Die erst vor ein paar Jahren eingewanderte Kirschessigfliege kann an Weinreben großen Schaden anrichten. Seit Kurzem gibt es ein Verfahren, mit dem man diesen Schädling sehr zielgerichtet bekämpfen kann und dabei wichtige Nützlinge schont. Eine neu entwickelte Düse hat daran wesentlichen Anteil.

 

Ihre roten Augen lassen sich nur durch ein Mikroskop erkennen. Ebenso der beim Männchen typische dunkle Fleck im hinteren Flügelbereich. Die Rede ist von der zwei bis drei Millimeter kleinen Kirschessigfliege, die seit ein paar Jahren im deutschen Obst- und Weinbau zunehmend ihr Unwesen treibt. Ursprünglich stammt der Schädling aus Südostasien, vermutlich kam er durch den Import befallener Früchte hierher. Die Kirschessigfliege gehört zu der Familie der Taufliegen und ist damit eine enge Verwandte unserer heimischen Fruchtfliege. Doch im Gegensatz zu den nervenden, aber harmlosen Exemplaren, die über unseren Obstschalen kreisen, kann sie großen Schaden anrichten – etwa im Weinberg.

 

Nahaufnahme von Weintrauben im Rebstock

 

Angelockt wird die Kirschessigfliege durch den Duft der reifenden Beeren und den Essiggeruch fauler Früchte – daher auch der Name. Anders als die Fruchtfliege besitzt das Weibchen der Kirschessigfliege allerdings einen gezähnten Legeapparat. Mit diesem bohrt es ein Loch in die intakte Frucht und legt seine Eier ab. Dort schlüpfen die Larven und entwickeln sich. Mit dem Ergebnis, dass gesunde Weintrauben noch kurz vor der Ernte geschädigt werden: zum einen durch die Maden selbst, zum anderen durch Pilze und Bakterien, die durch die Verletzungen eindringen. Schon am Rebstock fangen die Trauben dann an zu gären oder zu schimmeln. „Der Weinberg ist meist fünf bis eine Woche vor der Ernte am stärksten betroffen“, erklärt Ulrich Henser. Der Technische Manager für Spezialkulturen bei Syngenta arbeitet an innovativen Lösungen, um Pflanzenschutzmittel bestmöglich anzuwenden, also sparsam und umweltfreundlich. „Dann kann die komplette Ernte verdorben sein – wirtschaftlich gravierend für den Winzer.“

 

Bekämpfung durch Nützlinge funktioniert nicht

Andere Schädlinge finden ebenfalls Gefallen am Wein, lassen sich aber meist mithilfe von natürlichen Feinden, sogenannter Antagonisten, ressourcenschonend bekämpfen. Zum Beispiel die Kräusel- und Pockenmilbe, die an der Blattunterseite siedelt und unter anderem zu Vergreisung und Fehlwuchs der Rebe führt. Ihr Antagonist ist die Raubmilbe. Der Winzer unterstützt den Nützling bei Bedarf mit dem Einsatz von Produkten oder Verfahren, die diese Milben schützen. Beim Traubenwickler wiederum handelt es sich um eine Schädlings-Motte, deren Raupen die Blütenanlagen fressen, was oft zu großem Ertragsverlust führt. Gegen ihn kann der Weinbauer gezielt ein biotechnisches Verfahren einsetzen: Er bringt als Dispenser bezeichnete Kunststoffampullen an, die Lockstoffe verströmen. Die Motten-Männchen werden dadurch derart verwirrt, dass sie nicht mehr zu den Weibchen finden – die Fortpflanzung wird unterbrochen. Die Kirschessigfliege lässt sich nicht so leicht auf natürlichem Wege bekämpfen, das macht den Schädling so problematisch: Zum einen vermehrt sie sich rasend schnell, für einen Generationszyklus braucht sie nur acht bis 14 Tage. Zum anderen hat sie mit der Zehrwespe zwar einen natürlichen Feind, dieser wächst allerdings nicht kurzfristig in ausreichender Menge heran.

