Das Szenario wirkt zunächst harmlos, aber für Landwirte hat es dramatische Folgen: Der Maiszünsler, ein Kleinschmetterling, legt seine Eier an der Unterseite der Maisblätter ab. Nach dem Schlüpfen bohren sich die braun-gelben Larven zunächst in den Stängel ein und fressen sich anschließend durch die gesamte Maispflanze hindurch. Das Resultat: Die Pflanzen brechen unterhalb des Maiskolbens ab. Durch die Kanäle, die der Schädling hinterlässt, können außerdem Pilze eindringen, die natürliche Giftstoffe enthalten und den Mais als Futterpflanze unbrauchbar machen. Dabei steigt nicht nur die befallene Fläche seit Jahren stark an, sondern auch die Intensität pro Fläche nimmt immer mehr zu. Betroffen sind fast alle Anbaulagen. Denn mit der Ausweitung des Maisanbaus hat sich der unscheinbare, aber raffinierte Schädling in den vergangenen zehn Jahren auch in Deutschland von Süden nach Norden systematisch vorgearbeitet. Für Landwirte ein ernsthaftes Problem, denn macht sich der kleine Falter im Bestand erst einmal breit, drohen Ernteverluste von bis zu 50 Prozent.  

Hilfe für die Landwirte naht aus der Luft: Mit GPS-gesteuerten Drohnen wird dem Maiszünsler der Garaus gemacht: punktgenau, bedarfsgerecht und vollkommen biologisch – durch den Abwurf eines natürlichen Feindes des Schadschmetterlings, der Schlupfwespe Trichogramma. „Stellt der Bauer im Mai/Juni einen Befall seines Bestands fest oder ermittelt einer unserer Berater anhand der Summen der Tagesdurchschnittstemperaturen und von Lebendfallen, wann der kleine Schmetterling seine Eier ablegen wird, kommen unsere Drohnenpiloten zum Einsatz“, sagt Nico Höfner. Der ausgebildete EDV-Spezialist arbeitet als Teamleiter Field Service bei FarmFacts, einem Tochterunternehmen des u. a. auf die Agrarbranche spezialisierten Dienstleistungsunternehmens der BayWa AG. Derzeit koordiniert er fünf Piloten, die bundesweit für das Unternehmen unterwegs sind und die gesetzlich erforderliche „Aufstiegserlaubnis“ für gewerblich genutzte Drohnen besitzen.

 

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Hexakopter im Einsatz: Bis zu 100 Meter steigt die Drohne auf. Bestückt ist sie mit Kapseln, in denen sich Schlupfwespeneier befinden. © FarmFacts  

 

Unterstützung durch Nützlinge

Das ist wichtig. Denn der Pilot des Hexakopters, wie das Fluggerät wegen seiner sechs Rotoren im Fachjargon heißt, steuert sich anhand der im Vorfeld vom Landwirt an FarmFacts übermittelten Flächenkoordinaten zwar selbst, die Aufgabe des Piloten besteht aber darin, das unbemannte Flugobjekt im Auge zu behalten. Dieses Fliegen auf Sicht ist gesetzlich gefordert, denn der Pilot sollte jederzeit eingreifen können, wenn es beim autonomen Feldüberflug Probleme gibt. Der Hexacopter entfernt sich bei seinem GPS-gesteuerten Flug bis zu einem Kilometer vom Piloten, die gesetzlich erlaubte Flughöhe beträgt 100 Meter. Und natürlich muss der Pilot die Drohne auch mit den Schlupfwespen-Kapseln bestücken. „Jede Kapsel enthält rund 1.000 Schlupfwespeneier in verschiedenen Entwicklungsstadien, die vorher in ‚Winterschlaf’ versetzt wurden“, erläutert Nico Höfner. Winterschlaf – das bedeutet in diesem Fall, dass die Kapseln auf etwa fünf Grad Celsius heruntergekühlt wurden, um ein frühzeitiges Schlüpfen der Larven zu verhindern. „Unsere Piloten haben immer einen kleinen Kühlschrank im Auto dabei, wie beim Camping“, ergänzt der Experte.

Macht der Pilot seinen Hexakopter am Ackerrand startklar, legt er zunächst einen Akku ein. Damit kann die Drohne rund 35 bis 40 Minuten fliegen – und dabei etwa 7,5 Hektar Fläche abdecken. Genauigkeit ist beim Ausbringen der wichtigste Faktor. Deswegen übernimmt außer bei Start und Landung, die der Pilot händisch durchführt, GPS die Steuerung der Drohne. 100 Kapseln mit Schlupfwespeneiern werden pro Hektar abgeworfen, alle sieben bis zehn Meter eine. Im Vorfeld hat das Navigationssystem bereits das optimale Flugmuster und die genaue Flughöhe berechnet. „Ideal ist eine Höhe von zehn bis 14 Metern. Dann ist der Abwurf besonders präzise. Aber das klappt nur an besonders windstillen Tagen“, so Nico Höfner. Das Ganze wird dann nach zehn bis 14 Tagen noch einmal wiederholt, um den besten Schutz für die Pflanzen zu erreichen.

 

Perfektes Zusammenspiel von Natur und Technik

Nach dem Abwurf der Kapseln übernimmt wieder die Natur die Regie. Die Nützlinge schlüpfen aus ihren Kapseln, suchen gezielt nach den Eiern des Maiszünslers und legen darin ihre eigenen Eier ab. Statt Maiszünslern schlüpfen dann Schlupfwespen. Diese richten keinerlei Schaden an, sondern integrieren sich vielmehr perfekt ins Ökosystem. Weiterer Vorteil dieses smarten Schädlingsbekämpfungssystems: Die leeren Kartonagekapseln sind biologisch leicht abbaubar. Die Kapseln mit den empfindlichen Schlupfwespeneiern werden von FarmFacts bei einem Spezialanbieter frisch bestellt. „Der Schlüssel zum Erfolg ist die genaue Koordination bei dem ‚alles aus einer Hand‘-Ansatz“, erläutert Nico Höfner das Konzept von FarmFacts. Der Landwirt als Auftraggeber muss sich nach der Übermittlung seiner Feldkoordinaten um nichts mehr kümmern.

Ohne Drohne müssten die Schlupfwespen-Kapseln händisch ausgebracht werden, ein enormer Aufwand. Und auch der Einsatz von Chemie ist hier nicht wirklich eine Lösung. Deren Ausbringung ist auch deswegen problematisch, weil der Mais zum richtigen Zeitpunkt schon so hoch steht, dass nur eine Spezialmaschine diesen Einsatz fahren kann, ohne die Pflanzen umzuknicken. Mit der Drohne hingegen kann der Landwirt Zeit sparen, Feldüberfahrten vermeiden und, egal ob Bio- oder konventioneller Betrieb, chemiefrei seine Ernte sichern. Der Erfolg der smarten Schädlingsbekämpfung aus der Luft überzeugt: „Mit dem Abwurf von Schlupfwespen erreichen wir einen Wirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent“, freut sich Nico Höfner. Auch die Landwirte sind begeistert, zumal das Ausbringen der Schlupfwespen-Kapseln in einigen Bundesländern bereits finanziell gefördert wird. Nur dem Maiszünsler dürfte dies wenig behagen ... 

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Nico Höfner, Teamleiter Field Service, koordiniert den Einsatz der Drohnenpiloten bei FarmFacts. © FarmFacts