es wenig relevante Unterschiede zwischen Schwein und Hund. Wir müssen aber auch bedenken, dass Menschen in verschiedenen Wirkungskreisen auf unterschiedliche Weise Verantwortung für Tiere tragen. In der Ethik nennt man das anthropo-relational, also „mit Bezug auf den Menschen“ denken.

 


Tierethik ist sein Spezialgebiet: Prof. Dr. Peter Kunzmann in seinem Büro. © Forum Moderne Landwirtschaft


 

Welches Verhältnis hat der Mensch heute zum Haustier und zum Nutztier?

Mittlerweile ist das Verhältnis stark gespalten. Haus- und Hobbytiere werden zunehmend vermenschlicht und erfüllen eine sogenannte Companion-Funktion. In den USA zum Beispiel machen mehr als 70 Prozent der Menschen ihren Haustieren zu Weihnachten Geschenke. Ich schätze, in Deutschland verhält sich das ähnlich. Nutztiere wiederum sind heute in der Welt vieler Menschen kaum noch präsent. Seit den 1970er-Jahren etwa haben immer weniger Menschen Erfahrungen mit Nutztieren und zeigen sich daher über deren Haltungsbedingungen oftmals schockiert. Zum Beispiel, wenn sie damit im Fernsehen konfrontiert werden.

 

Ist die Massentierhaltung deshalb für viele Verbraucher ein rotes Tuch?

Ja, eine Ursache liegt in der eben genannten Entfremdung. Eine weitere darin, dass Landwirtschaft zu einer Art Projektionsfläche der Antimoderne geworden ist. Das heißt, viele Verbraucher nehmen es den Bauern übel, wenn sie betriebswirtschaftlich arbeiten, sprich: technisch innovativ, effizient und standardisiert. Die Deutschen lieben Landwirtschaft, wenn sie klein und kuschelig ist.

 

Schließen Tierwohl und Massentierhaltung einander aus?

Nein, nicht unbedingt. „Du kannst auch zehn Kühe scheiße halten“, wie es letztens Grünen-Politiker Robert Habeck so schön sagte. Entscheidend ist die Betreuung und genau hinzugucken, was die Tiere brauchen. Bei Schweinen ist es beispielsweise wichtig, sie bei Laune zu halten und für ausreichend Spielzeug zu sorgen. Je mehr Tiere der Landwirt hält, desto zeitintensiver fällt die Betreuung aus.

 

Ihr persönlicher Eindruck: Wie geht es den Nutztieren in der Modernen Landwirtschaft?

Das vermag ich nicht zu beurteilen. Fest steht aber, dass die Landwirtschaft insbesondere im Nutztierbereich sehr starken Vorurteilen ausgesetzt ist. Unzweifelhaft kommen ausgesprochen schlechte Tierhaltungen vor. Es gibt aber auch Landwirte, die ihre Tiere besser behandeln, als viele glauben. Tierhaltung ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich professioneller geworden. Tierhalter verfügen über mehr wissenschaftliche Erkenntnisse und Know-how. Diese Professionalität konsequent und flächendeckend für ein sehr hohes Niveau von Tierwohl einzusetzen – darin sehe ich großes Potenzial.

 

 

 

 

Ständige Weiterbildung: Die Lektüre aktueller Fachliteratur gehört zum Alltag von Peter Kunzmann. © Forum Moderne Landwirtschaft

 

Kann mehr Tierwohl mittelfristig auch ökonomische Vorteile bringen?

Ja. Denn zum einen ist gute Tierhaltung leistungsfördernd: Eine Kuh gibt zum Beispiel mehr Milch, wenn sie sich wohlfühlt. Das ist wissenschaftlich dokumentiert. Zum anderen könnte bessere Tierhaltung auch besser entlohnt werden. Das zu realisieren ist jedoch nicht ganz einfach. Es gibt viele Ideen, die sich bislang aber nicht umsetzen ließen. Fest steht jedenfalls: Alle wollen, dass Tiere sich wohlfühlen. Das ist ein gesellschaftliches Ziel.

 

Wann ist Tierwohl denn erreicht?

Diese Frage lässt sich leider nicht so einfach beantworten, man kann Tiere ja nicht fragen. Es kann aber nicht das Ziel sein, Tieren „a permanent holiday“ zu bieten. Denn auch unter bester Haltung können sich Tiere nicht immerzu zu 100 Prozent wohlfühlen. Die sogenannten Five Freedoms – 1965 vom UK Farm Animal Welfare Council formuliert – sind jedoch ein guter Anhaltspunkt, wenn es um das Tierwohl geht. Diese fünf Freiheiten fordern, Tiere von Hunger und Durst freizuhalten, von Angst und Stress, von Krankheit und Verletzungen sowie von Unbehagen und ihnen das Ausleben normaler Verhaltensweisen zu ermöglichen. Wobei der letzte Punkt vor allem in der Nutztierhaltung nicht so einfach zu realisieren ist. Es ist schließlich umstritten, ob ein Tier leidet, wenn ihm vorenthalten wird, was es nicht kennt.

 

Was kann der Landwirt zum Tierwohl beitragen?

Die Landwirtschaft tut bereits sehr viel. Wie auf diese Branche zunehmend eingeprügelt wird, beobachte ich mit großem Unwohlsein. Das Bild vom schwarzen Schaf verschiebt sich zu einem Bild der schwarzen Branche. Dies unterläuft die Anstrengungen der vielen, die ernsthaft an Verbesserungen arbeiten. Um Tierwohl zu gewährleisten, muss der Landwirt permanent mit geschulten und wachen Augen auf seine Tiere achten. Die Formel lautet im Grunde: Höhere Betreuungsintensität ermöglicht mehr Tierwohl.

 

Und was kann der Verbraucher tun?

Er muss bereit sein, eine intensivere Betreuung zu honorieren. Da hapert es allerdings momentan noch. Es kann nicht sein, dass diejenigen Landwirte, die mehr für ihre Tiere tun, mit unzureichender Entlohnung bestraft werden.