Wachtenburg Winzer – das sind 58 Weinbauern aus der pfälzischen Region Wachenheim, die sich zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammengeschlossen haben. Im Weinbau ist das nichts Ungewöhnliches, aber diese Kooperative ist eine der ältesten und erfolgreichsten Winzergenossenschaften Deutschlands. Geschäftsführer Albert Kallfelz erzählt mehr darüber.
 


„Über den Wein kann man Leidenschaft besonders gut transportieren“, sagt Albert Kallfelz. Sportlich-elegant sitzt der 43-Jährige im Verkostungsraum von Wachtenburg Winzer. Vor ihm auf dem Tisch stehen Krüge und Gläser. Durch die riesigen Glasfenster des hellen Raums blickt man direkt in das Kelterhaus der Weinproduktion mit seinen glänzend gefliesten Böden, modernen Geräten und blitzenden Edelstahltanks. Albert Kallfelz ist seit 2009 Geschäftsführer der Winzergenossenschaft im pfälzischen Wachenheim, die zu den erfolgreichsten Deutschlands zählt. Die Leidenschaft für Wein liegt ihm quasi Blut: Als Sohn eines Moselwinzers lernte er das Handwerk auf dem elterlichen Weingut von der Pike auf. Zwischendurch reiste er ein Jahr lang mit dem Rucksack rund um die Welt, um in den verschiedensten Weinanbaugebieten möglichst viel über die Produktion des edlen Tropfens zu lernen. Diese Neugier hat sich Albert Kallfelz bis heute erhalten – und gibt sie auch an andere weiter: „Ich sage unseren Mitarbeitern immer: ‚Lebt den Wein! Probiert möglichst viele Weine und bleibt offen für Neues‘.“

Mehr als 70 verschiedene Weine

Wachtenburg Winzer, das sind nicht nur die 30 Mitarbeiter, die in Kelterhaus und Shop arbeiten. Getragen wird die bereits 1900 gegründete Genossenschaft vielmehr durch ihre 58 Mitglieder: größere und kleiner Weinbauern, deren Rebgärten allesamt im Umkreis der nahen Wachtenburg liegen, eines Wahrzeichens der Region und der hier angebauten Weine. Der „Mehrfamilienbetrieb“, wie Albert Kallfelz die Winzergemeinschaft liebevoll nennt, verfügt insgesamt über 350 Hektar Fläche. Rund drei Millionen Liter Traubensaft werden hier jährlich produziert – und mehr als 70 verschiedene Weine: Hochpreisige Premium-Weine wie die Riesling-Spätlese „Wachenheimer Gerümpel“ sind ebenso darunter zu finden wie der „Wachtenburg Winzer Premium Riesling“, der als Editionswein in den Filialen des Discounters Aldi angeboten wird – zum recht schmalen Preis von 5,99 Euro. Vor allem die Riesling-Rebe mag die Gegend rund um die Wachtenburg. „Wir haben in der Region aufgrund der Nähe zum Wald ein fast mediterranes Klima. Der Riesling gedeiht hier besonders gut“, so der Weinexperte.

Einer für alle und alle für einen

Qualitätswein in derartiger Vielfalt zu produzieren und regelmäßig in großen Mengen an einen Discounter zu liefern – für die meisten Weinbauern wäre das wohl unmöglich. Wachtenburg Winzer schaffen dies, weil sie zusammen arbeiten und wirtschaften. „Gemeinsam sind wir halt stärker“, bestätigt Albert Kallfelz. „Der durchschnittliche deutsche Weinbetrieb hat eine Anbaufläche von weniger als zehn Hektar. Damit lässt sich Qualität in der Menge nicht herstellen.“ Nicht von ungefähr stammt in Deutschland inzwischen fast jeder dritte Wein aus einer Winzergenossenschaft. Die ersten dieser Gemeinschaften entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts. Die damals herrschende Reblauskrise zwang viele Weinbauern in die Knie, ebenso wie zunehmende Verkleinerung der Höfe durch Erbteilung. Der Zusammenschluss in Form von Genossenschaften ermöglichte es den Winzern, wirtschaftlich zu überleben. Denn in der Gemeinschaft kam nicht nur Fläche zusammen, sondern auch Know-how. Außerdem konnten die Weinbauern sich in der Gruppe Geräte leisten, die für den Einzelnen unerschwinglich gewesen wären. Ein weiterer Vorteil der Kooperative: Jedes Mitglied konnte in Fragen zu Anbau, Ernte, Anschaffungen oder Abverkauf gleichberechtigt mitbestimmen – egal wie groß der eigene Hof war.

