Das Highlight von Thomas Domins Landwirtschaftskonzept im brandenburgischen Peickwitz steckt tief im Boden, beziehungsweise eben nicht. Am Rande seine Ackerflächen hat er Bäume gepflanzt. Das Gehölz benötigt keinen Dünger und fängt Schadstoffe auf wie ein Filter. Das Ergebnis: Seit er die Bäume hat, ist die Nitratbelastung im Wasser außerhalb der Felder beinahe auf null zurückgegangen.

Das ist nicht der einzige Vorteil von Thomas Baumstreifen: Bäume sind bekanntermaßen die ultimativen CO2-Speicher. Hasta la vista, Treibhauseffekt?! Die Bedingungen dafür auf immer knapper werdenden Flächen angesichts des Klimawandels immer widriger. Das haben in Deutschland die vergangenen beiden Hitzesommer mehr als deutlich gemacht.

Was also tun?

Thomas Domin sieht einen elementaren Baustein des Auswegs aus dem Dilemma in Agroforstwirtschaftssystemen wie seinem kombinierten Ackerbau-Gehölz-Konzept. Damit ist er nicht allein: „Fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Emissionen in Europa ließen sich mit Agroforstwirtschaft [der Kombination von Bäumen und Ackerbau] kompensieren”, heißt es in einer aktuellen Studie des EU-Projekts Agforward. Agroforstwirtschaft ist demnach Landnutzung im Doppelpck. Man könnte auch sagen: die Inklusion von Bäumen und Sträuchern in der Landwirtschaft.

Direkt hinter dem Hof von Thomas Domin beginnt der Baumstreifen. Pappeln, Erlen, Weiden und Robinien ragen in den an diesem Tag traumhaft sonnigen Himmel und werfen ihre Schatten auf den Boden, der  wild bewachsen ist. Hinter dem Baumstreifen: Feld. Insgesamt auf rund 300 Hektar baut der Landwirt Hafer, Roggen und Mais an.

Wenn früher ein heftiger Wind blies – und der bläst oft in dieser Gegend –, landete der halbe Acker zum Leid der Dorfbewohner und des Landwirts schonmal auf den umliegenden Straßen. Oder: an den Hausfassaden der Nachbarn.
Das liegt an den typischen Wetter- und Bodenbedingungen in weiten Teilen Brandenburgs: wenig Niederschläge gepaart mit sandigem Grund, der kaum Wasser speichert. Daher hat das Bundesland auch den Spitznamen: „Brandenburger Sandkiste”.

Wüste Brandenburg

Der Klimareport des Deutschen Wetterdienstes (DWD) rechnet in den kommenden Jahrzehnten mit weiteren Extremen. Das Land werde dramatisch an Wasser verlieren, schon jetzt ist die Versteppung in vollem Gange. Klima-Experten fordern dringend Gegenmaßnahmen, vor allem: mehr Laubbäume zu pflanzen. Thomas Domin, der sich selbst als “innovativer Landwirt” bezeichnet, ist längst dabei: 2015 hat er seine Feldbewirtschaftung in einem Pilotprojekt auf Agroforst umgestellt.

Wind in Brandenburg: Der Acker hält

Unzählige Bäume, verteilt auf zehn Baumstreifen, hat Domin in den vergangenen fünf Jahren gepflanzt. Seither bleibt der Acker, wo er hingehört: Die bis zu 300 Meter langen Gehölzstreifen sind entgegen der Hauptwindrichtung angelegt und fungieren als natürliche Barriere. Sie schützen zweifach vor Bodenerosion – oberhalb der Erde fangen sie den Wind ab (minus 90 Prozent), im Erdreich halten die Wurzeln den Boden zusammen.

Ein gutes Stück von Hof entfernt weiden Thomas Domins Rinder. Auch sie profitieren vom Agroforst: Zwei Baumstreifen mit Pappeln, Weiden und Erlen dienen als Witterungsschutz. Im Sommer spenden ihre Äste Schatten, bei nasskaltem Wetter schützen sie die Wiederkäuer vor unangenehmen Wind. 

Eine teure Angelegenheit

Je nach Baumart kostet die Bepflanzung zwischen zwei- und viereinhalbtausend Euro pro Hektar, eine staatliche Förderung gibt es nicht. Um zu zeigen, warum die Investition es ihm trotzdem wert ist, geht es zu einem der älteren Baumstreifen. Acht bis zehn Meter ragen die schnell wachsenden Pappeln gen Himmel, gepflanzt vor gerade einmal vier Jahren, daneben ein Bach, der gemächlich vor sich hinfließt.

Im Baumstreifen stehend fühlt es sich beinahe an wie im Wald. Der Boden dick mit Geäst und allerlei Pflanzen bedeckt, nur wenig Licht schafft es hierhin. „Ein Biologe, den ich zur Begutachtung eingeladen hatte, geriet bei diesem Anblick in Entzücken!”, erzählt Thomas Domin. „Der war überglücklich über das, was hier alles so kreucht und fleucht.” Womit wir bei Agroforst-Vorteil Nummer vier sind: die Förderung der Artenvielfalt. Insekten, Vögel, Wildtiere – für sie alle bieten die Bäume wertvollen Lebensraum und Rückzugsorte. Domin kann das bestätigen: „Sogar das Niederwild kommt zurück.“

Wo ist der Haken?

Auf die Frage, ob sich die Umstellung auf Agroforst auch finanziell lohne, reagiert der Landwirt mit einem Lachen: „Wenn ich die Umweltleistung monetarisieren könnte, würde sich das immer lohnen.” Gerade in den ersten Jahren ist Agroforstwirtschaft durch den Mehraufwand mit enormen Kosten verbunden, eine Förderung gibt es in Deutschland im Gegensatz zu beispielsweise der Schweiz nicht. Und dass, obwohl eine entsprechende EU-Richtlinie existiert. Damit sich das ändert und mehr Landwirte mitmachen, wurde 2019 der „Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft”, kurz „-DeFAF-“ gegründet. Selbstverständlich ist Thomas Domin im Vorstand.

Die Umweltvorteile wirken sich langfristig positiv auf die Ernteerträge aus. So ist der Schädlingsdruck durch die gesteigerte Artenvielfalt geringer, es muss weniger gedüngt werden, und das veränderte Mikroklima auf der bewirtschafteten Fläche sorgt dafür, dass die Feldfrüchte extremeren Wetterbedingungen besser standhalten können. Ab dem zweiten Jahr konnte Domin höhere Hafererträge einfahren als ohne Baumstreifen.

Zum anderen dient Agroforstwirtschaft einem doppelten Zweck: Sie bringt Mehrwert für Boden und Umwelt und liefert Holz. Wie der Landwirt diesen nchwachsenden Rohstoff fortan verwerten will, darüber ist er sich noch nicht ganz sicher. Eine gute Idee gibt es freilich: Pappeln eignen sich nämlich ausgezeichnet für allergikerfreundliche Kissen- und Deckenfüllungen. Selbstverständlich ist der Innovationslandwirt an der Sache dran …

Agroforstwirtschaft für alle?

Trotz der vielen Vorteile kommt Domins Überzeugung nicht immer gut an. “Anfangs hieß es oft "Ach ihr mit eurem neumodischen Zeug, das will doch keiner!” , erzählt er. - Doch er ist nicht der Typ, der sich von pessimistischen Kommentaren demotivieren lässt: - „Ich hoffe, dass ich die Leute überzeugen kann!”, sagt er voller Optimismus. Für Thomas Domin ist klar: Sein Agroforstsystem ist ein Modell für die Zukunft.