Langsam schiebt sich das riesige Binnenschiff die Donau entlang. Es ist an diesem Tag nicht das Einzige, denn der rund 2.800 Kilometer lange Fluss ist einer der wichtigsten Wasserwege Europas. Zum Halten kommt das Transportschiff schließlich im bayerischen Ort Straubing. Genauer: an der Pier vor der Ölmühle von ADM. Die US-amerikanische Archer Daniels Midland Company, einer der weltweit größten Ölsaatenverarbeiter, stellt in dem Werk Öl und Schrot aus Raps her – und seit Mitte 2016 auch aus gentechnikfreiem Soja. Gewachsen sind die eiweißreichen Bohnen, die per Schiff, Zug oder Lkw die ADM-Mühle erreichen, in den europäischen Standorten der Donauregion. Zum Beispiel in Serbien, der Slowakei – oder in Bayern. Das südliche Bundesland gilt aufgrund seiner günstigen klimatischen Bedingungen neben Baden-Württemberg als Hauptanbauregion für Soja in Deutschland.

 

Zwei bis drei Schiffsladungen pro Tag
Das Schiff, das an diesem etwas trüben Freitagmorgen bei der ADM-Mühle anlegt, kommt aus Serbien und muss nun möglichst zügig entladen werden. Im Seemanns-Jargon heißt das „löschen“. Die Prozesse in der Verarbeitungsanlage von ADM sind eng getaktet und geplant. „Effizienz in den Abläufen ist für uns entscheidend. Schließlich werden fast täglich bis zu drei Schiffe gelöscht. Und etwa 100 bis 150 Lkws liefern jeden Tag Rohstoffe an oder holen Eiweißfuttermittel ab. Das ist für uns immer wieder eine logistische Herausforderung, immerhin sind wir die größte Ölmühle in der Region“, so René van der Poel. Der gebürtige Niederländer leitet die ADM-Mühle als General Manager. Mit dem Aufbau der Sojaverarbeitung in Straubing und neuerdings auch mit einer zweiten Anlage in Nordrhein-Westfalen reagiere ADM auf die steigende Nachfrage nach zertifiziertem, gentechnikfreiem Sojaschrot, sagt René van der Poel und ergänzt: „Unsere Hauptabnehmer sind Mischfutterwerke und Landwirte in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz.“ Das proteinreiche Sojaschrot ist nämlich wertvolles Futter für Milch- und Fleischkühe. Aber auch Schweine und Geflügel fressen es gern. Das in der Mühle ebenfalls gewonnene Sojaöl wird in der Lebensmittelindustrie weiterverarbeitet.

Steigende Nachfrage nach gentechnikfreiem Soja
Der Großteil der jährlich weltweit geernteten rund 350 Millionen Tonnen Sojabohnen stammt aus Nord- und Südamerika. Organisationen wie der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT) weisen darauf hin, dass diese Importe die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft sichern. Ohne den Import aus Übersee könnte eine ausreichende Versorgung der heimischen Nutztiere mit dem wertvollen Eiweißfuttermittel nicht sichergestellt werden. Inzwischen ist allerdings auch der Anteil des in der EU erzeugten Sojas, insbesondere aus dem Donauraum, auf rund 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Anbau der proteinhaltigen Futterpflanzen EU-weit und insbesondere in Deutschland gezielt gefördert wird. „Vorreiter in der Verfütterung von gentechnikfreiem Soja war hierzulande die Milchwirtschaft. Und seit es das Label ‚Ohne Gentechnik‘ des Verbands Lebensmittel ohne Gentechnik e. V. (VLOG) gibt, achtet der Verbraucher beim Einkauf verstärkt darauf, wie beispielsweise die Kühe gefüttert wurden, die seine Frühstücksmilch liefern, oder das Schwein, von dem das Kotelett auf dem Teller stammt“, erläutert René van der Poel. Folge dieser Entwicklung: Innerhalb von drei Jahren hat sich die Sojaanbaufläche in Deutschland nach Angabe des Verbands der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID) verdoppelt – von 7.500 Hektar im Jahr 2013 auf 15.800 Hektar im Jahr 2016.

Hoher Produktionsstandard
Auf dem Binnenschiff an der Pier der ADM-Ölmühle in Straubing hat sich inzwischen einiges getan. Die Metallabdeckungen über den Luken wurden entfernt und ein großer Schaufelgreifer schafft die Soja-Ladung in gewaltigen Portionen aus dem Laderaum durch die Luft in einen riesigen Trichter an der Ölmühle. Das Löschen dauert rund sechs bis sieben Stunden. Eine Schiffsladung fasst schließlich ca. 1.000 Tonnen. Gelöscht wird allerdings nur, wenn die Ladung auch hundertprozentig gentechnikfrei ist und auch sonst keine Mängel aufweist. „Unser Produktionsstandard ist sehr hoch. Er beinhaltet ein mehrfaches Monitoring“, sagt René van der Poel.

Im Prinzip wie Kaffeekochen
Ist die Ladung freigegeben, geht’s nach dem Löschen direkt in die Verarbeitung. „Im Grunde funktioniert das wie beim Kaffeekochen“, erklärt der General Manager. „Die Bohnen werden zunächst gereinigt, dann mahlen wir sie grob, um ihre Oberfläche zu erweitern. Danach kommen sie in den sogenannten Extrakteur, der das Öl herauslöst. Anschließend wird das Lösungsmittel mit Dampf aus dem Schrot herausgezogen. Und schließlich werden die geschroteten Bohnen thermisch behandelt, man nennt das ‚toasten‘. Letzteres ist ein sehr wichtiger Schritt, denn das Toasten deaktiviert Enzyme im Sojaschrot, die Tiere mit nur einem Magen wie das Schwein oder das Huhn schlecht vertragen. Danach wird das fertige Sojaschrot getrocknet, gekühlt und etwa drei bis sieben Tage im Silo gelagert. Dann kann es abgeholt, gemischt und von den Viehhaltern verfüttert werden.“

Regional heißt kurze Wege
Inzwischen ist es früher Nachmittag: Das Binnenschiff an der Pier ist gelöscht. In der Ladeluke fegt einer der rund 80 Mitarbeiter des ADM-Werks sorgsam die letzten Bohnen zusammen. Knapp sieben Stunden sind vergangen. In Kürze wird das Schiff seine Rückreise über die Donau antreten. Ein langer Weg, der bei Niedrigwasser häufig eine spontane Umplanung verlangt. René van der Poel würde daher gern mehr gentechnikfreies Soja aus der Region kaufen. „Das bietet uns den Vorteil kurzer Wege. Es bedeutet aber auch, dass die hiesigen Landwirte bezüglich des Sojaanbaus noch etwas mutiger werden müssen. Und es sollte generell verstärkt in einen höheren Proteingehalt der Bohnen investiert werden. Da stehen wir in Deutschland noch ganz am Anfang“, meint der ADM-Manager. Schweigend schaut er dem serbischen Schiff bei der Abfahrt über die Donau in Richtung Heimathafen nach – und wirkt dabei eigentlich recht zufrieden.

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