Das ist bis heute so. Auch bei Wachtenburg Winzer entscheiden sämtliche Mitglieder des Mehrfamilienbetriebs gemeinsam. „Wir funktionieren im Grunde wie eine Aktiengesellschaft. Unsere Mitglieder sind selbstständige Unternehmer, aber sie haben hohes Mitspracherecht. Wir bestimmen beispielsweise gemeinsam, was genau wir im kommenden Jahr produzieren wollen. Es geht bei uns bewusst familiär zu. Transparenz und Vertrauen sind uns sehr wichtig“, so Albert Kallfelz.

Viele Vorteile und geteiltes Risiko

Insbesondere das auf viele Schultern verteilte wirtschaftliche Risiko ist für Wachtenburg Winzer ein Vorteil. Das betont auch Albert Kallfelz: „Sämtliche unserer Mitglieder haben eine Abnahmegarantie für die geernteten Trauben, die wir gemeinschaftlich verarbeiten.“ Das heißt konkret: Auch bei einem Ernteausfall erhalten die Winzer ihr sogenanntes Traubengeld. Die Genossenschaft finanziert dies ebenso wie den Betrieb der zentralen Kelteranlage und den Vertrieb aus dem Erlös des verkauften Weins.

Zusätzlich profitieren die Mitglieder vom fachlichen Austausch untereinander – und von der Beratung durch Wachtenburg Winzer. „Wir geben den Einzelnen konkrete Empfehlungen, beispielsweise zu Traubenanbau, Pflanzenschutz oder Rebschnitt, und werden darüber hinaus von einem externen Qualitätsmanager unterstützt“, so Albert Kallfelz. Denn als Weinbauer Qualität zu sichern, das bedeutet heute mehr noch als früher, nicht erst bei der Verarbeitung darüber zu entscheiden, was mit der Traube passiert.

Auch der Einsatz erstklassiger Geräte sorgt für einen hohen Produktionsstandard. Die Kelteranlage von Wachtenburg Winzer gehört zu den modernsten Deutschlands. „In der heutigen industriellen Produktion kann man die Traube unverfälscht in die Flasche bekommen“, erläutert Albert Kallfelz. „Das fängt beim schonenden Pflücken und Entstielen an und geht über die Analyse der ‚Blutwerte‘ der Beeren beim sogenannten Grape Scan bis hin zum möglichst schwefelarmen Abfüllen der Flaschen.“ Früher, so ergänzt er, seien die Weine nicht schlechter gewesen, aber die Produktionsbedingungen nicht so gut. „Da gerieten schon mal faule Trauben in den Wein – oder es wurde zu früh oder zu spät geerntet. Auch den Säuregehalt der Beeren konnte man nicht genau bestimmen. Deshalb schmeckten damals zum Beispiel trockene Weißweine häufig viel säuerlicher als heute und wurden nicht so gern getrunken.“

Frisch, elegant, fein

Verändert hat sich im Laufe der Zeit nicht nur der Weinanbau, sondern auch der Konsument. „Die Kunden sind inzwischen deutlich informierter und selbstbestimmter als früher. Sie probieren Wein lieber selbst als ausschließlich der Empfehlung von Experten zu vertrauen“, weiß Albert Kallfelz. Bleibt die Frage: Hat Wachtenburg-Wein eine typische Geschmacksnote? Albert Kallfelz, der gerade eine Flasche Riesling aus dem Regal des Verkostungsraums nimmt, überlegt kurz: „Eigentlich nicht. Unsere Weißweine sind generell frisch, elegant und fein. Unsere Rotweine hingegen eher vollmundig und unkompliziert.“ Bekräftigend fügt er hinzu: „Wir Wachtenburg Winzer sind halt bewusst bodenständig.“