Oft sind es die kleinen Dinge, die die Welt so großartig machen. Gregor Mendel erfüllten gar die Winzigsten, so winzig, dass sie nicht einmal mit bloßem Auge zu erkennen sind – stattdessen mit Verstand. Und den hatte der Mönch zur Genüge. Seine Leidenschaft: Gene – ohne dass er selbst wusste, dass sie einmal so genannt werden würden. Nichtsdestotrotz gebührt ihm heute der Titel „Vater der Genetik“. Denn er definierte die Mendelschen Regeln – und damit die Grundlagen der Vererbungslehre.

Jeder Einzelne von uns profitiert heute von Mendels bahnbrechenden Erkenntnissen aus der Pflanzenzucht. Vor 150 Jahren schuf er die Basis dafür, dass wir heute Kartoffeln kaufen können, die gegen Krankheiten und Schädlinge resistent sind; oder dass wir Erdbeeren pflücken, die saftig und süß schmecken und dennoch nicht matschig werden; dass wir uns von Brot ernähren, dessen Weizen luftig backt, und wir uns an weiten Feldern voll blühendem Raps erfreuen können, dessen Öl zum Kücheninventar zählt. Mendels Lehren haben es erst möglich gemacht, dass heute die vielfältigsten Pflanzen draußen wachsen – dass die Erträge hoch sind und die Ansprüche des Getreides an Boden und Wetter moderat. Was für ein Erfolg!

Zu Lebzeiten wartete Gregor Mendel vergeblich auf Lobeshymnen und Jubelschreie. 1860 war noch nicht einmal der Nobelpreis erfunden, was Mendels Eifer aber nicht im Geringsten bremste. Schon als Kind begeisterte er sich für die Wissenschaft. Das ging auch im Teenager-Alter nicht verloren – und da ist bekanntlich vieles wichtig, nur nicht die Schule. Mendel war anders. Mit offensichtlichem Talent und etwas Glück schloss der Bauernsohn sich dem Augustinerkloster im tschechischen Alt-Brünn an. Das war für ihn die einzige Chance, zu studieren. Geld gab es in seiner Familie nur wenig. Als Student begeisterte ihn neben Physik und Mathe vor allem eins: die Botanik. Bald wurde er zum Priester geweiht. Man stellte allerdings schnell fest, dass er sich nur bedingt zum Seelsorger eignete, und ließ ihn seinen Interessen nachgehen.

So verbrachte Mendel seine Zeit statt mit Menschen einfach an der frischen Luft – zwischen blühenden Pflanzen und sprießenden Beeten. Mendel hatte sich nämlich etwas in den Kopf gesetzt. Er wollte eine Frage beantworten, koste es was es wolle: „Geben Elternpflanzen erbliche Informationen an den Nachwuchs weiter?“ Damals wusste man, wie gesagt, noch nichts von Genen. Auch moderne Labore kannte man noch nicht. Mendels Labor waren zwei Pflanzen. Diese sollten von der gleichen Sorte sein und jeweils Merkmale aufweisen, die klar voneinander zu unterscheiden waren. Er nahm die Bohne, kreuzte sie und beobachtete die Ergebnisse. Jeder, der schon einmal eine Bohne gezogen hat, weiß, wie lange das dauern kann. Mendel jedoch war ein echter Erbsenzähler. Er hatte viel Geduld.

Mendel

So untersuchte er im Laufe der Jahre rund 13.000 Pflanzen und konnte seine Vermutung nun bestätigen: Ja, Merkmale der Eltern werden auf die nachkommenden Generationen übertragen. Und wie, das konnte er jetzt auch erklären: Jede Elterngeneration besitzt zwei Varianten von einem Merkmal, die zusammen weitervererbt werden – und das entweder homozygot oder heterozygot. Homozygot bedeutet, dass das Merkmal identisch weitergegeben wird, zum Beispiel die Farbe der Bohne: zweimal grün und die Bohnen werden grün. Heterozygot bedeutet hingegen, dass zwei unterschiedliche Merkmale zusammenkommen – etwa die Farben Grün und Lila. So kann die nachfolgende Generation dann entweder grüne oder lila Schotenfrüchte bekommen, abhängig davon, ob eines der Merkmale stärker, also dominant ist. Ist beispielsweise Grün dominant, dann ist bei einem heterozygoten Erbgang Lila rezessiv, also schwach: Die nachfolgende Generation bekommt grüne Bohnen. Die zweite Generation hingegen kann wiederum die Eigenschaften ihrer „Großeltern“ aufweisen, wenn ihr zwei schwache Merkmale vererbt werden: zweimal Lila – und die Bohnen werden lila.

So weit, so gut, hätte es damals nicht ein Problem gegeben: Mendel konnte seine Beobachtungen einfach nicht theoretisch begründen. Auf die Genebene war die Wissenschaft damals noch nicht vorgedrungen. Und so stieß er auf mildes Interesse, als er seine Ergebnisse öffentlich präsentierte. Weise wie er war, wusste er aber damals bereits ganz genau: „Meine Zeit wird schon kommen!“

Erst Jahre nach Mendels Tod entdeckten Wissenschaftler seine Aufzeichnungen wieder und erkannten die Genialität darin. Und wie seine Bohnen Informationen an die Nachkommen weitergeben, werden wohl auch Schülern bis in alle Ewigkeit seine Lehren nicht erspart bleiben, während sie genüsslich in ihre perfekten Birnen und üppig belegten Brote beißen. Chapeau!