Bürgermeister Günther Werner ist seit Mai 2014 im Amt. Als gebürtigem Haßfurter ist ihm die Ökologie in seiner Gemeinde ein besonderes Anliegen. Er denkt in großen Dimensionen und achtet gleichzeitig auf Details. Die Erzeugung von Windenergie im neuen Windpark im nordöstlich von Haßfurt gelegenen Sailershäuser Wald, bei dem die Städtischen Betriebe Haßfurt Mitgesellschafter sind, spielt für ihn eine ebenso große Rolle wie die bienenfreundliche Bepflanzung des heimischen Gartens. „Eine schöne Gelegenheit, mein wildes Haßfurt vorzustellen“, freut er sich bei der Begrüßung.

Eh da

© Forum Moderne Landwirtschaft

Eh da Blume

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Die Stadt als Naturraum

Die Gemeinde Haßfurt zählt rund 14.000 Einwohner. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass es für Günther Werner eigentlich noch viel mehr sind: Auch der Vogel-, Insekten- und Pflanzenwelt widmet er seine Aufmerksamkeit. Sogar einen Biologen in Festanstellung leistet sich Haßfurt: den Diplom-Biologen Dietmar Will. Die anschließende Tour durch die Gemeinde mit ihm und dem Bürgermeister Werner entwickelt einen ganz eigenen Charme. Überall werden die beiden freundlich gegrüßt. Der Bäckermeister hat eine dringende Frage an den Bürgermeister, ein Anwohner ruft Dietmar Will im Vorbeigehen zu, die Schwalben hätten „heuer nicht genug Matsch für die Nester unterm Dachstuhl“.

Gut 40 Maßnahmen hat die Gemeinde in diesem Jahr im Rahmen eines Eh da-Projektes in Angriff genommen. Als erste Eh da-Gemeinde in Franken und größte Bayerns haben Haßfurt und seine Maßnahmen Vorbildcharakter. Auf ausgedehnten Rasenflächen am Main sind dekorativ geschwungene Streifen mit Wildblumen bepflanzt und weitgehend sich selbst überlassen. So bleiben die Blüten als Nahrungsquelle für viele Wildbienenarten stehen, in der Erde können die Insekten Nisthöhlen anlegen. „Genau das benötigen viele Wildbienen und finden es immer seltener“, so Will. „Reich strukturierte Lebensräume, die in einem für die Bienen erreichbaren Radius sowohl das passende Nahrungsangebot als auch Nisträume bieten: Das gibt es in unseren Städten heute kaum noch“, erläutert er.

Die Mainuferböschung wird in Radwegnähe zwar pfleglich kurzgehalten, hinunter zum Fluss aber regiert die Luzerne gemeinsam mit vielen Wildblumen. „So ist gewährleistet, dass Radfahrer sich beim Vorbeifahren keine Zecken abstreifen und dennoch genügend Lebensraum für Pflanzen und Insekten bleibt“, erläutert Bürgermeister Werner diese Maßnahme. Auch ein alter Walnussbaum in einem Wohngebiet darf bleiben, solange der Gutachter ihn für stabil genug hält – damit niemand gefährdet wird. In seinen gewachsenen Strukturen und den vom Totholz gebildeten Einbuchtungen finden viele Insekten eine Heimat.

Die Freude überwiegt

Überhaupt herrscht in Günther Werners Haßfurt zwischen Bürgern und der Natur friedliche Koexistenz. Auf seinem Rundgang wird der „Herr Bürgermeister“ immer wieder darauf angesprochen, wie fein das aussähe mit den Korn- und Mohnblumen am Wegesrand. „Das ist schön für uns und hilft den Tierchen“, bemerkt etwa eine ältere Dame mit sportlichem Kurzhaarschnitt strahlend, die den herrlichen Sommertag bei einem Spaziergang am Mainufer genießt. „Davon können wir ruhig noch mehr gebrauchen.“

Natürlich gibt es vereinzelt auch Stimmen, die an einer Steilböschung am Kreisverkehr lieber einen Englischen Rasen hätten – oder die meinen, der Wildblume, die es sich in der Kopfsteinpflasterfuge einer Verkehrsinsel bequem gemacht hat, gehöre der Garaus gemacht. Dietmar Will und sein Chef aber denken wie die meisten Haßfurter, dass „ein wenig mehr Gelassenheit“ die richtige Einstellung der Artenvielfalt zuliebe ist. Naturverbundenheit spielt in Haßfurt eben von jeher eine große Rolle. Selbst das Stadtwappen ziert ein Wildtier: ein goldener Hase, der auf die ersten Erwähnungen der Stadt als „hasefurthe“ im 13. Jahrhundert hinweist.

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Sogar die Bepflanzung der Hauptstraße von Haßfurt spiegelt Artenvielfalt. Rund 30.000 Euro gibt die Stadt jährlich dafür aus. „Diese Kosten entstehen durch die dreimal im Jahr notwendige Neubepflanzung ohnehin. Da verursacht die Auswahl bienenfreundlicher Pflanzen keinen zusätzlichen Cent, ist aber zugleich ökologisch sinnvoll“, so Werner.

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Ein Hotel im Wald mit tierischen Gästen

Ein besonderes Kleinod für Wildtiere leistet sich Haßfurt nur wenige Autominuten von der Innenstadt entfernt auf einer kleinen Waldlichtung. Als Tierhotel dient hier eine uralte, kleine Scheune aus Naturstein, die eigentlich dem Abriss geweiht war. Biologe Dietmar Will hat sie gemeinsam mit engagierten Kollegen und Zustimmung des Bürgermeisters zu einer Herberge für Tiere umfunktioniert. Hummelkästen und Lehmstrukturen, ein Eulenkasten sowie Einstiegsluken für Fledermäuse sind hier unter anderem für die kleinen Gäste angebracht. In unmittelbarer Nachbarschaft beobachtet ein Buntspecht auf einer alten Eiche das Geschehen bei den neuen Nachbarn. Auch er profitiert in seiner Eiche vom bewussten Umgang Werners und Wills mit der Natur. Fast wirkt er, als freue er sich über den hohen Besuch an diesem sonnigen Mittag.
 

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Was Werner und Will sich noch wünschen würden, ist ein nistendes Storchenpaar in der Stadt. Dieses Jahr hat es nicht geklappt. Aber sie hoffen weiter. Eins steht auf jeden Fall fest: Ein besseres Zuhause als Haßfurt könnte Meister Adebar kaum finden.

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