Dr. Kukowski, seit 1999 kooperiert Hamburg Wasser in ausgewiesenen Hamburger Wasserschutzgebieten aktiv mit der Landwirtschaft und dem Gartenbau. Was genau hat Trinkwasser mit der Landwirtschaft zu tun?
Wasser- und Landwirtschaft agieren oft am selben Ort, auch wenn dies auf den ersten Blick für einen Stadtstaat wie Hamburg ungewöhnlich erscheint. Im Wasserschutzgebiet Curslack/Altengamme zum Beispiel wird sehr viel Landwirtschaft und Gartenbau betrieben. In diesem Areal fördert aber auch Hamburgs größtes Wasserwerk. Grundwasserneubildung erfordert freie, nicht versiegelte Flächen. Das Grundwasser, das sich auf diesen Flächen bildet und in die von uns genutzten, sogenannten Grundwasserleiter gelangt, weist daher zum Teil Inhaltsstoffe aus der Bewirtschaftung auf, beispielsweise Nitrat. Das kann die Eignung der Ressource Grundwasser für die Trinkwasserproduktion nachteilig beeinflussen.

Welche Kooperationen existieren aktuell?
Vorbeugende Kooperationen zum Grundwasserschutz bestehen mit dem Bauernverband Hamburg und dem Gartenbauverband Nord. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen gibt es vergleichbare Angebote und Beratungsmodelle. Ziel dieser Beratung ist es, die natürliche Ressource Grundwasser so wenig wie möglich zu belasten. Es geht vor allem darum, den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren.

Woher kommt eigentlich das Hamburger Trinkwasser?
Hamburg Wasser nutzt ausschließlich Grundwasser für die Trinkwasserversorgung. Es wird in einem Kreislauf kontinuierlich neu gebildet: Das Regenwasser sickert durch die Böden und sammelt sich im Grundwasserleiter. In Norddeutschland gibt es davon verschiedene. Manche befinden sich nah an der Oberfläche, andere beginnen erst in größerer Tiefe. Sie sind ergiebig genug, um die Trinkwasserproduktion zu gewährleisten.

Frau Kohnke-Bruns, Sie sind Wasserschutzgebietsberaterin bei der Landwirtschaftskammer Hamburg. Was genau ist Ihre Aufgabe?
Ich versuche, eine Win-win-Situation zwischen der Landwirtschaft, dem Gartenbau und der Grundwassergewinnung zu schaffen. Ich bin also eine Vermittlerin zwischen beiden Interessenslagen. Das ist eine Aufgabe, bei der man oft zwischen den Stühlen sitzt. Ich berate ausschließlich landwirtschaftliche und gärtnerische Betriebe, die in ausgewiesenen Wasserschutzgebieten angesiedelt sind. In Gesprächen versuche ich, Landwirte und Gärtner davon zu überzeugen, dass sie über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus Maßnahmen anwenden, die dem Grundwasserschutz dienen. Sämtliche Betriebe erhalten jedes Jahr von mir ein Rundschreiben, das Maßnahmen auflistet, die wir anbieten und bei denen sie freiwillig mitmachen können. Die Sensibilisierung für den Gewässerschutz erfordert eine kontinuierliche persönliche Beratungstätigkeit.

Zum Beispiel?
Stickstoffbestimmungen im Boden und vegetationsbegleitende Analysen. Da sagen viele Betriebsleiter: „Da mache ich gerne mit.“ Mit den Analysewerten sind einzelbetriebliche Nährstoffbedarfe zu berechnen, die zu einer Reduktion des Düngemitteleinsatzes führen können.


Frau Kohnke-Bruns
Gesa Kohnke-Bruns arbeitet als Wasserschutzgebietsberaterin bei der Landwirtschaftskammer Hamburg. © Hamburg Wasser


Herr Kukowski, hohe Nitratbelastungen im Trinkwasser werden in den Medien häufig auf intensive Landwirtschaft zurückgeführt. Gibt es in Hamburg erhöhte Nitratwerte im Wasser?
Nein, das von uns gewonnene Grundwasser unterschreitet den Nitrat-Grenzwert der Trinkwasserverordnung von 50 Milligramm pro Liter deutlich. Es ist daher nachweislich für den lebenslangen Genuss geeignet. Die Grundwasserleiter in der Region Hamburg enthalten Minerale und zum Teil organischen Kohlenstoff. Verschiedene Mikroorganismen im Boden und im Grundwasser nutzen diese Stoffe. Sie sorgen mit dafür, dass ins Grundwasser gelangtes Nitrat in Ammonium oder gelöstes Stickstoffgas umgewandelt wird. Allerdings ist dieser Prozess endlich, denn die dafür erforderlichen Minerale und organischen Stoffe brauchen sich langsam auf. Deshalb gilt es, die Nitratausträge aus der Flächenbewirtschaftung zu minimieren.