 

Rebschnitt und „Erziehung“ als Prävention

Als effektive Vorbeugemaßnahme gegen die Kirschessigfliege gilt die „Traubenhygiene“ im Weinberg: Der Winzer achtet in jedem Entwicklungsstadium auf Krankheiten und Schädlinge. Allerdings ist er gegen Starkniederschläge oder Hagel machtlos. „Hier muss gesondert und schnell entschieden werden, um erst Pilzkrankheiten und dann die Kirschessigfliegen abzuwehren“, so Ulrich Henser. Denn jede noch so kleine Verletzung der Beeren sorgt für ein Austreten von Duftstoffen, die den Schädling anlocken. Auch die Wachstumsform, zu der der Winzer die Reben durch Schnitt und Anbinden „erzieht“, spielt eine wichtige Rolle. In Deutschland werden die Pflanzen nebeneinander flach im Pendel- oder Flachbogen am Drahtgestell befestigt. Die wie eine grüne Wand aussehende „Erziehungsform“ eignet sich ideal zur Pflege und Ernte mit maschinellen Geräten. Im oberen Bereich sorgen die Blätter für den nötigen Stoff- und Energiewechsel, die Trauben wachsen im unteren Drittel. Und in dieser sogenannten Traubenzone will Ulrich Henser mit einer neuen Entwicklung den Schädling punktgenau treffen. Nützlinge wie die Raubmilbe, die auch im oberen Bereich der Laubwand siedeln, bleiben verschont, die Kirschessigfliegen an der Frucht hingegen werden bekämpft.

 

Traubenzonenanwendung grafisch dargestellt

 

Bislang arbeitete man in Weinbergen mit einem aufwendigen Verfahren, um zu erreichen, dass beim Ausbringen weniger Pflanzenschutzmittel abdriftet: Der komplette Sprühbereich wird dabei „abgeschirmt“, damit nichts danebengeht. Alles, was nicht direkt an der Rebe landet, fängt eine Maschine auf und verwendet es noch einmal: „Diese Recycling-Pflanzenschutzgeräte sind teuer und lassen sich wegen Hangneigung, kleineren Flächen etc. auch nicht in jedem Weinberg einsetzen“, so Ulrich Henser.

 

Langer Weg zur Zulassung

„Wir haben einen neuen Bekämpfungsansatz über eine spezielle Düse gewählt“, erklärt Ulrich Henser mit Blick auf die zunehmende Verbreitung der Kirschessigfliege. Passenderweise hatte die Lechler GmbH eine auf Hohlkegelinjektion basierende Lösung entwickelt, die sich für diese besondere Aufgabe zu eignen schien. Die Firma aus Metzingen fertigt Düsen für alle möglichen Bedürfnisse, von technischen Bereichen über Autowaschanlagen bis hin zur Landwirtschaft. In aufwendigen Untersuchungen optimierte Henser die Technik gemeinsam mit dem Unternehmen, um das Abdriften von Pflanzenschutzmittel beim Versprühen zu minimieren – und dadurch beispielsweise Nützlinge zu verschonen. Am Ende schien die Lösung ganz simpel zu sein: „Die austretenden Tropfen sind so groß, dass sie nicht wegwehen und sich zielgerichtet anlagern“, erklärt Ulrich Henser. Im März 2017 wurde die Düse schließlich unter dem Namen ITR 80-01C beim Julius Kühn-Institut (JKI) als 95 Prozent abdriftreduziert eingetragen – und ist somit offiziell zugelassen. Bis dahin war es ein langer Weg: „Wir haben 2013 mit der Entwicklung und Erprobung angefangen“, erinnert sich Ulrich Henser.

 

Zwei Pflanzenschutzdüsen im Vergleich

 

Die Düse lässt sich meist per Bajonettverschluss bei handelsüblichen Weinbaumaschinen an- oder abmontieren. Fehlt nur noch die Zulassung für das entsprechende Pflanzenschutzmittel im Weinberg: das in anderen Bereichen bereits eingesetzte „Karate Zeon“. Mit diesem dürfen die Weinreben noch bis sieben Tage vor der Ernte behandelt werden. „Die Bienen-Ungefährlichkeit und die gute Wirksamkeit auf adulte Fliegen sind weitere Vorteile von Karate Zeon“, so Ulrich Henser. „Wir rechnen mit dessen Zulassung für den Weinanbau in 2018, dann können die Winzer diese sparsame und umweltschonende Traubenzonenanwendung nutzen.“

 

Voll im „Good Growth Plan“

Die Düse ITR 80-01C l wiederum passt in den „Good Growth Plan“ von Syngenta, dem neuen Grundsatzprogramm des Unternehmens für ein verantwortungsvolles Wachstum in der Landwirtschaft: „Wir stellen nicht nur Pflanzenschutz her, sondern achten auch darauf, dass dieser sach- und fachgerecht ausgebracht wird“, fasst Ulrich Henser zusammen. Wie das mit der neuen Düse funktioniert, zeigt ein Video auf YouTube. Die roten Augen der Kirschessigfliege werden dieses sicher nicht gern sehen.