„Stolz wie Oskar sind sie“, sagt Alexandra Becker. Die Winzerin lacht und zeigt auf 30 Kinder, die um sie herumstehen – mit leuchtenden Augen und jeweils zwei Flaschen Traubensaft in den Händen. Das Besondere an dem Getränk: Die Sieben- bis Zwölfjährigen haben es selbst hergestellt – im Rahmen des Projekts „Kinderwingert“ des Vereins Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessen e. V., an dem das Familienunternehmen Weingut Becker aus Mainz-Ebersheim bereits seit mehreren Jahren teilnimmt.


Die Idee hinter dem Projekt, an dem sich 2017 insgesamt neun rheinhessische Weinbauern beteiligten: Dem Nachwuchs aus Nicht-Winzerfamilien nahezubringen, wie viel Arbeit vollbracht werden muss, bis der Traubensaft in der Flasche landet und getrunken werden kann. Gefordert ist etwa Fingerfertigkeit: „Die Kinder müssen mit einer Schere umgehen können“, so Alexandra Becker, die vor 13 Jahren mit ihrem Mann Marco das 20 Hektar große Weingut von den Schwiegereltern übernommen hat. „Sie müssen aber auch Lust darauf haben, an der frischen Luft inmitten der Natur zu arbeiten. Bei Wind und Wetter.“ Dafür erleben die jungen Projektteilnehmer dann unmittelbar, wie die Reben sich entwickeln, und können schrittweise nachvollziehen, was sich im „Wingert“, Rheinhessisch für Weinberg, so tut. „Traubensaft wächst nicht in der Flasche. Aber genau das glauben einige Kinder heute“, erläutert Alexandra Becker. „Der Kinderwingert soll da für Abhilfe sorgen.“


Fünf Treffen – von Februar bis Oktober

Bei dem Projekt übernehmen die kleinen Hobby-Winzer in einem ortsnahen Weinberg Rebstock-Patenschaften. Sie treffen sich mindestens fünf Mal im Jahr, um unter Anleitung an „ihren“ Reben zu arbeiten. „Jedes Kind bekommt vier Pflanzen zugelost“, erklärt Alexandra Becker. Das geschieht im Februar – beim ersten gemeinsamen Termin im Kinderwingert: „Das erste ist zugleich das arbeitsintensivste Treffen, denn die Reben werden unter unserer Anleitung beschnitten.“ Namensschilder an den Rebstöcken dürfen dabei nicht fehlen.


Bei der zweiten Zusammenkunft im April geht es ans Hacken und Unkraut jäten. „Die Kinder müssen sich körperlich betätigen. Das kennen viele nicht“, meint Alexandra Becker, „auch sehen manche das erste Mal Regenwürmer.“ Im Vordergrund der Projektarbeit steht aber die Entwicklung der Pflanzen – wie auch beim dritten Treffen im Mai oder Juni: „Da müssen die Austriebe weg und die Reben an Drähte geheftet, also hochgehängt werden.“

Selbstständigkeit und Verantwortung

Während der Arbeit im Weinberg lernen die Sprösslinge viel über die Entwicklung der Reben und das Wachstum in der Natur. Sie führen ein „Wingertbuch“, eine Art Arbeitstagebuch, in dem sie neben Bildern auch jede Menge nützliche Informationen von am Weinberg vorkommenden Pflanzen und Tieren finden. Zwischen den Treffen erhalten die Projektteilnehmer jeweils Nachrichten per E-Mail, die sie über die Entwicklungen im Weinberg und ihrer Reben informieren. So werden die Kinder ermuntert, selbst in den Weinberg zu gehen, zu beobachten und selbstständig kleinere Arbeiten im Wingert zu erledigen. „Sie lernen auf diese Weise, Verantwortung zu übernehmen“, hebt Winzerin Becker hervor: „Die Kinder erleben die Natur ganz direkt.“


Ein kleiner Triumphzug

Um die Zeit der Sommerferien herum, meist im Juli oder August, erfolgt der Laubschnitt. Er sorgt dafür, dass die Reben ob ihres Gesamtgewichts nicht zu stark herunterhängen und die Trauben mehr Sommersonne abbekommen. „Da werden dann schon mal die ersten Trauben genascht“, erzählt Alexandra Becker. Der spannendste Teil des Projekts folgt dann im Oktober: die Lese. „Das ist die schönste Zeit für die Kinder: Sie sehen, was ihre Arbeit – das Hacken, das Jäten und das Schneiden – an den Reben gebracht hat.“


„Wie ein kleiner Triumphzug“ sei schließlich der Gang zur hauseigenen Traubenmühle für die frisch gebackenen Reb-Spezialisten, so die Winzerin. Denn dort werden die Früchte gequetscht, kommen anschließend in die Kelter und werden gepresst. Danach dürfen die Hobby-Winzer ihren selbst produzierten Traubensaft abfüllen und mit nach Hause nehmen. „Und dort wird dann streng rationiert“, sagt Alexandra Becker und ergänzt: „Die Kinder teilen ihren Saft zwar gern mit der Familie, aber jeder bekommt nur ein Glas. Darauf werde streng geachtet, erzählen mir die Eltern oft. Die Kinder wissen genau, wie hart sie für ihren Saft arbeiten mussten.“
 

Engagement, das sich auszahlt

2018 wird sich das Weingut Becker am Projekt Kinderwingert bereits zum zehnten Mal beteiligen. Das Engagement des Familienunternehmens zahlt sich dabei gleich mehrfach aus: So belegten die Beckers bei der Wahl zur „Agrarfamilie“ des Jahres 2017 unter 180 Bewerbern Platz zwei. Gleichzeitig ist der Name über die Region hinaus bekannt geworden. Auch der Umbau vom reinen Hersteller von Fasswein für große Wein- und Sektkellereien zum Erlebnis-Weingut mit Online-Flaschenverkauf schreitet kontinuierlich voran. Und nicht zuletzt steigen die Bewerberzahlen für den Kinderwingert jährlich an; die Plätze sind allerdings auf 25 begrenzt.


„In diesem Jahr mussten wir erstmals Kinder ablehnen“, bedauert Alexandra Becker. „Wir haben ihnen aber für das kommende Jahr bereits einen Platz zugesichert.“ Gleichzeitig gibt es auch „Wiederholungstäter“: „Ein Junge ist schon das fünfte Mal dabei gewesen. Mittlerweile hilft er den Jüngeren bereits“, erzählt die dreifache Mutter. Und nun schwingt in der Stimme von Alexandra Becker auch etwas Stolz mit. Zu Recht.