Es ist ein warmer, schöner Tag. Die Sonne scheint und die gläserne Belüftungsklappen im transparenten Dach des Gewächshauses sind hochgekippt – so weit es die Metallscharniere erlauben, an denen sie befestigt sind. Durch die weiten Öffnungen tritt Luft in das Gebäude ein. Und natürlich kommt auch verbrauchte Luft von drinnen nach draußen. Von oben schaut es ein wenig so aus, als tanzten die Klappen über das Dach. Eine Ballett-Truppe gläserner Flügel, die sich entlang der Giebelstruktur im Gleichklang nach links oder rechts erheben.

„Heute ist es windstill, daher können wir die Klappen in beide Richtungen öffnen. Dass der Wind durch das Gewächshaus fegt, brauchen wir nicht zu befürchten“, sagt Wolfgang Steiner. Der 24-Jährige kümmert sich seit 2016 um das operative Geschäft bei Gemüsebau Steiner im bayerischen Ort Kirchweidach – und damit um eine der größten und zugleich umweltfreundlichsten Gewächshausanlagen in Deutschland. Auf rund 20 Hektar Fläche wachsen hier entlang der breiten, mit Tageslicht erfüllten Gänge Roma-, Rispen- und Snacktomaten, rote, grüne und gelbe Paprika und auch Gurken. Dafür, dass die Früchte besonders gesund und schmackhaft reifen, sorgt unter anderem ein zentraler Klimacomputer, der die vier wichtigsten Parameter im Gewächshaus automatisch misst und steuert: Windgeschwindigkeit, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Temperatur. „Tomaten beispielsweise gedeihen bei 21 Grad Celsius am besten. Die Temperatur wird bei uns auch über die Belüftung gesteuert. Ähnlich wie in der eigenen Wohnung lüften wir, wenn wir es drinnen als zu warm und stickig empfinden. Ist es im Gewächshaus zu kühl, schließt der Klimacomputer die Klappen elektronisch. Sensoren geben ihm jeweils vor, was er zu tun hat“, erläutert Wolfgang Steiner.

Drohnenbild eines Gewächshauses aus der Vogelperspektive

20 Hektar Fläche: Das Gewächshaus von Gemüsebau Steiner im bayerischen Ort Kirchweidach ist eines der größten und umweltfreundlichsten Deutschlands. Rechts: das Regenwasser-Auffangbecken der Anlage. © Forum Moderne Landwirtschaft

Licht bestimmt das Leben im Gewächshaus

Der alles bestimmende Faktor im Gewächshaus ist allerdings die Sonne. „Ist die Stimmung draußen eher trüb, gilt es, Ruhe in das Gewächshaus zu bringen. Zum Beispiel, indem wir die Temperatur herunterregeln. Scheint die Sonne, brauchen die Pflanzen ein aktiveres, wärmeres Klima. Das mögen auch unsere Nützlinge, etwa die Schlupfwespen, die wir gegen Schädlinge wie die Weiße Fliege einsetzen. Oder die Hummeln, die unsere Pflanzen bestäuben“, sagt der Gemüsebauer und blickt einem Insekt nach, das gerade über seinen Kopf hinwegsummt. „Dass die Nützlinge durch die Dachklappen aus dem Gewächshaus entfleuchen, kommt übrigens selten vor. Sie fühlen sich hier viel zu wohl.“ Apropos Pflanzenschutz: Das fein justierte Klima im Gewächshaus hält außerdem Krankheiten fern. So befällt der weiße Echte Mehltau Tomatenpflanzen bevorzugt in trockenem, warmem Ambiente. Der bräunliche Falsche Mehltau hingegen wuchert in feuchtem Klima besonders gut. Der Computer steuert das Klima im Glasgebäude so, dass keiner der Pilze eine Chance hat.

 

Fein justiertes Gesamtsystem

Damit im Gewächshaus alles nach Plan läuft, kontrollieren Gartenbauspezialisten von Gemüsebau Steiner den Klimacomputer. Sie überprüfen etwa die Steuerung der Heizungsanlage, die über Erdwärme gespeist wird. Eine Fotovoltaik- und eine Biogasanlage wiederum liefern den Strom für das Gewächshaus. Und auch das Wasser für die Pflanzen stammt aus einem nachhaltigen Kreislauf: „Regenwasser wird auf dem Dach unseres Gewächshauses aufgefangen, von dort aus in ein großes Außenbecken und dann in große Wassertanks geleitet“, so Wolfgang Steiner. Ein weit verzweigtes Leitungssystem bringt es anschließend unter Zugabe von Nährstoffen zu den Tomaten, Paprikapflanzen, Erdbeeren und Gurken. Was diese nicht aufnehmen, geht entkeimt zurück in den Kreislauf. „Das autarke System bietet uns einen exakten Überblick über den Wasser- und Nährstoffverbrauch jeder Pflanze“, ergänzt Wolfgang Steiner und richtet dabei mit der Hand einen transparenten Wasserschlauch aus, der in einen Block Kokosfaser-Substrat mündet: der Nährboden für die einzelnen Pflanzen.

Darüber hinaus erfasst der Computer genau, welche Arbeiten an den einzelnen Gemüsepflanzen aktuell durchzuführen sind. Über mobile Handgeräte können sich die rund 160 festangestellten Mitarbeiter des Gemüsebaus stets informieren, was gerade ansteht. Denn im Steiner’schen Gewächshaus wird viel manuell gemacht. „Die Blätter beispielsweise schneiden wir grundsätzlich per Hand aus, um die Pflanzen zu schonen. Und die Tomaten müssen ständig gedreht werden, damit sie an den Schnüren gleichmäßig emporranken“, so Wolfgang Steiner.

Teich gefüllt mit Regenwasser hinter einem Gewächshaus Herzstück des autarken Wasserkreislaufs im Gewächshaus von Gemüsebau Steiner ist das große Außenbecken. Dieses fängt das Regenwasser auf, das vom Dach des Gewächshauses in Rinnen abläuft. © Forum Moderne Landwirtschaft

Leckeres Gemüse

Die intensive Betreuung der Pflanzen bei Gemüsebau Steiner spiegelt sich positiv im Ertrag: Rund 5.000 Tonnen Tomaten, 1.700 Tonnen Paprika, 90 Tonnen Erdbeeren und 300 Tonnen Gurken wurden 2017 in der Gewächshaus-Anlage geerntet. Der größte Teil davon geht direkt an die Supermärkte von REWE und PENNY, der kleinere wird über regionale Dorfläden vermarktet. „Unser Ziel ist es, qualitativ hochwertiges Gemüse in regionalem Anbau zu produzieren“, so Wolfgang Steiner. „Nur wenn ich die Pflanzen optimal betreue, hole ich das Optimale aus ihnen heraus.“

Optimale Betreuung, das heißt für den dynamischen Gemüsebauern aus Bayern, Tomaten, Erdbeeren & Co. ein Rundum-sorglos-Paket zu bieten. Und dazu gehört für ihn auch ein pflanzengerechtes Klima. Seine Zöglinge danken es ihm mit gesunden Früchten und besonders leckerem Geschmack. Davon wiederum profitiert der Verbraucher im Supermarkt. Ein wahrhaft nachhaltiger Kreislauf.

Roma Rispentomaten in einer Verpackung für den Supermarkt. Diese leckeren Rispentomaten werden später einmal den Regalen regionaler REWE-Filialen liegen. © Forum Moderne Landwirtschaft