Wenn von „Bienen“ gesprochen wird, denken die meisten von uns vor allem an die Honigbiene. Wildbienen spielen im Bewusstsein der Menschen kaum eine Rolle. Würden Sie uns die Wildbiene kurz vorstellen?

In Deutschland gibt es etwa 600 verschiedene Wildbienenarten. Der größte Unterschied zur Honigbiene besteht darin, dass Honigbienen in mehrjährigen Völkern sozial leben, während fast alle Wildbienenarten eine solitäre Lebensweise besitzen. Solitär bedeutet, dass ein Weibchen ein Nest anlegt, zum Beispiel in einem Erdloch, Pollen und Nektar einträgt, und ein Ei dazulegt. Danach verschließt das Bienenweibchen das Nest und die Larve entwickelt sich von allein, während das Bienenweibchen ein neues Nest oder eine neue Brutzelle anlegt. Unter den Wildbienen gibt es nur wenige sozial lebende Arten, zum Beispiel die Hummeln. Sie bilden wie die Honigbiene ebenfalls Staaten, allerdings nur einjährige.

 

Welche Aufgaben erfüllen Wildbienen in ökologischer Hinsicht?

Wildbienen sind vor allem wegen ihrer Bestäubungsleistung wichtig für das Ökosystem. Etwa 30 Prozent aller Arten sind auf bestimmte Pflanzenarten, -gattungen oder -familien spezialisiert und sammeln nur bei diesen Pollen. Im Verlaufe der Evolution haben sich bestimmte Blüten auch an bestimmte Wildbienen angepasst. Die einen können nicht ohne die anderen überleben. Diese Ko-Evolution bedeutet: Verschwindet diese Bienenart, wird auch die entsprechende Pflanze nicht überleben oder bedeutend weniger werden – und umgekehrt. Um es auf den Punkt zu bringen: Wildbienen sind zur Erhaltung der Artenvielfalt bei den Pflanzen unverzichtbar.

 

Und welche Bedeutung haben sie für die Landwirtschaft?

Für die Landwirtschaft, etwa im Raps- oder Getreideanbau, spielt die Bestäubung durch Wildbienen eine untergeordnete Rolle. Anders ist das zum Beispiel beim Obstanbau. Dennoch vertrete ich die Meinung, dass die Wildbiene ganz unabhängig von ihrem Nutzen für uns um ihrer selbst willen schützenswert ist. Es geht hier um Artenvielfalt im Tier- und Pflanzenreich, um Naturschutz und unsere moralische Pflicht als Gesellschaft, die Artenvielfalt zu erhalten.

 

Was hat den Wildbienen in den vergangenen Jahren besonders zugesetzt?

Wildbienen sind stark gefährdet, weil ihr Lebensraum immer weiter schwindet. Sie haben spezielle Anforderungen an das Nahrungsangebot ebenso wie an Nistmöglichkeiten. Beide müssen in einem für die Wildbiene erreichbaren Radius vorhanden sein. Diese müssen also ein reichhaltiges Blütenangebot besitzen. Außerdem werden Ackerrandstreifen oder Säume benötigt, in denen sich Unkräuter entwickeln können. Viele Wildbienenarten nisten im Boden, andere brauchen senkrechte Abbruchkanten, Altholz oder Schneckenhäuser.

Überbauungen und Flächenversiegelungen stellen eine Gefahr für die Wildbienen dar. Die Veränderung der Landschaft ist es, die den Wildbienen so enorm zu schaffen macht, weil reich strukturierte Habitate immer weniger werden.

 

Wie stark wurden die Wildbienen bereits dezimiert? Und wie lauten die Prognosen?

Die Hälfte alle 600 Wildbienenarten stehen leider mittlerweile auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, die von Experten etwa alle zehn Jahre erstellt wird. Rund zehn Prozent der deutschen Arten sind bereits ausgestorben. Vergleicht man die aktuellen Daten mit denen vorhergehender Erhebungen, stellt man fest, dass dieser Prozess nicht nur weiter voranschreitet, sondern sich auch beschleunigt.

 

Und das trotz all der Maßnahmen, die bereits ergriffen werden?

Ja, leider. Alle Anstrengungen von Politik, Gemeinden und Privatinitiativen reichen noch nicht aus. Es gibt natürlich viele Lichtblicke, zum Beispiel bei der Ausweisung und Pflege von Naturschutzgebieten. Die Flächen dieser Naturschutzgebiete genügen jedoch nicht, um sämtliche  Arten zu erhalten. Die meisten Bienen leben in der offenen Agrar- und Kulturlandschaft und dort geht es ihnen zunehmend schlechter.

 

Welche Maßnahmen werden von Politik und Gemeinden getroffen, um die prekäre Lage der Wildbiene zu verbessern?

Zum einen gibt es das Greening, das die Politik den Landwirten im Rahmen der letzten Agrarreform verordnet hat. Leider ist das Greening sehr kompliziert ausgestaltet und verfehlt nach bisherigen Beobachtungen seinen Zweck. Das Eh-da-Projekt beispielsweise wendet sich an Kommunen. Hier werden Gemeindeflächen ökologisch so aufgewertet, dass sie für Wildbienen als Lebensräume wieder nutzbar sind. Rund 90 Gemeinden in Deutschland sind mittlerweile an Bord. In anderen Gemeinden sprechen wir allerdings immer noch mit Straßenämtern, die ihre Rasenflächen teilweise sehr oft mähen und die Wiesen damit kurz und blütenlos halten. Damit sind diese für Bienen vollkommen wertlos.

 

Was kann jeder Einzelne im Garten oder auf dem Balkon tun, um zum Erhalt der Wildbienen beizutragen?

Wildbienenschutz im eigenen Garten ist ein ganz wichtiger Punkt und mir ein großes Anliegen. In Gärten und auf Balkonen lassen sich Wildbienen mit einfachen Mitteln unterstützen. Schon ein Streifen Rasen, den man weniger mäht oder eine Ecke, in der ein paar Äste gestapelt liegen bleiben, hilft. Saatmischungen mit heimischen Wildpflanzen geben Wildbienen Nahrung und Wildbienenhotels schaffen Nistmöglichkeiten. Mit solchen kleinen Maßnahmen kann man Wildbienen im eigenen Garten willkommen heißen.

 

Haben Sie unter den vielen Arten eine persönliche Lieblingswildbiene?

Ja, die habe ich in der Tat. Mich begeistert besonders die Buntbiene. Sie ist mit ihrem gelben Gesicht nicht nur besonders hübsch anzusehen, sondern sie kommt auch nur in einer ganz bestimmten Gegend in Deutschland vor, nämlich bei Halle in Sachsen-Anhalt. Sie kann nur in salzigen Böden nisten und ernährt ihre Larven mit Pollen von Flockenblumen. Bekannt ist die Art von dort seit über hundert Jahren und hat in dieser Zeit nie andere Gegenden besiedelt. Sie stellt eindeutig meine derzeitige Lieblingsbiene dar! In einem kleinen Projekt erforschen wir gerade ihre genaue Lebensweise. 

Schmidt Egger

Dr. Christian Schmid-Egger