Deutscher Wein ist wie ein gutes Buch. Es tauchen Helden auf, bewegende Figuren und gescheiterte Existenzen. Er begeistert die einen, die anderen müssen ihn noch entdecken. Trauben sind seine Buchstaben, sie machen ihn zum Ganzen. Kurz: Der deutsche Wein hat eine einmalige Geschichte, die sich in verschiedenen Kapiteln erzählen lässt.
 

Vorwort

Es begann noch vor dem Jahre null, denn der Wein gilt neben Wasser als eines der ältesten Getränke der Menschheit. Schon die Kelten genossen seine Vorzüge. Sie gewannen ihn aus wilden Reben und importierten ihn in Amphoren. Das beweisen historische Funde dieser Tonkaraffen. Wobei der deutsche Wein heute vermutlich beleidigt wäre, würde man den laienhaft vergärten Wildtraubensaft von damals mit ihm gleichsetzen.

Einleitung

Und dann kam Caesar. Der römische Feldherr half dem deutschen Wein maßgeblich auf die Sprünge. Denn mit der Eroberung keltischer Siedlungsgebiete und einiger germanischer Provinzen in den Jahren 58 bis 50 v. Chr. rückten die Römer bis zum Rhein vor. Die Sehnsucht nach dem erheiternden Tropfen aus der Heimat war so groß, dass sie den Weinbau in dieser Region kultivierten.

Kapitel 1: Wachstum

Die neue Kulturpflanze blieb nicht unbemerkt. Fürsten und Klöster waren die Ersten, die das Potenzial erkannten. Tatsächlich entpuppte sich der deutsche Wein als wahres Wunderkind. Er, der vornehmlich in Rot daherkam, wusste sich schnell an seine Umgebung anzupassen. An Sonne, Wind und Wetter. Und er wuchs auf vielschichtigem Boden, auf dem er sich prächtig entwickeln konnte. Ja, der ihm sogar seinen Sonderstatus verlieh, vor allem in Sachen Frische und Mineralität.

Kapitel 2: Reife

Die mittelalterliche Warmzeit, die dem Klima von 900 bis 1250 n. Chr. einen Temperatur-Grad zusätzlich bescherte, gilt für den deutschen Wein als Blütezeit. Nicht nur die Bevölkerung wuchs, sondern auch er. Mit süßen Trauben bei üppiger Ernte. Der deutsche Wein war gefragter denn je. Es gab Zeiten, in denen er sozusagen als Must-have galt, als Lebenselixier. Denn im Gegensatz zum damaligen Wasser war er dank seines Alkohols sauberer und keimärmer. Das gemeine Volk verdünnte in der Regel den geringer wertigen Tresterwein mit Wasser. Der entstand aus den ausgepressten Rückständen wie Schalen und Kernen.

Kapitel 3: Verlust

Viele Jahre feierte der deutsche Wein große Erfolge, inzwischen auch im Ausland. So wuchsen die Anbaugebiete – auf Kosten der Qualität. Die Weinpanscherei war weitverbreitet. Zu allem Überfluss wurde die gehaltvolle Konkurrenz aus dem Süden stärker. Dies führte zu einem Überangebot und damit zum Preisverfall beim deutschen Wein.

1524 begann der Deutsche Bauernkrieg: Der „gemeine Mann“ lehnte sich gegen zu hohe Abgaben wie Steuern oder Zölle und auch gegen die Frondienste an Fürsten, Adel und Co. auf. Durch die Niederschlagung der Revolte verloren aufständische Bauern all ihre staatsbürgerlichen und privaten Rechte, also auch ihr Land. Zigtausende ließen sogar ihr Leben.Die meisten Landwirte gaben den Wein auf, um ihn durch Getreide zu ersetzen. Das war in Krisenzeiten gefragter und brachte mehr Geld ein. Im Dreißigjährigen Krieg wurden ab 1618 erneut zahlreiche Rebflächen zerstört.

Kapitel 4: Hoffnung

Im 18. Jahrhundert begannen einige Bauern allmählich, sich erneut mit deutschem Wein zu beschäftigen. Mit dem Wissen, das sie aus Klöstern erhielten, sollte diesmal alles besser werden. Also bauten sie fortan nur noch die besten Trauben an. Riesling galt als Favorit. Die Prädikatsbezeichnungen „Kabinett“, „Spätlese“ und „Auslese“ entstanden.

