Neue Rebsorten braucht das Land: Prof. Dr. Reinhard Töpfer forscht am Fachinstitut für Rebenzüchtung des Julius Kühn-Instituts (JKI) zum Thema Wein der Zukunft. Er reagiert damit auf den Klimawandel.



Herr Töpfer, in Deutschland wird seit Jahrhunderten Wein angebaut. Vor allem traditionelle Sorten wie der Riesling verkaufen sich in der ganzen Welt. Aber gerade junge Winzer sind auch an neuen Sorten interessiert. An welcher forschen Sie gerade?

An einer neuen Weißweinsorte: „Calardis Blanc“. Diese zeichnet sich durch vielfältige Resistenzen gegen Schädlinge und Krankheiten aus und ist später reif. Damit reagieren wir auch auf den Klimawandel.

Der Klimawandel bedeutet: Die Durchschnittstemperatur steigt, gleichzeitig regnet es intensiver. Was heißt das für den Weinanbau?

Wir stellen fest, dass unsere Rebsorten mittlerweile etwa drei Wochen eher reif sind. Früher ging im September kaum ein Winzer in den Weinberg, sondern erst im Oktober. Dieses Jahr waren schon im September wegen der gestiegenen Temperaturen fast alle Trauben geerntet – das ist extrem.

Was für Folgen hat die frühe Ernte für den Wein?

Die frühere Reifung führt dazu, dass die Trauben weniger Säure und zum Teil mehr Zucker enthalten. Es entstehen also alkoholreiche und säureschwache Weine. Das ist vor allem beim Weißen problematisch. Denn bei diesem spielt der Säureanteil eine wichtige Rolle.

Welche Möglichkeiten bleiben den Winzern?

Sie müssen in den nächsten Jahrzehnten auf die veränderten klimatischen Bedingungen eingehen. Es stellt sich ihnen die Frage, ob sie auf die Sorten setzen sollen, die in Südeuropa heimisch sind und hier aufgrund der Temperaturen auch funktionieren würden, oder ob sie eher robuste Reben wählen, die mit dem Standort klarkommen. Deutschland hat bereits eine Reihe von angepassten Sorten. Das ist in anderen Ländern noch nicht der Fall.

Also wird es für den Riesling aus Deutschland schwierig?

Diese traditionelle Rebsorte wird auch langfristig wichtig bleiben. Um sie zu erhalten, wird sie nicht mehr in den ursprünglichen Toplagen stehen, sondern in den etwas kühleren Lagen. Das ist ein Beispiel für die Anpassung des Weinbaus an die Klimaveränderungen.

Gibt es noch eine andere Möglichkeit, traditionelle Rebsorten zu erhalten?

Es gibt Kollegen, die sich mit der Erhaltungszüchtung befassen. Die schauen beispielsweise nach Mutanten, die später reifen. Ein berühmtes Beispiel ist der Frühburgunder/Spätburgunder. Die Reife der beiden Sorten liegt etwa drei bis vier Wochen auseinander. Der Frühburgunder lässt sich also ein paar Wochen eher ernten als der Spätburgunder. Wenn man auch bei anderen traditionellen Rebsorten solche Mutanten fände, könnte man sie ebenfalls an den Klimawandel anpassen.

Sie beschäftigen sich mit der Züchtung neuer Sorten. Wie läuft die praktisch ab?

Wir wählen zwei Elternteile aus, von denen wir überzeugt sind, dass sie besonders gute Eigenschaften haben. Dann stellen wir eine natürliche Kreuzung her und gewinnen am Ende des Jahres die Samen daraus.

Klingt einfach!

Die Herausforderung daran ist, von Beginn an die besten Samen zu finden. Diese müssen möglichst resistent gegen Schädlinge und Krankheiten sein und eine hervorragende Weinqualität ermöglichen.

Wie beurteilen Sie die Weinqualität?

Wir erstellen sensorische Profile von den Reben, zum Beispiel mit Daten über das Gewicht des Traubenmostes. Das ist wichtig für den Zeitpunkt der Reifung. Außerdem untersuchen wir alle Sämlinge und Trauben auf die Hauptinhaltsstoffe Zucker und Säure hin.

Spielt der Geschmack denn keine Rolle?

Zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Geschmack wird erst nach dem Ausbauen des Weins wichtig, also nach dem Ende der Gärung und der Abfüllung. Eine Gruppe aus Wissenschaftlern und Fachleuten, beispielsweise Winzern, testet dann auch ihn.

Welche Rebsorte aus Ihrer Züchtung hat sich auf dem Markt durchgesetzt?

Die Sorte mit der größten Anbaufläche ist „Regent“. Das ist ein Rotwein mit mediterranen Geschmack, also voller Würze und Kraft. Vor allem unter etwas wärmeren Klimabedingungen lässt er sich gut anbauen. Regent ist die bedeutendste Rebsorte aus der Resistenzzüchtung. Im Anbau lässt sie sich vergleichen mit Trollinger und Schwarzriesling. Sie umfasst etwa zwei Prozent der Anbaufläche in Deutschland.

Wie verändert der Klimawandel die Weinbauregionen in Deutschland?

Die Weinbauregionen werden, abgesehen von kleineren Korrekturen, sicher dieselben bleiben. Eine Ausdehnung an andere Standorte ist nur sehr begrenzt möglich, weil das Deutsche und EU-Weinrecht dem entgegensteht.

Abgesehen von den rechtlichen Gründen, sind Weinbauregionen ja auch wichtige Kulturlandschaften.

Absolut. Es wäre problematisch, wenn sich zum Beispiel die Weinbaukulturlandschaft an der Mosel komplett verändern würde: Viele Menschen, die dort im Bereich Weinbau, Touristik, Gastronomie tätig sind, verlören ihre Einkommensquelle. Andere nutzen Weinbauregionen wie beispielsweise das Ahrtal als Naherholungsräume. Also sind wir gut beraten, wenn wir uns dafür einsetzen, die Kulturlandschaft Weinbau zu erhalten.

Wäre der Weinanbau denn klimatisch in anderen Regionen Deutschlands möglich?

Nicht wirklich. Theoretisch könnte es auch Weinanbau in Schweden oder auf Gotland geben. Tatsächlich wird das so aber nicht sein. Ich denke eher, dass es eine Entwicklung innerhalb des Weinbaus geben wird, die durch Digitalisierung, neue Sorten und deren Anpassung an die entsprechenden Standorte geprägt ist. Vielleicht gedeiht dann an Riesling-Lagen doch eher ein Rotwein.