Wie will Hamburg Wasser das sicherstellen?
Hamburg Wasser teilt die Forderungen anderer Wasserversorger: Um die Trinkwasserqualität in Deutschland nicht zu gefährden, sind strengere Vorschriften nötig. Nur so kann in landwirtschaftlich geprägten Regionen die Einhaltung der Nitrat-Grenzwerte im Grundwasser langfristig sichergestellt werden.

Frau Kohnke-Bruns, gibt es vorbeugende Maßnahmen gegen erhöhte Nitratbelastungen? Zum Beispiel beim Düngen?
Ja, die gibt es. Pflanzen brauchen den im Nitrat gebundenen Stickstoff, um zu wachsen. Teilweise ist er im Boden vorhanden. Diese Menge deckt aber nicht den gesamten Bedarf während der Vegetation ab. Deswegen düngen Landwirte ihre Pflanzen zusätzlich mit Mineral- oder Wirtschaftsdünger wie Mist oder Gülle. Wie viel sie ausbringen, ist u. a. abhängig von der Ertragserwartung, die sie von der Kultur auf der Fläche haben. Wir wollen vermeiden, dass Landwirte zu viel Stickstoff ausbringen. Ich unterstütze die Betriebe, indem ich beispielsweise im Frühjahr Bodenproben nehme und dann berechne, wie viele Nährstoffe bzw. wie viel Dünger die Pflanzen bis zur Ernte noch brauchen. Auch während der Vegetationszeit messen wir, ob die Kulturen ausreichend mit Stickstoff versorgt sind oder nicht. Die Entwicklung der Pflanzen und die Erntemengen hängen immer von der Witterung ab, sodass jedes Jahr unterschiedlich nachgedüngt werden muss.

Herr Kukowski, in welchen Bereichen unterstützen Sie die Landwirte?
Nehmen wir ein oft praktiziertes Beispiel aus der Kooperation Nordheide in Niedersachsen, in der wir ebenfalls maßgeblich mitwirken: Die Berater dort schließen mit den Landwirten vom Land Niedersachsen finanzierte Vereinbarungen ab, die dem Grundwasserschutz dienen – beispielsweise zum Zwischenfruchtanbau. Damit soll vermieden werden, dass im Winter bei brachliegenden Flächen Nitrat ins Grundwasser ausgewaschen wird, weil keine Pflanzen vorhanden sind, die den Stickstoff verwerten. Der Mehraufwand für den Zwischenfruchtanbau wird finanziell ausgeglichen.

Frau Kohnke-Bruns, kann das in der Praxis immer umgesetzt werden?
Ich ermutige die Betriebe immer zum Zwischenfruchtanbau. In diesem Jahr wird das leider besonders schwierig werden. Durch die starken Regenfälle haben die Landwirte Probleme, ihre Felder rechtzeitig zu beernten. Die nächste Aussaat wird sich dadurch nach hinten verschieben und es bleibt kaum Zeit für den Zwischenfruchtanbau. Im kommenden Jahr werden die Witterungsverhältnisse hoffentlich wieder günstiger sein.

Herr Kukowki, wird es auch in Zukunft noch sauberes Trinkwasser in Hamburg geben?
Davon gehe ich aus!

Und was meinen Sie, Frau Kohnke-Bruns?
Ja, denn das Bewusstsein für den Gewässerschutz und das Grundwasser nimmt zu. Wir alle leben davon – und zwar Landwirte und Gärtner genauso wie der Endverbraucher in der Stadt.

Hermann Kukowski

Dr. Hermann Kukowski ist Experte für Grundwasserschutz und Landwirtschaft bei Hamburg Wasser. © Hamburg Wasser