Kapitel 5: Wende

Ende des 18. Jahrhunderts, nach der Französischen Revolution, wurden Klöster entmachte. Deutscher Wein wurde Staatssache. Weingüter wurden versteigert und nun Sache bäuerlicher Winzer und bürgerlichen Agrarhandels. Erste Vereinigungen entstanden, um die bedrohten Existenzen der bürgerlichen Winzer zu sichern. Mit nassen Sommern gelangte der Wein zu neuem Ruhm. Das Gallisieren wurde erfunden, ein Verfahren, bei dem Most mit Zucker versetzt wird, um die fehlende Sonne zu ersetzen. So entstand auch aus unreifen Trauben ein guter Tropfen. Außerdem brachten Winzer feine restsüße Weine und Eisweine bis zur Perfektion. Die internationale Spitzengastronomie interessierte sich plötzlich für den deutschen Wein. Moselweine zählten gar zu den besten der Welt.

Kapital 6: Katastrophe

Doch dann erwischte ein Schicksalsschlag den deutschen Wein mit voller Wucht. Im späten 19. Jahrhundert kam die Reblaus aus den USA über den Atlantik und entpuppte sich als sein größter Feind. Sie schädigte die Wurzeln, die Rebstöcke starben. Die Folgen konnte der deutsche Wein nur schwer verkraften. Er heilte sehr langsam. Aber er heilte durch den Einsatz widerstandsfähiger amerikanischer Weinreben, die den Reblausbefall überlebt hatten. Diese wurden als sogenannte Unterlagsreben genutzt, auf die man andere Rebsorten aufpfropfte – auch um die Pflanzen zu veredeln.

Kapitel 7: Blendung

Dann kamen die 1970er-Jahre und das Image des deutschen Weins erlitt einen herben Schlag: Unter dem Namen „Liebfrauenmilch“ wurde er als süßer, günstiger Tropfen in die Welt exportiert. Die Nachfrage war gewaltig und verschaffte den Exporteuren großen Wohlstand, leider oftmals zulasten der Qualität. Die Begeisterung für die süße Massenware hielt lange an, noch vor 15 Jahren wurden 50 Prozent der Weinexporte aus Deutschland unter dem Label „Liebfrauenmilch“ verkauft. Und im eigenen Land? Da nahm der Import an trockenen Weinen deutlich zu. Bis heute ist Deutschland weltweit größter Weinimporteur. Allerdings nicht nur wegen der „Liebfrauenmilch“, sondern auch wegen der zum Teil witterungsbedingten schlechten Ernten.

Kapitel 8: Durchbruch

Inzwischen sind Pioniere angetreten, den Anbau zu revolutionieren. Mit neuen Techniken und akademischer Expertise bringen sie einen neuen Standard auf die Felder. Sie erinnern sich an die Charakterstärken, mit denen der deutsche Wein einst brillierte, versuchen sich an modernen Kellertechniken und Marketingkonzepten. Mit Erfolg. Grauburgunder, Dornfelder, Silvaner und Riesling genießen heute auf der ganzen Welt einen guten Ruf. Auch in Deutschland nimmt die Begeisterung für die heimischen Trauben stetig zu, mehr als die Hälfte der hierzulande verkauften Weine kommt aus einem der 13 Anbaugebiete.

Eigentlich gehört an diese Stelle jetzt ein „Happy End“. Doch nichts da! Vor dem deutschen Wein liegen spannende Kapitel. Sie könnten „Höhenflug“ oder „Kehrtwende“ heißen. Einige Protagonisten werden hinzukommen, etwa der Klimawandel oder neue Rebsorten. Andere werden gehen. Sicher ist: Es wird spannend bleiben.

Nachwort

Die Rebfläche in Deutschland bemisst sich auf rund 102.000 Hektar. 2014 wurden 9,3 Millionen Hektoliter produziert, davon wurden etwa 3,9 Millionen Hektoliter exportiert. Der Durchschnittspreis pro Liter beträgt 2,68 Euro – Tendenz steigend. Mit einem Marktanteil von 45 Prozent ist deutscher Wein hierzulande Marktführer – trotz der hohen Importe. Weine aus Frankreich und Italien liegen auf Platz zwei und drei. Kein anderes Land baut so viel Riesling an wie Deutschland. Dieser ist mit einem Anteil von knapp 23 Prozent nach wie vor die meist angebaute deutsche Rebsorte. Danach folgen Müller-Thurgau,